Meine Geschichte | 05.08.2014 Baldur Haase: Wie mich ein Buch ins Gefängnis brachte

Das Buch "1984" ist eines der brisantesten Bücher der Geschichte. George Orwell beschreibt darin einen totalitären Überwachungsstaat. Obwohl der Autor es nicht als Angriff auf den Sozialismus angelegt hatte, ist der Besitz ist zu DDR-Zeiten verboten. Wer es dennoch liest, wandert in den Knast - wie Baldur Haase aus Jena.   

"Was die Partei für Wahrheit hält, ist die Wahrheit. Es ist unmöglich, die Wahrheit anders zu sehen, als mit den Augen der Partei." Das Zitat stammt aus George Orwells Buch "1984". Der Roman beschreibt die negative Utopie einer Gesellschaft, in der eine Gedankenpolizei das Leben kontrolliert. Ein Diktator, genannt "Big Brother", sieht und beherscht alles, bis in die innerste Gefühlswelten der Menschen.

Am 8. Juni 1949 erscheint der Roman in London unter dem Orginaltitel "Nineteen Eighty-Four" - und wird im sozialistischen Lager als antikommunistisches Pamphleth eingestuft. Ein geheimes Gutachten bewertet es als "staatsfeindliches, besonders gegen die Sowjetunion und alle sozialistischen Länder gerichtetes Hetzmaterial". Der Diktator gleiche mit seinem dicken, schwarzen Schnauzbart Stalin. Besitz und Verbreitung des Buches werden verboten.

Baldur Haase und seine Brieffreundschaften

Von all dem ahnt Baldur Haase Mitte der 1950er-Jahre nur wenig. 1939 geboren, wächst er in Unterwellenborn in Thüringen auf. Dort erhält er die Kommunion, aber auch das Halstuch der jungen Pioniere. Er hört RIAS, wird aber auch Mitglied der FDJ. Seine Leidenschaft gilt seinen Brieffreunden, er tauscht sich mit Menschen in Argentinien, Brasilien, Indonesien und Indien aus, ohne zu wissen, dass das Ministerium für Staatssicherheit diese Korrespondenzen in den Westen schon 1957 auf dem Schirm hat.  

Baldur beginnt eine Lehre zum Buchdrucker - und wird als Lehrling 1958 im Auftrag der FDJ zum Arbeiterjugend-Kongress delegiert. In Erfurt sind auch westdeutsche Jugendliche zu Gast. Baldur Haase und seine Kollegen werden mit Klassenkampfparolen darauf vorbereitet. Doch Baldur hält von Agitation nichts. Stattdessen unterhält er sich mit Rainer aus Duisburg, einem engagierten Bergarbeiter, der auch in einer westdeutschen  Jugendbewegung aktiv ist. 

Ich fragte ihn doch, ob er Lust hätte, mit mir in Briefkontakt zu treten. Die Initiative dazu ging aber von mir aus. Und da muss ich wieder sagen, obwohl es kurios klingt, ich als DDR-Bürger bin da gar nicht drauf gekommen. Er sagte zu mir: 'Ist das nicht ein bisschen gefährlich für dich? Briefkontakte mit westlichen Ländern. Kann da nicht mal jemand was mitbekommen?'

Baldur Haase, hält Briefkontakte in alle Welt

"West-Paket" mit weitreichenden Folgen

Rainer und Baldur beginnen eine intensive Brieffreundschaft. Über das Leben, die Liebe, aber auch über politische Themen. Baldur schreibt offenherzig über seinen Frust in der DDR - und die Staatssicherheit liest mit. In einer Konversation ist die Rede von der "DDR-Propagandamaschine" . Von da an gilt Baldur Haase als "gefährliches Element".  Auch in Orwells Romans werden alle Briefe vor der Zustellung geöffnet. Doch Baldur Haase kennt weder das Buch, noch ahnt er von den Mitlesern. Als er 1958 ein Päckchen von Rainer mit dem Werk Orwells bekommt, ist er fasziniert. Er liest es und verleiht es an zwei Freunde.

Ich habe mir schon gedacht, dass das Buch in der DDR nicht erwünscht sein wird, aber ich habe gedacht, wenn man das Buch bei mir findet und es mir wegnimmt, konfisziert, dass man mich zu einer Gelstrafe von vielleicht 150 Mark verurteilt. Die Hälfte eines Monatslohns wäre für mich eine so harte Strafe gewesen. Ich hätte vielleicht nie wieder ein Buch angefasst so schnell."

Baldur Haase, Orwell-Fan

Doch sein Leben nimmt eine andere Wendung: An seinem 19. Geburtstag wird Haase von seinem eigenen Schwager bei der Stasi denunziert. Wenige Monate später wird sein Zuhause durchsucht, das Buch beschlagnahmt.

Baldur Haase wird verhaftet und landet im Stasi-Knast in Gera. Dort bekommt er die Häftlingsnummer 311 - und weiß nicht, was er eigentlich verbrochen hat.

Der Vernehmungsoffizier hat mir dann auch vorgelesen aus meinen Briefen, aus den Kopien, die er hatte. Meinen Briefen. Und hat sich an meinem Entsetzten geweidet. Hat höhnisch gelächelt, wenn ich dann mal erschrocken war und ganz perplex, woher er das wusste. Ich war sehr in Angstzustände versetzt. Ich hab dann auch zugegeben, das ist von mir."

Baldur Haase, politischer Häftling 1959-1961

Schlafentzug und Einzelhaft tun ihr übriges. Nach wenigen Wochen legt er ein ein volles "Geständnis" ab. Baldur Haase wird für drei Jahre und drei Monate Zuchthaus verurteilt, wegen staatsfeindlicher Hetze. Kurz vor dem Mauerbau wird er auf Bewährung entlassen. Er ist ein gebrochener Mensch, dem es schwer fällt, sich zu integrieren. Obwohl er sich anpasst, wird Baldur Haase bis zum Ende der DDR Staatssicherheit kontrolliert. 1991 ist Baldur Haase rehabilitiert worden. Heute berichtet er als Zeitzeuge von seinem Schicksal.

Zuletzt aktualisiert: 15. September 2015, 13:21 Uhr