Ilse Koch: "Ich habe die Häftlinge nie aus der Nähe betrachtet"

Foto der Angeklagte Ilse Koch, die im Buchenwald-Prozess zu lebenslanger Haft verurteilt wurde. 1948 wurde das Urteil in 4 Jahre Haft umgewandelt; 1949 erfolgte eine erneute Anklage vor dem bayerischen Staatsgerichtshof wegen
Vor dem Buchenwald-Prozess In Dachau findet von April bis August 1947 der erste Prozess statt, der die im KZ Buchenwald begangenen Verbrechen sühnen soll. Zwei Jahre zuvor haben sie die Amerikaner in das Gefangenenlager auf dem Gelände des ehemaligen KZ interniert. Auf der Anklagebank sitzen SS-Offiziere, Angehörige der Wachmannschaften, Lagerärzte wie August Heinrich Bender - 31 Männer und eine Frau: Ilse Koch, die Gattin des Kommandanten von Buchenwald. Karl Koch selbst lebt zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr. Er war im Zuge eines Korruptionsprozesses, von einem SS-Gericht wegen Unterschlagung und Mord verurteilt und am 5. April 1945 im KZ Buchenwald hingerichtet worden. Bildrechte: National Archives Washington (NARA)
Foto der Angeklagte Ilse Koch, die im Buchenwald-Prozess zu lebenslanger Haft verurteilt wurde. 1948 wurde das Urteil in 4 Jahre Haft umgewandelt; 1949 erfolgte eine erneute Anklage vor dem bayerischen Staatsgerichtshof wegen
Vor dem Buchenwald-Prozess In Dachau findet von April bis August 1947 der erste Prozess statt, der die im KZ Buchenwald begangenen Verbrechen sühnen soll. Zwei Jahre zuvor haben sie die Amerikaner in das Gefangenenlager auf dem Gelände des ehemaligen KZ interniert. Auf der Anklagebank sitzen SS-Offiziere, Angehörige der Wachmannschaften, Lagerärzte wie August Heinrich Bender - 31 Männer und eine Frau: Ilse Koch, die Gattin des Kommandanten von Buchenwald. Karl Koch selbst lebt zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr. Er war im Zuge eines Korruptionsprozesses, von einem SS-Gericht wegen Unterschlagung und Mord verurteilt und am 5. April 1945 im KZ Buchenwald hingerichtet worden. Bildrechte: National Archives Washington (NARA)
Austellung für die 1.600 Weimarer Bürger, die nach dem Ende des Krieges und der Befreiung des Lagers auf den Ettersberg geführt wurden
Grausige Funde im KZ Buchenwald Von Juli 1937 bis April 1945 sterben im KZ Buchenwald 56.000 Menschen. Als die Amerikaner das Lager am 12. April befreien, sind die Gräuel noch allgegenwärtig. Sie stoßen auf ausgehungerte Menschen, Leichenberge und die Hinterlassenschaften von Menschen-Experimenten. Entdeckt werden Schrumpfköpfe und Fetzen gegerbter und tätowierter Menschenhaut. Es stellt sich heraus, dass in der Pathologie des Lagers tätowierte Haut toter Häftlinge im großen Stil konserviert wurde, der SS-Lagerarzt Erich Wagner zur "Tätowierungsfrage" an der Universität Jena promovierte. Schockiert von diesem Anblick und den Funden zwingen die Amerikaner am 16. April rund 1.000 Weimarer Bürger, auf den Ettersberg zu laufen, um ihnen das Ausmaß der Gräuel in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft vor Augen zu führen. Bildrechte: National Archives Washington (NARA)
Karteikarte zur Erklärung der
Eine Karteikarte erklärt die "Exponate". Bildrechte: National Archives Washington (NARA)
Haftbogen mit Foto und Fingerabdrücken von Ilse Koch, der für den Buchenwald-Prozess angelegt wurde.
Als "Hexe von Buchenwald" ist die Stenotypistin aus Dresden, die im KZ zur "Kommandeuse" aufstieg, der Weltöffentlichkeit bereits bekannt, als der Prozess in Dachchau 1947 startet. Hier ist sie zu sehen auf einem Haftbogen, der für den Buchenwald-Prozess angelegt wurde. Auf ihren Befehl hin sollen Häftlinge geschlagen, ermordet und gehäutet worden sein. Lampenschirme und Handschuhe aus Menschenhaut, so heißt es, hätte sie besessen, halbnackt wäre sie am Lagerzaun entlangspaziert, Affären mit mindestens zwei SS-Männern habe sie gehabt. Bildrechte: National Archives Washington (NARA)
Ronald Hirte, Historiker, Gedenkstätte Buchenwald
Ronald Hirte ist Historiker an der heutigen KZ-Gedenkstätte Buchenwald und stellt fest: "Als Ehefrau, als Mutter, hätte sie im Lager nicht präsent sein müssen. Sie hätte in der Villa wohnen können, sie hätte sich da bedienen lassen können, was es ja auch gab, aber sie war im Lager präsent. Und das ist schon einmal ein Aspekt, den man benennen muss: Warum tut sie das, warum geht sie da hin und zeigt sich auch?" Bildrechte: MDR /Geschichte Mitteldeutschlands
Die Angeklagte Ilse Koch im Zeugenstand des Dachauer Buchenwald-Prozesses.
Die Anklage Die Anklage wirft Ilse Koch schwerste Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor, im Buchenwald-Prozess nimmt sie das erste und einzige Mal dazu Stellung. Allein Mutter und Ehefrau will sie gewesen sein, schließlich bringt sie in den Jahren auf dem Ettersberg drei Kinder zur Welt. Von dem Elend unweit der Kommandantenvilla "Haus Buchenwald" will sie nichts mitbekommen haben. Tonaufnahmen vom Prozess existieren nicht. Doch die Prozessprotokolle sind überliefert: 11 Kartons, darunter die Aussagen von 1.500 Belastungszeugen lagern heute im Bayrischen Staatsarchiv Augsburg. Sie strafen sie Lügen. Bildrechte: National Archives Washington (NARA)
Die Angeklagte Ilse Koch, Ehefrau des Kommandanten des KZ Buchenwald, Karl Koch, während des Dachauer Buchenwald-Prozesses vor einer Karte des Konzentrationslagers Buchenwald.
Während des Prozesses bittet die Anklage, vertreten durch Oberstaatsanwalt William D. Denson, Ilse Koch vor eine Karte des Konzentrationslagers Buchenwald. Herausgefunden werden soll, welche Berührungspunkte es zwischen ihr und den Häftlingen gegeben hat. In ihrer Aussage behauptet Ilse Koch, sich als Frau des KZ-Kommandatnen nicht in Lagerangelegenheiten eingemischt zu haben. Nicht nur ehemalige Häftlinge sagen etwa anderes aus. Mit Ilse Koch auf der Anklagebank sitzt der ehemalige Adjutant Karl Kochs, SS-Sturmbannführer Hermann Hackmann, der behauptet, es habe gelegentlich "Strafzettel" gegeben mit der Nummer des Häftlings und der Zahl der Schläge, die der Betreffende zu erhalten habe, weil er sich der Frau des Kommandanten gegenüber unsittlich benommen habe. Bildrechte: National Archives Washington (NARA)
Dr. Ulrike Weckel, Historikerin
Das KZ Buchenwald ist ein Männerlager, umgeben von den Kasernenbauten der SS. Lediglich in den Villen der Lagerführung wohnen Frauen. Die meisten von ihnen meiden das Lager, verschanzen sich in ihren vier Wänden. Sind unsichtbar. Anders Ilse Koch. Sie ist die einzige SS-Offiziersfrau, die im Gedächtnis der Gefangenen und Wachmannschaften haften bleibt. Dazu meint die Historikerin Ulrike Weckel: "Deshalb sticht sie auch noch mal raus, gegenüber NS-Täterinnen, die als Aufseherinnen Frauen bewacht haben, ..., hier ist die Fantasie ja, das ist eine Frau, die über Männer Gewalt hatte und die Männer ausgewählt hat, die dann getötet wurden." Bildrechte: MDR /Geschichte Mitteldeutschlands
Dr. Eugen Kogon, ehemaliger Häftling des Konzentrationslagers Buchenwald, im Zeugenstand während des Dachauer Buchenwald-Prozesses.
Die Zeugen Als Zeuge gegen Ilse Koch tritt auch der ehemalige Häftling Eugen Kogon auf. Er war sechs Jahre in Buchenwald und veröffentlicht 1946 mit seinem Buch "Der SS-Staat" das erste Standardwerk zum System der deutschen Konzentrationslager. Er sagt aus, Ilse Koch am Stacheldrahtzaun gesehen zu haben, während die Gefangenen völlig unbekleidet auf dem Appellplatz standen und von der SS durchsucht wurden. Bildrechte: National Archives Washington (NARA)
Der Zeuge der Anklagevertretung, Kurt Titz, ehemaliger Häftling des Konzentrationslagers Buchenwald (Haft-Nr. 19907) und während seiner Haftzeit als Kalfaktor in der Villa Koch tätig, im Zeugenstand des Dachauer Buchenwald-Prozesses.
Nach Eugen Kogon ruft die Anklage einen jungen Häftling in den Zeugenstand, der als Kalfaktor im Haus der Kochs beschäftigt war: Kurt Tietz sagt aus, er sei jeden Morgen um 5 Uhr in das Haus gebracht worden, gearbeitet habe er dort bis abends um Sieben. Weder habe er dort die Toilette benutzen dürfen, noch etwas zu essen bekommen. Bildrechte: National Archives Washington (NARA)
Ilse Koch mit ihrem Pflichtverteidiger Dr. Alfred Seidel
Ilse Koch entgegnet darauf, schließlich sei Krieg gewesen. Sie hätte mit ihren Zuteilungen auskommen müssen. Ein anderer Angeklagter, der KZ-Arzt August Heinrich Bender schreibt später in seinen Erinnerungen, er habe die Küche der Kommandantur genossen: Der Chefkoch, "natürlich ein Häftling" sei früher Chefkoch des "Adlon" in Berlin gewesen: "Erlesene Speisen .... und Getränke bester Güte. Das war dort ein Leben, morgens, mittags, abends. Von dieser Küche aus wurde auch die Führersiedlung versorgt, dort wurde nicht gekocht!" Bildrechte: dpa
Ein Schrumpfkopf, Beweisstück der Anklage im Dachauer Buchenwald-Prozess.
Als Beweisstück für die Vorgänge im Lager wird auch ein Schrumpfkopf in Dachau gezeigt. In dem Prozess sagt Kochs Nachfolger, Hermann Pister aus, er habe bei seinem Amtsantritt einen solchen Kopf in seinem Büro vorgefunden. Ilse Koch bestreitet im Prozess, für die Villa Koch seien Lampenschirme und Bucheinbände aus menschlicher Haut hergestellt worden. Beweise vorlegen kann die Anklage nicht. Der immer wieder vorgeführte Lampenschirm erwies sich später bei einer näheren Untersuchung jedoch als Kunststoffprodukt. Ob im Lager tatsächlich Gefangene auf Grund ihrer Tätowierungen getötet wurden, ist bis heute nicht bewiesen, wohl aber, dass man in Buchenwald im großen Stil tätowierte Hautteile konservierte. Das steht auch in den Erinnerungen des Lagerarztes August Heinrich Bender. Bildrechte: National Archives Washington (NARA)
Prof. Dr. Christoph Safferling, Forschungs- und Dokumentationszentrum Kriegsverbrecherprozesse
Im Rückblick auf den Dachauer Buchenwald-Prozess zieht Prof. Dr. Christoph Safferling, Forschungs- und Dokumentationszentrum Kriegsverbrecherprozesse, das Resümee: "Sie war eine besondere Person, auf die sich sehr viel der öffentlichen Meinung projiziert hat, da sie ein Stück weit symbolisiert hat, was diesen NS-Terror im KZ tatsächlich ausgemacht hat. Und dann spielt auch eine Rolle, dass man von ihr als Frau eher erwartet hätte, dass sie beschwichtigend auf ihren Mann einwirkt und genau das Gegenteil von dem hat sie getan." Bildrechte: MDR /Geschichte Mitteldeutschlands
: Der Angeklagten im Dachauer Buchenwald-Prozess, Ilse Koch, Frau des ehemaligen Lagerkommandanten Karl Koch, wird ihr Urteil verlesen: Lebenslange Haft.
Das Urteil Am 14. August 1947 wird das Urteil gegen Ilse Koch verlesen. Sie kommt mit lebenslänglicher Haft davon. Denn Ilse Koch ist schwanger. Ein Umstand, der die von der Anklage geforderte Todesstrafe unmöglich macht. Später wird bekannt, dass der Vater ihres Sohnes ein Häftling, der ebenfalls in Dachau einsaß, ist: Friedrich Schäfer, ein Bekannter aus der Jugendzeit, dem es mit einigen anderen gelungen war, dem Frauenlager heimlich Besuche abzustatten. Ilse Koch wird nach dem Prozess ins Kriegsverbrechergefängnis Landsberg überführt. Bildrechte: National Archives Washington (NARA)
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