Zwei Mädchen spazieren durch den Wald
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Heilkraft der Natur Waldbaden ist das neue Spazierengehen

Im Wald zu sein, tut Körper und Seele gut. Das spüren wir intuitiv. Aber es ist auch wissenschaftlich bewiesen. Japanische Ärzte haben dafür sogar einen eigenen Ausdruck: Shinrin Yoku - Waldbad. Aber was genau ist so heilsam daran? Wissenschaftler erklären es mit dem sogenannten "Biophilia-Effekt" - der Interaktion zwischen Mensch und Natur.

von Kathleen Raschke-Maas

Zwei Mädchen spazieren durch den Wald
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Seit den 1980er Jahren wird dieses Phänomen aus verschiedenen Perspektiven erforscht. Ärzte, Landschafts- und Umweltmediziner, Ökopsychosomatiker und Wildnispädagogen zum Beispiel untersuchen, warum uns der Wald so gut tut und warum er vermutlich sogar vor Krebs schützen kann. Einer der ersten war der schwedische Arzt Roger Ulrich, der 1980 belegen konnte, dass schon der Anblick eines Baumes aus dem Krankenhausfenster dafür sorgte, das Patienten schneller gesund wurden. Dieses Ergebnis wurde in der Wissenschaftszeitschrift "Science" veröffentlicht und von anderen Forschern geprüft.

Clemens Arvay
Clemens Arvay, Biologe und Autor Bildrechte: MDR/ Lukas Beck

Der österreichische Biologe Clemens Arvay hat sich intensiv mit den Untersuchungen zur Heilkraft des Waldes beschäftigt und dazu das Buch "Der Biophilia-Effekt" veröffentlicht. Er erklärt, warum das "Waldbaden" überhaupt wirkt.

Im Wald kommunizieren Pflanzen untereinander. Sie schütten chemische Verbindungen aus, sogenannte Terpene, und geben sie an die Luft ab. So warnen sie andere Pflanzen vor Angreifern oder Schädlingen, die daraufhin ihr Immunsystem hochfahren, um sich zu schützen.

Clemens Arvay, Biologe und Autor

Das ist wissenschaftlich belegt. Inzwischen sind ca. 40.000 dieser "Pflanzenvokabeln" sogar entschlüsselt worden. Auch wir Menschen empfangen diese Signale, wenn wir durch den Wald gehen und auch unser Immunsystem reagiert darauf, indem es aktiv wird. Das haben Forscher der Nippon Medical School in Tokio herzausgefunden.

Ein Waldspaziergang gegen Krebs?

Illustration einer Fresszelle, die nach einem Tumor greift
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Fährt unser Immunsystem hoch, werden mehr weiße Blutkörperchen gebildet, sogenannte Killerzellen. Nach einem Waldspaziergang sind es etwa 50 Prozent mehr als davor. Sie sind dann auch lang anhaltend aktiver und bekämpfen nicht nur körperfremde Keime, sondern auch körpereigene Krebszellen. Was sich anhört wie ein kleines Wunder, wurde von der Nippon Medical School statistisch untermauert.

Die Forscher konnten belegen, das Menschen, die in Waldnähe leben, deutlich weniger an Krebs erkranken als die, die keinen Wald in der Nähe haben.

Clemens Arvay, Biologe und Autor

Inzwischen gibt es auch Krebstherapien, die Terpene berücksichtigen. Und natürlich werden auch Diäten mit terpenhaltigen Gemüsen wie Stangensellerie und Karotten empfohlen. Beides begünstigt möglicherweise eine positive Veränderung, reicht aber allein für einen durchschlagenden Erfolg nicht aus.

Bäume sind gut fürs Herz und halten jung

Waldspaziergänge schützen auch unser Herz-Kreislauf-System. Sind wir im Grünen, schüttet unser Körper vermehrt das Hormon DHEA aus. Es wird in der Nebennierenrinde gebildet und stärkt unser Herz und unsere Gefäße. Bei Stress und mit zunehmendem Alter lässt die DHEA-Produktion im Körper nach, deshalb ist Zeit unter Bäumen auch Seelenbalsam und in gewisser Weise auch Jungbrunnen.

Wald schenkt innere Ruhe

Waldatmosphäre zum Beispiel mit Vogelgezwitscher und dem Rauschen eines Wasserlaufs aktiviert auch den Parasympatikus, den sogenannten Ruhenerv. Er ist für Stoffwechsel, Erholung und den Aufbau körpereigener Reserven verantwortlich. Im Wald sorgt er also dafür, dass die Stresshormone zurückgefahren werden und der Blutdruck sinkt. Ein Geschenk für Burnout-Patienten und alle, die sich gestresst fühlen.

Ein Fluss in einem Wald
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Waldbaden ist eine Therapie

All diese Effekte des "Waldbadens" sind wissenschaftlich belegt. Die einzelnen Studien führt Clemens Arvay in seinem Buch an. In Japan übrigens ist die Waldmedizin eine anerkannte wissenschaftliche Disziplin, die an Universitäten und Hochschulen gelehrt und die weiter erforscht wird. Das Waldbaden ist sowohl in Japan als auch in den USA eine von den staatlichen Behörden anerkannte Therapie.

Die Medizin der Zukunft sollte den Menschen als das betrachten, was er eigentlich ist: ein Naturwesen, das untrennbar mit seiner Umwelt verbunden ist.

Clemens Arvay, Biologe und Autor

Auch an der Universität Rostock wird derzeit ein zertifizierter Ausbildungsgang zum Waldtherapeuten entwickelt. Spaziergänge durch den Wald, verbunden mit Atemübungen und Meditation, sind die wichtigsten Faktoren dieser Waldtherapie. Den ersten anerkannten Heilwald gibt es auf der Insel Usedom.

Über dieses Thema berichtete MDR auch im Fernsehen: LexiTV | 30.05.2016 | 15:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 25. Mai 2017, 12:00 Uhr