1978 Die DDR bringt eigene Jeans auf den Markt Der Mythos Jeans in der DDR

Dass eine Jeans nicht einfach nur eine Hose ist und die nachgeahmte "Doppelkappnahthose" noch lange nicht an das amerikanische Original heranreichte, das weiß Klaus-Peter Sington genau. Zu DDR-Zeiten blieb ihm das Tragen der revolutionär angehauchten Beinbekleidung verwehrt.

Klaus Peter Sington kommt aus einem kleinen Dorf ganz in der Nähe von Berlin. Er ist Jahrgang 1941 und hat seine ganz persönlichen Erfahrungen mit Jeans in der DDR gemacht, und zwar mit richtigen Levi's Jeans und nicht den Nachempfindungen Made in GDR. Eine Hose vom Klassenfeind trägt Sington das erste Mal 1957. Damals ist er 16 Jahre jung und es ist keine Jeans.

Und als ich mal eine Lederhose anhatte aus dem Westen, da wurde ich hier ausgelacht. Das fanden die hier alle urst komisch.

Klaus Peter Sington

Längst sind auch in der DDR der späten 1950er-Jahre Beatmusik, lange Haare und Jeans die Kultobjekte der jungen Leute. Vielerorts orientieren sich die Teenies an Stars und Mode aus dem Westen – sehr zum Ärgernis des eigenen Staates. Sie lieben Marlon Brando und James Dean genauso wie deren Kleidung. 1972 wird am Deutschen Theater in Ost-Berlin das Stück "Die neuen Leiden des jungen W." aufgeführt. Die Schauspieler tragen Jeans. Das Stück bringt die Sehnsucht einer ganzen Generation nach diesem Kleidungsstück zum Ausdruck. Ein Satz aus Plenzdorfs Werk wird zum Motto: Jeans sind eine Einstellung und keine Hose. Klaus Peter Sington lebt in einer ganz anderen Welt.

Ich hatte ja auch in meinem späteren Leben dann immer solche Berufe, wo die Chefs darauf bestanden – entweder du trägst einen Anzug, Anzug mit Parteiabzeichen. Der eine hat einen Aufstand gemacht, wenn ich das Ding nicht dran hatte. Da dachtest du, der Dritte Weltkrieg fängt an.

Klaus Peter Sington

Inzwischen ist Klaus Peter Sington bei der Kripo der DDR und trägt meistens Uniform. Er hat genug mit vielen jungen Leuten zu tun, die blau nicht nur oben rum, sondern auch unten rum tragen wollen. Erst 1978 hat die DDR dann ihre ersten eigenen Jeans. Sie sind blau und heißen "Goldfuchs", "Wisent" und "Boxer". Und sind von den Maßtabellen der West-Levi's-Jeans abgekupfert. Doch es nützt alles nichts. Richtige Jeans sind das nicht.

Den Stoff können Sie vergessen – das war keine Jeans. Das sah zwar blau aus, aber ich weiß nicht, was das für Gardinen waren. Und der Schnitt haute ja auch nicht hin.

Klaus Peter Sington

Als sogenannter Geheimnisträger erfährt Kripo-Mann Sington 1978 plötzlich von einer geheimen Warenbeschaffungs-Aktion. Im Auftrag der Partei werden in Amerika – dem Zentrum des Klassenfeindes – eine Million Levi's Jeans geordert. Davon will er auch eine haben.

Dann tauchte das plötzlich auf, wie aus heiterem Himmel: 'Die kaufen Jeans ein.' Bis dahin war Jeans ja so was wie der Klassenfeind Nummer Eins. Ich habe dann bei mir in der Dienststelle vorsichtig nachgefragt, kriegen wir denn auch welche ab? Da wurde ich barsch abgewiesen. Und ein anderer Kollege, der dann noch mal gefragt hatte, der hat einen Verweis gekriegt. 'Alles Quatsch. Machen wir nicht, gibt es nicht. Was erzählst du da. Verbreitest schon wieder Klassenfeind-Ideologien'.

Klaus Peter Sington

Eine Million Levi´s - aber wie verkaufen?

Nun hatte die DDR ein Problem: Sie hat eine Million echte Levi's, kann sie aber schlecht in der staatlichen Jugendmode verkaufen. Man befürchtet Hamsterkäufe, Prügeleien oder gar Aufstände. Im Politbüro hat man dann doch die zündende Idee - was die Partei selber kauft, kann sie auch selber verkaufen.

In der DDR das verlief ja alles wie beim Spargel. Alles im Dunkeln. Es wurde ja nie irgendwas veröffentlicht. Es muss im Politbüro eine Truppe gesessen haben, die generalstabsmäßig beraten haben, wie man die eine Million Dinger in der DDR verteilt. – Das können nur Parteisekretäre verkaufen, weil es eine 'ideologische Frage' gibt. Und dann musste das ja auch vorbereitet werden. Ein Parteibüro ist ja kein Verkaufsladen für Jeans.

Klaus Peter Sington

Die Levi's wird auf die Großbetriebe der DDR verteilt. Und da seine Frau in einem solchen arbeitet, bringt sie ihrem Mann gleich zwei mit.

Zur falschen Zeit am falschen Ort - Pech gehabt

Wir machen von 14:00 bis 18:00 Uhr den Verkauf in der Halle gegen Betriebsausweis und wer gerade das Geld mit hat, kriegt welche und wer nicht, hat Pech gehabt. Und so ist das auch abgelaufen und so habe ich auch welche gekriegt. Die Jeanshosen haben doch auch andere Größen und man muss ja auch reinpassen.

Klaus Peter Sington

Gefährliche Hosen

Später wird in der Öffentlichkeit argumentiert: Jeder DDR-Bürger, der eine Levi's erworben hat, sichert damit amerikanische Arbeitsplätze. Trotz der guten Tat wird Klaus Peter Sington seine Hose allerdings kaum tragen, obwohl sie prima passt. Denn die Hose zu tragen ist gefährlich - wie ein politisches Statement. Das kann sich nicht jeder leisten:

Aber ich musste ja aufpassen, ich hatte ja eine Familie. Zwei Söhne. Und die sollten ja zur Schule gehen und nicht durch mich und meine Unbedarftheit am Ende Schaden erleiden. Also musste ich mich zusammennehmen. Da habe ich die Jeans eben nicht angezogen.

Klaus Peter Sington

Zehn Jahre halten die ersten. Seit der Wende trägt er Jeans immer noch gern. Nun aber auch in aller Öffentlichkeit.

Zuletzt aktualisiert: 09. Februar 2009, 12:18 Uhr