Ein Storchenpaar steht mit nassem Gefieder im Nest.
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Pfusch am Bau: Warum Storchenjunge im Nest ertrinken

Es geht dem Storch wie dem Häuslebauer: Fehler beim Nestbau haben fatale Folgen für die Küken. Im Storchennest bedeutet das: wenn das Nest voll Wasser läuft, ertrinkt der Nachwuchs jämmerlich. Aber wer ist an solchen Fehlkonstruktionen schuld - der Mensch, weil er die Nisthilfen für die Störche falsch anlegt oder der Storch, weil er sein Nest falsch baut?

Ein Storchenpaar steht mit nassem Gefieder im Nest.
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Es war ein fieser Sommer aus Sicht vieler Störche: Erst trocken – die Storcheneltern fanden keine Frösche, Mäuse, Regenwürmer für den Nachwuchs im Nest. Dann Kälte und Stürme, sodass viele Jungtiere im Nest erfroren, weil sie zu groß waren, um noch komplett vom Federkleid der Eltern bedeckt und gewärmt zu werden. Schließlich lang anhaltende Regengüsse: Jungstörche leiden nicht nur an der Nässe von oben, die ihr Federkleid noch nicht abweist, sondern auch von unten: Sammelt sich in der Nist-Rinne im Nest Wasser, erfrieren die Jungtiere oder ertrinken.

Tödliches Nistmaterial

Blick in ein Storchennest
Im Nest verendet: Jungvögel Bildrechte: dpa

Storchen-Experte Kai Thomsen vom Michael Otto Institut in Husum: "Die Nisthilfe, die Menschen anlegen, sieht zwar aus wie ein Nest, besteht aber meist nur aus Nistunterlagen wie zum Beispiel einem korbartigen Kranz aus Reisig, ein paar Brettern oder einem Korb. Den Rest bauen sich die Vögel selbst."

Dafür bedienen sich Störche unweit des Nestes auf nahegelegenen Bauernhöfen – nicht mehr an klassischen Misthaufen mit Pferdedung, sondern an dem, was sie heute dort vorfinden: Gras-Silagen für Rinder oder Grasschnitt auf dem Kompost - und damit also Material, das bei Regen quillt und Wasser aufstaut. Zusammen mit Plastikfolien und Netzen von Silageballen, die er auf Wieen oder Höfen ergattert, baut sich der Storch so ein bestens gepolstertes, aber Nässe stauendes Nest.

Trocken nistet es sich besser

"Strohhaufen, die bewusst in der Nähe der Nester ausgelegt werden, werden von den Störchen als Nistmaterial erkannt", rät Thomsen im Gespräch mit MDR Wissen: "Wichtig ist auch, an Abstand zwischen Brettern zu denken, wenn Nisthilfen angelegt werden." Was aber nun, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen, also das Nest schon falsch gepolstert ist und Wasser speichert? Dann ist - wie beim menschlichen Häuslebauer - Nacharbeit im Storchennest angesagt. "Dann werden Nestmulden kontrolliert, falsches Polstermaterial wird entfernt und zum Beispiel mit Holzschredder ersetzt, damit im nächsten Jahr das Wasser durchsickern kann."

Zwischenfazit der Regionen

Störche, die im Norden Deutschlands nisten, hatten es verglichen mit denen in Bayern ind diesem Jahr schwerer. "Allein Mitte Juni, nach 24 Stunden Dauerregen und Weststurm, kamen im Norden von Schleswig-Holstein gut die Hälfte aller Jungstörche um“, hatte Kai Michael Thomsen für den Blog des Naturschutzbundes Nabu vermerkt, auf dessen Storchenkarte sich die Flugrouten einzelner Störche verfolgen lassen. In Bayern dagegen sieht es aktuellen Beobachtungen zufolge nach einem Rekordjahr für Störche aus, sagt Michael Kaatz. In Sachsen-Anhalt hat der Vogelexperte vom Storchenhof Loburg im Jerichower Land allerdings bei vielen Brutpaaren große Verluste beobachtet. "Ab einem Alter von etwa vier Wochen werden viele Jungstorche beringt. Von den Tieren, die dieses Alter erreicht haben, könnten dieses Jahr etwa 20 bis 30 Prozent gestorben sein", schätzt er.

Drei Storchenküken sitzen in einem Nest auf dem Storchenhof Loburg.
Im Storchenhof Loburg werden auch verlassene Jungstörche aufgezogen Bildrechte: Vogelschutzwarte Storchenhof Loburg

In Mitteldeutschland leben die Störche vor allem entlang der Elbe, in deren Flussauen sie ein reiches Nahrungsangebot finden. Die noch höheren Niederschläge in Thüringen und am Harz haben die Tiere daher weniger in Mitleidenschaft gezogen, da sie dort kaum siedeln. "Aber vor allem in der Altmark und im Raum Salzwedel war es sehr schwer für die Tiere", sagt Kaatz. Von einem katastrophalen Jahr will er allerdings noch nicht sprechen, nur von einem schlechten Bruterfolg. Abschließende Zahlen liegen noch nicht vor, bisher stützen sich die Aussagen der Experten nur auf die Beobachtungen anderer Forscher und ehrenamtlicher Vogelfreunde. Für Sachsen-Anhalt soll es sichere Daten bis zum Storchentag am 21. Oktober geben. Für ganz Deutschland werden die Zahlen erst 2018 abgeschlossen sein.

Nicht nur der Storch leidet in regenreichen Sommern

Wie stark sich die schwierige Witterung auf den Bestand anderer Vögel ausgewirkt hat, lässt sich NABU-Mitarbeiter Thomsen zufolge nicht ganz so gut einschätzen. "Der regenreiche Sommer dürfte insbesondere für Schwalben ungünstig gewesen sein, weil der Regen die Aktivität an Fluginsekten behindert." Beim Nachwuchs hätten es Weißstörche allerdings besonders schwer. Da sie erst spät und nur einmal brüten, könnten sie Verluste nicht durch eine zweite Brut wettmachen, so Thomsen.

Viele nasse Sommer in Folge werden zum Problem

Bislang geht vom Regen noch nicht die größte Gefahr für den Storchbestand aus. Problematischer ist, dass die Vögel in einigen Ländern, in denen sie Winterquartier beziehen, gejagt werden. Und in Europa gefährden auch ältere Strommasten mit zu geringem Abstand zwischen den Leitungen die Tiere. Pessimistisch beurteilt Thomsen die langfristige Klimaentwicklung. Denn nasse Phasen in den Sommermonaten mit Starkregen könnten in der Zukunft häufiger auftreten, glauben die Klimaforscher, und das könnte für Tiere und Menschen gleichermaßen zum Problem werden.

Storch Albert von Lotto und Störchin Mina auf einem Nest.
Bildrechte: Vogelschutzwarte Storchenhof Loburg/dapd

Über dieses Thema berichtet MDR auch im Fernsehen: Sachsen-Anhalt heute | 05.08.2017 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 27. August 2017, 08:00 Uhr