Wolf Biermann bei einem Konzert am 25. November 1976 in München
Wolf Biermann bei einem Konzert am 25. November 1976 in München Bildrechte: IMAGO

16. November 1976 Wolf Biermann und seine Ausbürgerung

Vor 40 Jahren wurde Wolf Biermann aus der DDR ausgebürgert. 23 Jahre hatte der aus Hamburg stammende Liedermacher dort gelebt und sich mit den SED-Mächtigen angelegt. 1976 nutzten die eine Konzertreise des Künstlers in den Westen, um ihn loszuwerden. Doch das Kalkül ging nicht auf. Die Ausbürgerung Biermanns läutete den Anfang vom Ende des SED-Regimes ein.

von Dr. Daniel Niemetz

Wolf Biermann bei einem Konzert am 25. November 1976 in München
Wolf Biermann bei einem Konzert am 25. November 1976 in München Bildrechte: IMAGO

"Die zuständigen Behörden der DDR haben Wolf Biermann, der 1953 aus Hamburg in die DDR übersiedelte, das Recht auf weiteren Aufenthalt in der Deutschen Demokratischen Republik entzogen." Mit diesem Satz verkündet die DDR-Nachrichtensendung "Aktuelle Kamera" am 16. November 1976 die Ausbürgerung des regimekritischen Liedermachers und Kommunisten aus dem ostdeutschen "Arbeiter- und Bauernstaat". Biermann, der sich gerade auf einer genehmigten Konzertreise in Westdeutschland befindet, ist völlig geschockt. Obwohl der Dichter und Musiker seit Jahren unter den Repressalien des SED-Staates leidet, hat er mit diesem Schritt nicht gerechnet.

Von Hamburg in die DDR

23 Jahre zuvor war der am 15. November 1936 in Hamburg geborene Biermann, mit gerade mal 16 Jahren, in die DDR übergesiedelt. Der Sohn kommunistischer Eltern - sein jüdischer Vater wurde als Widerstandskämpfer 1943 im KZ Auschwitz umgebracht - will in der DDR, wie er es später beschreibt, "von den richtigen Leuten das Richtige lernen." Nach dem Abitur 1955 beginnt Biermann an der Berliner Humboldt-Universität ein Studium der Politischen Ökonomie. Er bricht das Studium 1957 ab und arbeitet bis 1959 als Regieassistent am Berliner Ensemble. Danach studiert er bis 1963 Philosophie und Mathematik an der Humboldt-Uni.

"Vorbild und Mentor" Hanns Eisler

Hanns Eisler
Biermanns Vorbild: der Komponist Hanns Eisler Bildrechte: dpa

1960 lernt Biermann den Komponisten Hanns Eisler kennen, den er bis heute als "Vorbild und Mentor" bezeichnet. Unter Eislers Einfluss beginnt er, Gedichte und Lieder zu schreiben. 1961 gründet er das "Berliner Arbeiter-Theater". Mit einem geplanten Stück zum Mauerbau gerät er allerdings in Konflikt mit der SED. Die Inszenierung wird verboten und das Theater vor der Premiere 1963 geschlossen. Biermann erhält ein halbjähriges Auftrittsverbot. Die Aufnahme in die SED wird ihm verweigert. Trotz aller Restriktionen profitiert der Liedermacher in dieser Zeit noch von einer für DDR-Verhältnisse vergleichsweise liberalen Kulturpolitik, die ihm weiterhin eine Präsentation seiner kritischen Werke vor großen Auditorien ermöglicht. 1964 und 1965 folgen Gastspielauftritte in der Bundesrepublik.

Ächtung auf dem 11. ZK-Plenum

Im Dezember 1965 findet der liberale Trend in der DDR-Kulturpolitik jedoch sein jähes Ende. Auf dem 11. Plenum des Zentralkomitees der SED kritisiert der damalige ZK-Sekretär für Sicherheitsfragen, Erich Honecker als Vertreter des Politbüros, des obersten SED-Führungszirkels, "schädliche Tendenzen", "Skeptizismus und Unmoral" in Film, Fernsehen, Theater und Literatur der DDR. Neben dem Schriftsteller Stefan Heym und dem Chemiker und Philosophen Robert Havemann wird auch Wolf Biermann durch Honecker geächtet: "Biermann verrät heute mit seinen Liedern und Gedichten sozialistische Grundpositionen. Es ist an der Zeit der Verbreitung fremder und schädlicher Thesen und unkünstlerischer Machwerke, die zugleich auch stark pornographische Züge aufweisen, entgegenzutreten."

Auftritts-, Publikations- und Ausreiseverbot

Die Folge ist ein totales Auftritts-, Publikations- und Ausreiseverbot gegen Biermann. Außerdem nimmt sich die DDR-Staatssicherheit des renitenten Künstlers an, den sie fortan komplett überwacht und terrorisiert. Mithilfe von eingeschmuggelter Westtechnik entsteht dennoch 1968 in Biermanns Berliner Wohnung die Musik zu seiner ersten Langspielplatte "Chausseestraße 131". Fünf weitere in der Bundesrepublik veröffentlichte Langspielplatten und mehrere Gedichtbände folgen. Die Lieder werden immer wieder kopiert und in der DDR unter der Hand weitergereicht.

Vergebliche Hoffnung bei Machtwechsel

Honecker und Ulbricht am 1. Mai 1972 in berlin
Mit dem Machtwechsel von Ulbricht zu Honecker hofft auch Biermann auf einen liberaleren Kurs. Bildrechte: IMAGO

Mit dem Machtwechsel an der SED-Spitze von Ulbricht zu Honecker 1971 hofft auch Biermann - wie viele andere DDR-Oppositionelle - auf eine Rückkehr zu einer liberaleren Kulturpolitik. Doch Honecker, der bereits 1965 der wichtigste kulturpolitische Scharfmacher innerhalb der SED-Führung war, hält an seinem restriktiven Kurs fest. Das Auftrittsverbot gegen Biermann bleibt. Zweimal gelingt es dem Liedermacher in der Folge dennoch, die Stasi auszutricksen und öffentlich zu singen: Während der Weltjugendfestspiele 1973 in Ost-Berlin mischt er sich auf dem Alexanderplatz unters Volk und singt ohne Gitarre sein Lied über Che Guevara, das er zuvor erfolglos bei Honecker eingereicht hatte. Drei Jahre später, im September 1976, singt Biermann vor Publikum in der Prenzlauer Nikolaikirche. Es ist der erste und letzte Konzertauftritt des kritischen Liedermachers seit seinem Auftrittsverbot 1965 in der DDR.

Ausbürgerung während Konzertreise

Als Biermann im Herbst 1976 durch die IG Metall zu einer Konzertreise nach Westdeutschland eingeladen wird, lässt die SED-Führung den Liedermacher fahren. Der Historiker Bernd Florath von der Stasi-Unterlagenbehörde geht davon aus, dass der Beschluss dazu bei einer mündlichen Absprache zwischen SED-Chef Honecker und Stasi-Chef Erich Mielke gefallen ist. Das Ziel ist offenbar die Ausbürgerung Biermanns. Bereits 1971 hatte es derartige Pläne gegeben.

Und tatsächlich: Drei Tage nachdem Biermann am 13. November bei einem live im WDR-Hörfunk übertragenen Konzert in Köln auch DDR-kritische Töne hatte anklingen lassen, beschließt das SED-Politbüro, dem Liedermacher die DDR-Staatsbürgerschaft abzuerkennen. In der am 16. November 1976 über die DDR-Nachrichtenagentur ADN verbreiteten Mitteilung werden unter anderem "grobe Verletzungen der staatsbürgerlichen Pflichten" als Begründung genannt.

Kalkül der SED verfängt nicht

Das Ziel der SED-Führung, den kritischen Geist damit los zu sein, geht allerdings nicht auf. Ganz im Gegenteil. Bereits einen Tag nach der Ausbürgerung Biermanns sendet das WDR-Fernsehen zur besten Sendezeit eine zweistündige Zusammenfassung des Kölner Konzertes. Am 19. November wird das gesamte Biermann-Konzert noch einmal ARD-weit ausgestrahlt. Damit wird der Liedermacher erstmals auch einem breiten DDR-Publikum bekannt.

Wie man heute weiß, warnt damals sogar die sowjetische Seite vor den Folgen einer Ausbürgerung Biermanns. Laut einer im Archiv des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen entdeckten Notiz des damaligen Chefs der MfS-Auslandsspionage, Markus Wolf, befürchten "die Freunde" einen "intellektuellen Aufstand" in der DDR. Sie sollten Recht behalten.

Offener Protest von DDR-Kulturschaffenden

Die Ausbürgerung von Wolf Biermann, die endgültig die Hoffnung auf eine gesellschaftliche Liberalisierung in der DDR beendet, löst 1976 tatsächlich eine riesige Protestwelle aus. 13 bekannte DDR-Künstler und Schriftsteller wie Stephan Hermlin, Christa Wolf, Stefan Heym oder Heiner Müller protestieren mit einem offenen Brief an die DDR-Führung. Über 100 weitere prominente Personen unterschreiben den Aufruf in den folgenden Tagen.

Anfang vom Ende des SED-Regimes

Das Regime reagiert mit Härte. Zahlreiche Kulturschaffende werden unter Druck gesetzt, eingesperrt und oder selbst zur Ausreise gezwungen. Viele namhafte Künstler und Schriftsteller verlassen bis 1981 die DDR. Unter ihnen sind Namen wie Manfred Krug, Eva-Maria und Nina Hagen, Armin Müller-Stahl oder Erich Loest. Weltbekannte Schriftsteller wie Christa Wolf oder Stefan Heym werden gemaßregelt. Die DDR-Kulturlandschaft erleidet hinsichtlich einer für die Kunst so wichtigen kritischen Intellektualität einen unwiederbringlichen Verlust. Für viele Menschen gilt die Biermann-Ausbürgerung bis heute als Anfang vom Ende des SED-Regimes.