Stadtteil Kröllwitz in Halle
Der Stadtteil Kröllwitz in Halle (Saale) Bildrechte: IMAGO

Pflanzen in der Stadt Urbanisierung: Mehr Arten, weniger Vielfalt

Welweit breiten sich Städte immer weiter aus, auch bei uns. Bis 2030 werden wir vorraussichtlich 60 Prozent mehr bebaute Flächen haben als jetzt. Welche Auswirkungen das auf die biologische Vielfalt vor unserer Haustür hat, haben Wissenschaftler des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ) und des Deutschen Zentrums für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) anhand der Region Halle (Saale) untersucht.

Stadtteil Kröllwitz in Halle
Der Stadtteil Kröllwitz in Halle (Saale) Bildrechte: IMAGO

Dazu werteten sie Aufzeichnungen und Pflanzensammlungen aus 300 Jahren aus, aus denen hervorgeht, zu welcher Zeit welche Pflanzenarten in Halle anzutreffen waren. Der botanisch interessierte Arzt Christoph Knauth veröffentlichte zum Beispiel schon 1687 eine weitgehend vollständige Artenliste für die Stadt. Mehr als 20 Botaniker erfassten die hallesche Flora im Laufe der darauffolgenden Jahrhunderte, in denen sich die Bevölkerung der Stadt mehr als verzehnfachte.

Genanalysen zeigen Verwandtschaft

Das Forscherteam um UFZ-Geoökologin Dr. Sonja Knapp fand heraus, dass die Zahl der Pflanzenarten in Halle zwischen dem Ende des 17. Jahrhunderts und dem Beginn des 21. Jahrhunderts deutlich gestiegen ist - von 711 auf 860 Arten. Zugleich sank allerdings die verwandtschaftliche Vielfalt der Pflanzen. Denn viele der neuen Arten sind miteinander verwandt. Durch genetische Analysen kann man heute feststellen, welche Pflanzen verwandt sind und wer von wem abstammt. Aus diesen Daten entsteht ein Stammbaum, ähnlich einem Familienstammbaum wie wir ihn kennen. Die Länge der Äste von einem "Blatt" zum anderen sagt auch aus, wie viel Zeit vergangen ist, bevor sich aus einer Pflanzenart eine weitere entwickelt hat.

Dr. Sonja Knapp
Dr. Sonja Knapp Bildrechte: UFZ

Im Stadtgebiet Halle sind einheimische Arten verschiedenster Pflanzenfamilien ausgestorben. Bärlappgewächse zum Beispiel: Der gewöhnliche Moorbärlapp und der Keulenbärlapp. Die brauchen es kühl und feucht. Aber wo man Häuser bauen will, braucht man trockenen Untergrund. Das ist ein ziemlich deutliches Beispiel dafür, dass Städtebau ganze Familien verdrängen kann.

Dr. Sonja Knapp, Geoökologin UFZ

4,7 Milliarden Jahre Evolutionsgeschichte gingen verloren

Die Forscher haben die Summe aller Astlängen der Abkömmlinge im Stammbaum, die im Raum Halle inzwischen ausgestorben sind addiert und damit auch die Zeiten, die für die Entwicklung einer Art zu anderen notwendig waren. So kamen sie zu dem Ergebnis, dass damit 4,7 Milliarden Jahre, die für die Evolution nötig waren, verloren gegangen sind. Diese Zahl macht noch einmal deutlich, wie stark die verwandschaftliche Vielfalt, also die Vielfalt an vielen verschiedenen Familien gesunken ist

Wissenschaftler wagen einen Blick in die Zukunft

Das Team berechnete, wie sich die aktuelle verwandtschaftliche Vielfalt der halleschen Flora ändern würde, wenn zum einen die auf der Roten Liste der gefährdeten Arten genannten Pflanzen aus Halle verschwinden würden und zum anderen die in Deutschland häufigsten gebietsfremden Arten, die es in Halle noch nicht gibt, dort einwandern würden.

Die verwandtschaftliche Vielfalt wird sehr wahrscheinlich weiter sinken.

Dr. Marten Winter, iDiv

Frühlings-Adonisröschen
Das Frühlings-Adonisröschen (Adonis vernalis) verschwand im 19. Jahrhundert aus Halle. Die Art ist auf stickstoffarme Böden angewiesen. Sie gilt heute in ganz Deutschland als gefährdet. Bildrechte: André Künzelmann, UFZ

Aber auch diese Vielfalt ist neben der Vielfalt der Arten eine wichtige Grundlage für die Stabilität von Ökosystemen. Sie fördert die Vielfalt anderer Organismen und kann die Produktion von Biomasse steigern. Wie viele Millionen Jahre Evolutionsgeschichte verloren gehen müssen, damit Ökosysteme instabil werden, ist bislang allerdings noch nicht erforscht.

In Halle sind viele einheimische Arten verschwunden. Vor allem die, die nährstoffarme, feuchte und kühle Lebensräume brauchen. Wie eben Bärlappgewächse und Farne. Umso mehr müssen wir sie dort, wo sie noch anzutreffen sind, besonders schützen.

Dr. Sonja Knapp, Geoökologin UFZ

Japanischer Staudenknöterich
Der Japanische Staudenknöterich (Fallopia japonica) kommt, wie auch der eng verwandte Schling-Flügelknöterich, seit dem Ende des 20. Jahrhunderts in Halle vor. Die in Deutschland gebietsfremde Art wächst gut auf warmen, stickstoffreichen Standorten. Bildrechte: André Künzelmann, UFZ/MDR

Über dieses Thema berichtete der MDR im Radio MDR 1 Radio Sachsen | 18.04.2017 | 16:05 Uhr

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Zuletzt aktualisiert: 26. April 2017, 18:00 Uhr