Der Biologe John Chapman untersucht ein angespültes japanisches Boot am Strand von Long Beach.
Muscheln, die sich am Wrack eines japanischen Boots festgesetzt haben, sind lebend auf dem amerikanischen Festland angekommen. Bildrechte: Russ Lewis/dpa

Ungeplante Einwanderung Tiere reisen mit Tsunami-Müll von Japan nach Amerika

Die Tsunamikatastrophe von 2011 zerstörte nicht nur das Atomkraftwerk Fukushima, sondern spülte auch zahlreiche Tiere und Pflanzen ins Meer. Sie reisten auf Trümmerteilen bis an die Küsten der USA - und vermehrten sich dabei sogar noch.

von Clemens Haug/Anja Garms

Der Biologe John Chapman untersucht ein angespültes japanisches Boot am Strand von Long Beach.
Muscheln, die sich am Wrack eines japanischen Boots festgesetzt haben, sind lebend auf dem amerikanischen Festland angekommen. Bildrechte: Russ Lewis/dpa

Bis zu sechs Jahre waren die Tiere bereits unterwegs, als sie von den Forschern gefunden wurden: Ein Team um den US-Meereswissenschaftler James Carlton berichtet im renommierten Fachjournal "Science" von einer spektakulären Entdeckung. Seit 2012 analysieren die Forscher insgesamt 634 Trümmer und Wrackteile, die 2011 durch den Tsunami in Japan ins Meer gespült worden waren. Auf den Objekten fanden die Wissenschaftler mindestens 289 Tier- und Pflanzenspezies, die lebend auf der anderen Seite des Ozeans ankamen, unter ihnen Fische, Muscheln, Schnecken, Würmer, Krebse und Algen. Einige von ihnen hatten sich auf der mindestens 7.000 Kilometer langen Reise über das offene Meer sogar vermehrt, stellten die Forscher fest.

Erstaunliche Überlebensfähigkeit

Eine japanische Boje ist mit Muscheln, Rankenfüßern und Seeanemonen bewachsen.
Bildrechte: Nancy Treneman/Oregon Institute of Marine Biology/dpa

Ein Seebeben hatte eine Riesenwelle ausgelöst, bei der unter anderem das Atomkraftwerk von Fukushima zerstört worden war. Außerdem riss das ablaufende Wasser nicht nur Trümmer, Boote oder Autos mit sich, sondern auch zahlreiche Lebewesen. Knapp sechs Jahre später zeigt sich, wie erstaunlich widerstandsfähig einige Arten sind.

"Als wir das erste Mal Arten aus Japan sahen, waren wir geschockt. Wir hätten nie gedacht, dass sie so lange leben, unter diesen rauen Bedingungen", schildert der Zoologe John Chapman, von der Oregon State University. Ob sich die Einwanderer in der neuen Heimat dauerhaft angesiedelt haben, wissen die Forscher noch nicht. Chapman geht allerdings davon aus. "Ehrlich gesagt würde es mich überraschen, wenn sie es nicht getan haben", so der Professor. Die Ansiedlung fremder Arten sicher nachzuweisen dauere allerdings Jahre bis Jahrzehnte.

Plastikmüll fördert den Arten-Austausch

Wissenschaftler gehen bereits seit einiger Zeit davon aus, dass der Plastikmüll in den Meeren den Austausch von Spezies über Ozeane hinweg verstärkt. Anders als Holz, das nach wenigen Jahren vom Meer zersetzt wird oder an den Grund sinkt, treibt Plastik oft jahrzehntelang auf und im Wasser. Holzstücke aus Japan fanden die Forscher nur knapp drei Jahre lang, ab 2014 seien die Funde massiv zurückgegangen, hieß es.

Bereits in der Vergangenheit trugen natürliche Flöße wie Bäume oder Seetang dazu bei, dass Arten zuvor unbewohnte Inseln erreichten. Durch die längere Lebensdauer von Plastik könnten die Wege allerdings noch wesentlich weiter werden.

Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL: im Radio | 02.08.2017 | 06:50 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 28. September 2017, 20:00 Uhr