Sommerwiese und dunkler himmel
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"Jena-Experiment" untersucht die Zukunft des Ökosystems Unsere Wiesen - bedrohte Paradiese?

Unsere heimischen Wiesen gehören zu den artenreichsten Ökosystemen. Pflanzen, Insekten und Mikroorganismen leben hier in einer Symbiose zusammen und sichern sich gegenseitig das Überleben - das zeigt LexiTV heute ab 15.00 Uhr im MDR Fernsehen. Doch wenn einige der beteiligten Arten durch intensive Landwirtschaft und Klimawandel verschwinden, gerät das innere Gleichgewicht ins Wanken.

Sommerwiese und dunkler himmel
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Durch intensive Landwirtschaft sind üppige Wiesen im Laufe der letzten 100 Jahre seltener geworden. Auf einem bestellten Feld oder einer Kuhweide kann einfach keine Vielfalt gedeihen. Auch ein verändertes Klima bedroht die kleinen Paradiese. Forscher vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) simulierten auf einem Versuchsfeld in Bad Lauchstädt ein Klima, wie es bei uns im Jahr 2050 erwartet wird.

Ein Versuchsfeld bei Bad Lauchstädt
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Erste Ergebnisse lassen die Prognose zu: Nicht alle Pflanzen werden sich anpassen können und nach und nach aus unseren Wiesen verschwinden.

Wiese
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Weniger Arten - stärkere Gefährdung

Was es für das Ökosystem Wiese bedeutet, wenn Arten aus ihr verschwinden, das untersucht das sogenannte "Jena-Experiment". Es ist eines der weltweit größten Experimente zur Erforschung von Biodiversität. Auf einer Versuchsfläche von zehn Hektar wurden 585 Parzellen angelegt, unterschiedlich bepflanzt und dann in Langzeitstudien beobachtet. Da das Thema Artenvielfalt vor Ländergrenzen keinen Halt macht, sind hier Wissenschaftler aus ganz Europa beteiligt.

Große Vielfalt - große Stabilität

Welchen Unterschied macht es, ob eine Wiese aus einer oder aus 60 Pflanzenarten besteht? Welche Auswirkungen hat die Artenvielfalt auf die Stoffkreisläufe und Prozesse innerhalb des Ökosystems? Diesen Fragen gehen Forscher verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen im Jena-Experiment nach. Was sie herausgefunden haben, verrät Prof. Nico Eisenhauer vom Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) Halle-Jena-Leipzig. Er ist Sprecher der Forschungsgemeinschaft "Jena-Experiment".

Prof. Dr. Nico Eisenhauer
Prof. Dr. Nico Eisenhauer, Sprecher Jena Experiment Bildrechte: Deutsches Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung

Wir konnten feststellen, dass Pflanzengemeinschaften mit einer großen Artenvielfalt deutlich stabiler und widerstandsfähiger sind. So ertragen sie Klimaextreme wie Starkregen oder Trockenheit viel besser. Diese Erkenntnis könnten vielen Landwirten helfen, die sich einen stabilen Ertrag wünschen, aber das Wetter eben nicht beeinflussen können. Auch gegen Krankheiten sind üppige Wiesen einfach resistenter.

Ein Mann hockt am Boden eines Feldes und hält verschiedene Flaschen in den Händen.
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Was das Jena Experiment auszeichnet, ist, dass hier verschiedene Forschungsgruppen an den gleichen Flächen arbeiten. Sie können alle Facetten des Ökosystems Wiese, wie Bestäubung, das Zusammenspiel von Bodenlebewesen und oberirdischen Pflanzenteilen, und Stickstoff- und Kohlenstoffkreisläufe beobachtet werden. Ergänzend wird auch mit Computermodellen gearbeitet. So können die Wissenschaftler umfassend schlussfolgern, Bilder zeichnen, welche Veränderungen in der Vielfalt welche Konsequenzen nach sich ziehen.

Artenreichtum schützt vor Invasoren

Auf Wiesen mit einer großen Artenvielfalt siedeln invasive Pflanzen viel seltener an. Diese könnten, haben sie erstmal Fuß gefasst, heimische Arten verdrängen und damit die Vielfalt wiederum reduzieren. Ein Teufelskreis, gegen den eine gesunde, artenreiche Wiese gut gewappnet ist.

"Der vorhandene heimische Bewuchs nutzt die Ressourcen des Lebensraumes bereits so intensiv aus, dass es fremde Arten schwer haben, sich niederzulassen. Das konnten wir in unseren Invasionsstudien eindeutig nachweisen. Insofern ist es wirklich sinnvoll, das Wachstum und die Vielfalt der heimischen Arten zu unterstützen. Zum Beispiel durch die Aussaat von Pflanzen, die ursprünglich in dem Gebiet vorkommen, in dem ich sie ausbringen möchte. Denn sie sind für die Bedingungen dort, also Boden und Klima, bereits angepasst und haben so einen Vorteil gegenüber fremden Arten. " schlussfolgert Prof. Nico Eisenhauer.

Wiese durch Fisheye
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Brauchen wir unsere Wiesen eigentlich noch?

Wiesen sind von Menschenhand gemacht. Die ersten Haustiere des Menschen begannen, an Waldrändern Schößlinge, Sträucher und kleine Bäume abzufressen und bereiteten damit den Boden für einen neuen Lebensraum - die Wiese. Heute ist die private Haltung solcher Nutztiere selten geworden. Und selbst die Bauern, die früher Heu der Wiese in großen Mengen für die Winterfütterung brauchten, haben die Tierhaltung reduziert. Da stellt sich die Frage, wozu wir eigentlich die Wiesen noch brauchen.

Wie können wir unsere Wiesen schützen?

Indem wir anfällige Monokulturen vermeiden und heimische Tier- und Pflanzenarten schützen, die zu einer gesunden Wiese gehören. Dazu wurde inzwischen im Bundesnaturschutzgesetz festgeschrieben, dass ab dem Jahr 2020 in der freien Landschaft nur noch Pflanzen und Saatgut ausgebracht werden dürfen, die dort auch ursprünglich hingehören. Streng genommen gehören landwirtschaftliche Nutzflächen und besiedelte Gebiete nicht dazu. Wer aber sinnvoll etwas für den Schutz der kleinen Paradiese tun möchte, besorgt sich das entsprechende Pflanz- und Saatgut. Inzwischen gibt es Anbieter, die für jede Region die richtige Mischung parat haben.

Eine gesunde Wiese braucht auch Pflege. Wird sie nicht gemäht oder beweidet, ergreifen Sträucher und Bäume Besitz von ihr. Da immer weniger Bauern Tiere halten, die das Heu einer Wiese brauchen, finden sich auch immer weniger, die sie pflegen. Besonders problematisch ist das in Thüringen, wo die Bergwiesen mit schwerer Technik auch noch schwer zu erreichen sind.

Zuletzt aktualisiert: 15. Mai 2017, 17:15 Uhr