1976 - "Kulturistik" als Vierkampf Körperkult: Bodybuilder in der DDR

Argwöhnisch beobachtet und von den Trends im Westen abgeschnitten, entwickelte sich in der DDR eine ganz eigene Gemeinschaft von Kraftsportenthusiasten. Über die "Körperkulturistik" in der DDR sprachen wir mit dem Bodybuilder Andreas Müller aus dem sächsischen Werdau.

Bizeps, Trizeps, Quadrizeps – auch in der DDR, weit weg von Arnold Schwarzenegger und Co., gab es Männer, für die Muskeln das Wichtigste im Leben waren. Doch anders als in der hochprofessionalisierten und kommerzialisierten Bodybuilding-Szene des Westens waren die so genannten Körperkulturisten auf ihre Improvisationskunst angewiesen. Das betraf sowohl Trainingsgeräte und Übungspläne als auch die Ernährung. Damit verbunden war für so manchen auch der Einsatz leistungssteigernder Mittel.

Eine Bodybuilderkarriere in der DDR

Doch auf Doping verzichtete der im sächsischen Werdau aufgewachsene Andreas Müller in seiner ganzen Kulturistik-Karriere. Auch als der studierte Lehrer feststellen musste, dass die ganz großen Titel ohne Anabolika und Co. wohl nicht zu holen waren. Schon mit zwölf Jahren hatte er begonnen, sich für den Kraftsport zu begeistern. Das war 1974. Andreas Müller übte zunächst an Klettergerüsten, später in kleinen Amateursportgruppen, mit selbstgebauten Hanteln und Geräten.

Er orientierte sich an Plänen aus dem Westen, ohne zu wissen, dass das dort gestemmte Pensum ohne leistungssteigernde Mittel gar nicht möglich war. So trainierte er lange Zeit am Rande des körperlichen Zusammenbruchs. Erst in der Armeezeit erfuhr er hinter vorgehaltener Hand, dass derlei verbotene Mittel nicht nur im kapitalistischen Ausland absolut üblich waren. Auch die meisten Profis in der DDR kamen ohne entsprechende Präparate nicht aus. Nebenwirkungen wie Potenz- und Herzprobleme inbegriffen.

Engagement fürs "Natural Bodybuilding"

Andreas Müller wollte es ohne Doping schaffen. Er trainierte sechs Mal pro Woche bis zu vier Stunden täglich. 1986 nahm er erstmals an den Deutschen Meisterschaften teil. Er erreichte in den folgenden Jahren mehrmals Finalplätze, auch in internationalen Wettbewerben. Im direkten Vergleich mit den Profis aus dem Westen wurde ihm bald klar: Zum Mister Universum oder zum Mister Olympia, zu einem Vorzeigebodybuilder wie Arnold Schwarzenegger würde es niemals reichen.

Nach der Wende blieb Andreas Müller seinem Sport nicht nur als Aktiver, sondern auch als ehrenamtlicher Funktionär, Organisator von Meisterschaften und Kampfrichter treu. Er verpflichtete sich dem "Natural Bodybuilding". Darüber, wie man den Sport auch ohne Doping und ohne bleibende Gelenkschäden vorantreiben kann, hat Müller sogar eine Doktorarbeit geschrieben. Seit über 30 Jahren lässt sich der Körperkulturist und Bodybuilder von seiner Leidenschaft für Muskeln, Gewichte und Posing nicht abbringen.

Buchtipp: Andreas Müller: Körperkulturistik. Bodybuilding in der DDR. Novagenics, Arnsberg 2007, ISBN 978-3-929002-43-0

Zuletzt aktualisiert: 08. Dezember 2016, 10:45 Uhr