Willy Brandt und Willi Stoph kommen aus dem Hauptbahnhof
SPD-Kanzler Willy Brandt und DDR-Ministerpäsident Willi Stoph kommen aus dem Erfurter Hauptbahnhof. Bildrechte: BStU

19. März 1970 Willy Brandt ans Fenster!

Willy Brandt kommt zum denkwürdigen ersten deutsch-deutschen Gipfeltreffen nach Erfurt: Unbeschreibliche Szenen spielen sich am 19. März 1970 vor den laufenden Kameras ab. Die DDR-Führung sieht sich vor der Weltöffentlichkeit bloßgestellt. Staats- und Parteichef Walter Ulbricht gerät weiter ins politische Abseits.

Willy Brandt und Willi Stoph kommen aus dem Hauptbahnhof
SPD-Kanzler Willy Brandt und DDR-Ministerpäsident Willi Stoph kommen aus dem Erfurter Hauptbahnhof. Bildrechte: BStU

Ganz entspannt?

Deutschland ist seit Jahren ein geteiltes Land. Der Kalte Krieg hat die Menschen in Ost und West einander entfremdet. Doch die Bundesrepublik hat einen neuen Kanzler. Willy Brandt will gemeinsam mit dem DDR-Ministerpräsidenten Willi Stoph die deutsch-deutsche Eiszeit beenden. Denn Staats- und Parteichef Walter Ulbricht strebt einen vorsichtigen Dialog mit der Bundesrepublik an. Honecker als Hardliner ist dagegen und weiß die sowjetische Führung auf seiner Seite. Breschnew fürchtet seit der Niederschlagung des Prager Frühlings zwei Jahre zuvor, dass die deutsch-deutsche Entspannungspolitik auch die DDR destabilisieren könnte. So ist der Weg ist mühsam. Bis zum Erfurter Treffen stolpern beide Seiten über etliche diplomatische Hürden, immer wieder droht der Gipfel zu scheitern. Wo soll das Treffen stattfinden? Wird die Bundesrepublik die DDR staatlich anerkennen? Wird die DDR menschliche Erleichterungen zusichern?

DDR-Bürger stürmen vor laufenden Kameras den Bahnhofsplatz in Erfurt

Doch Ulbricht setzt sich durch. Endlich ist das Protokoll abgestimmt. Doch einen Faktor haben Politik und Diplomatie vergessen: die Menschen.

Von Bonn bis Erfurt stehen sie an den Gleisen, zeigen ihre Erwartungen und Hoffnungen. Aufgewühlt fährt Brandt über die innerdeutsche Grenze. Als Brandt in Erfurt eintrifft, spielen sich unbeschreibliche Szenen ab. DDR-Bürger stürmen vor laufenden Kameras den Bahnhofsplatz, um Willy Brandt zu sehen. Volkspolizei und Staatssicherheit sind scheinbar machtlos. Die Aufnahmen aus Erfurt sind eine Sensation. Die DDR-Führung sieht sich vor der Weltöffentlichkeit bloßgestellt. "Willy Brandt ans Fenster!", schallt es vor dem Tagungshotel "Erfurter Hof". Und er erscheint:

Ich war an dem Tag in Erfurt. Das war schon eine Situation, in der die Volksstimmung mal so richtig hoch kochte und Leuten wie Honecker Wasser auf die Mühlen gab, gegen Ulbricht vorzugehen. Zumal er wusste, dass die Sowjets diesen Besuch Brandts in Erfurt und Stophs in Kassel nicht wollten. Das war eigenmächtige Ost-West-Politik Ulbrichts.

Klaus Taubert, damals Journalist bei der DDR-Nachrichtenagentur ADN

Ein Moment für die Geschichtsbücher. Doch Ulbricht hat nun in der Deutschland-Politik ausgespielt. Den Gegenbesuch in der Bundesrepublik koordiniert Erich Honecker. Ulbricht weilt in einem Sanatorium bei Moskau.

Ulbricht im Abseits

Nicht ausgeschlossen ist, dass Erich Honecker die Ereignisse in Erfurt sogar befördert und gesteuert hat. Ulbricht hat bei der Deutschland-Politik nun ausgespielt. Der Gegenbesuch von Willi Stoph zwei Monate später in Kassel wird alleine von Erich Honecker koordiniert und verantwortet. Walter Ulbricht haben seine sowjetischen Freunde zur gleichen Zeit zur Kur in ein Moskauer Sanatorium beordert. Nun ist es in der DDR-Führungsspitze allen klar: Honecker will an die Macht. Ulbricht - der alte, in vielen politischen Auseinandersetzungen gestählte Machtstratege - greift zum letzten Mittel: Am 1. Juli 1970 ruft er zu einer außerordentlichen Politbürositzung zusammen und setzt Honecker als 2. Sekretär einfach ab. Doch Breschnew hält seine schützende Hand über ihn. Ulbricht wird binnen der nächsten Tage "überredet" die Absetzung wieder rückgängig zu machen.

Buchtipp: Jan Schönfelder / Rainer Erices: "Willy Brandt in Erfurt. Das erste deutsch-deutsche Gipfeltreffen"
erschienen im Christoph Links Verlag Berlin, 2010, 336 Seiten
ISBN: 978-3-86153-568-3

Zuletzt aktualisiert: 19. August 2012, 20:15 Uhr