Porträt des Tages Albert Schweitzer - Friedensnobelpreisträger von 1954

Jeder hat seinen Namen schon einmal gehört oder sogar eine der schwarz-weißen Fotografien gesehen, die ihn meist als älteren Herren zeigen: Albert Schweitzer. Stets mit einem Lächeln blickt er einen von Bilderrahmen, Gedenktafeln und Büchern an. Sein Name ziert Straßen und Plätze in der ganzen Welt. Was steckt hinter dem viel geehrten Friedensnobelpreisträger aus dem Herzen Europas, der trotz oder vielleicht wegen der beiden großen Kriege zu einer moralischen Instanz wurde?

Albert Schweitzer wurde am 14. Januar 1875 im elsässischen Kaysersberg als Sohn eines Pfarrers geboren. Sicherlich war es kein einfacher Landstrich in dieser Zeit, denn der Deutsch-Französische Krieg war erst wenige Jahre vorbei und der Elsass dem neu gegründeten Kaiserreich als Kriegsbeute zugeschlagen worden. Schweitzer selbst lernte wohl erst in der Schule Hochdeutsch. So lange sprach er, wie es üblich für alemannisch-elsässischen Familien war, Dialekt.

Studium und Karriere in der Wissenschaft

Nach dem Abitur 1883 zog es ihn zu seinem ersten Studium nach Straßburg, doch wie sich herausstellen sollte, waren Theologie und Philosophie nur der Anfang seiner wissenschaftlichen Karriere. Sechs Jahre später wurde Schweitzer zum Dr. phil. promoviert, bevor er 1901 seine Dissertation im Fach Theologie abschloss. Zwei Titel schienen dem gläubigen und fleißigen jungen Mann nicht genug. Er habilitierte sich 1902 zudem in der Theologie, konnte also fortan auch den Titel eines Professors erhalten. Jahre der wissenschaftlichen Arbeit schlossen sich an. Als Universitätsdozent, aber auch als vielbeachteter Autor wirkte er weiterhin im damals deutschen Straßburg.


Bereits 1905 zog es den zweifachen Doktor wieder auf die Schulbank, mit der festen Absicht, ein Medizinstudium zu absolvieren. Es soll nicht ganz ohne Probleme abgelaufen sein, dass sich ein Dozent wieder unter die Studenten mischte. Mit dem Ziel vor Augen, als Missionsarzt in Afrika zu wirken, setze er dennoch seine erneute Immatrikulation durch. Obwohl ihm noch vorher der Professorentitel durch die Universität verliehen wurde, schrieb er 1913 seine Doktorarbeit im Fach Medizin.

Erster Aufenthalt in Afrika

Albert Schweitzer war mit nicht einmal 40 Jahren bereits Professor und dreifacher Doktor, ein Umstand, der wohl mit den heutigen Maßstäben im Bildungsbereich gar nicht mehr begriffen werden kann. Am Vorabend des Ersten Weltkriegs, der die europäischen Völker ein weiteres Mal trennen sollte, hatte Schweitzer die feste Absicht, mit seiner deutschen Frau Helene Europa in Richtung Gabun/Afrika zu verlassen. Der Erste Weltkrieg erreichte schließlich auch Afrika. Kein Jahr später wurden Schweitzer und seine Frau von französischen Kolonialtruppen unter Hausarrest gestellt, bevor sie gegen Ende des Krieges festgenommen und auf das französische Festland gebracht wurden, wo sie bis zum Ende des Krieges an der Mittelmeerküste interniert waren. In dieser Zeit soll Schweitzer zentrale Elemente seiner Ethik der "Ehrfurcht vor dem Leben" entwickelt haben.

Lebenswerk: Lambaréné

Mit dem Ende des Krieges gingen Schweitzer und seine Frau zurück in den Elsass, der nun wieder zu Frankreich gehörte und wieder oder immer noch seine Heimat war. Nun erhielt er auch die französische Staatsbürgerschaft und fand in Straßburg erneut Anstellung. In den 1920er-Jahren wurde er durch seine Schriften und Vorträge einem größeren Publikum bekannt. Wie viele andere warnte er vor dem aufkeimenden Nationalsozialismus und neuen Kriegen in  Europa. An seinem Traum, das Urwaldhospital in Lambaréné, hielt er fest und blieb dennoch mit dem europäischen Festland verbunden und informiert.

Wie wir heute wissen, geht die Wirkung Schweitzers weit über die Theologie, die Kirchenmusik, die Publizistik und die Medizin hinaus. Als er 1954 den Friedensnobelpreis erhalten hatte, rückte er erneut in das Licht der Weltöffentlichkeit und mit ihm seine Lehre der "Ehrfurcht vor dem Leben". Schweitzer stilisierte damit in den 1950er-Jahren zur moralischen Instanz, zur Leitfigur im Kampf gegen die atomare Bewaffnung der Völker. Beseelt durch seine theologisch-philosophischen Studien, aber auch durch seine eigenen Erfahrungen als Elsässer und "Weltbürger", wie er sich selber nannte, mischte er sich auch von seinem Hospital in Afrika in das Geschehen ein, immer wenn er die Welt am Rande eines Krieges sah.

Das Engagement Schweitzers rief auch Schmeichler und Claqueure jedweder politischer Farbe und Systeme auf den Plan. Erfreute sich seine Lehre bei den Bürgern vieler Länder großer Beliebtheit, sahen ihn die Mächtigen zuweilen als eine Ikone, mit der sie ihr Streben nach Weltfrieden unterstreichen konnten.

Schweitzer war Pragmatiker. Schweitzer war in einer Situation, in der er nicht über ein Krankenkassensystem und Kopfpauschalen ein Krankenhaus mit 600 Betten in Gabun finanziert bekommen hat. Und er war darum auf alle Spenden angewiesen. Er war politisch sehr gut informiert, wusste auch genau, was in der DDR los war. Aber er hat gesagt: 'Ich rede mit jedem, der Interesse an meinem Werk hat.'

Nils Ole Oermann, Schweitzer-Biograph

Pazifist und moralische Instanz

Der Mann, der wohl einfach zu viel erlebt hatte, um sich nicht einzumischen, und dem sein Urwaldhospital am Herzen lag, wurde zum Politikum und vielleicht auch zum Politiker. Jede Hilfe für sein Krankenhaus war ihm willkommen. Und konnte er als Mann des Glaubens Einfluss auf die Verhältnisse beispielsweise in der jungen DDR nehmen, so tat er es. Sein Konterfei fand sich auf diesem Wege nun auch auf DDR-Briefmarken wieder und vom Filmteam bis zum Funktionär beherbergte er jeden, der aus der DDR den Weg in sein Urwaldkrankenhaus fand. Der erste sozialistische Staat auf deutschem Boden dankte es dem Theologen mit Sammlungen von Hilfsgütern. Ein kleiner diplomatischer Akt für die nach Anerkennung suchende DDR.

Kritik am DDR-System gab es hingegen nicht, Schweitzer setzte sich eher hinter den Kulissen ein, wie sein Biograph Nils Ole Oermann berichtet. Ob es um den Systemkritiker Robert Havemann ging, der ihn 1960 in Lambarne besuchte und für den sich Schweitzer bei Ulbricht verwendet hatte, oder um die Sprengung der Leipziger Universitätskirche. Schweitzer versuchte die diplomatischen Kanäle auch in die Gegenrichtung zu nutzen.

Auch wenn Albert Schweitzer, wie in diesem Beispiel beschrieben, gerne von einem System vereinnahmt werden sollte, das in seiner Gesamtheit so gar nicht zu seinem Lebenswerk und seinen Lehren passte, ist er nach wie vor Vorbild und Instanz. Sein Humanismus und Pazifismus ließen sich nicht für den Gebrauch im jeweiligen System domestizieren oder gar als Legitimationen heranziehen. Könnte man das Werben der DDR und auch vieler anderer Staaten um die Person Schweitzers als eine Verbeugung vor seinen Lehren begreifen, so hat der Weltbürger Schweitzer ganz gewiss etwas auf der Welt zum Positiven verändert.

Zuletzt aktualisiert: 05. Juli 2016, 22:19 Uhr