Das letzte Buch der DDR

Meien Geschichte: Christian Ewald

Am Vorabend der Deutschen Einheit erschien genau eine Minute vor Mitternacht das letzte Buch der DDR. Die Geschichte der "Ostberliner Treppengespräche" ist genauso kurios wie die seines Verlegers Christian Ewald.

Ein Buch nach eigenem Gusto zu verlegen, wie es Christian Ewald am letzten Tag der DDR tat, war wohl nur in der verrückten Zwischenwendezeit 1989/90 möglich. Wenige Monate zuvor war es noch undenkbar gewesen, dass jedermann verlegt und publiziert, was ihm gefällt. Vom Roman bis zu Betriebsanleitung musste jeder Druck in der DDR genehmigt werden. Wer sich mit allzu kritischen Manuskripten an die staatlichen Verlage wandte, riskierte ein Berufsverbot oder auch Gefängnis.

Das letzte Buch - ein Zufall

Das letzte Buch der DDR stammt jedoch nicht aus der Feder des umtriebigen Künstlers Ewald, aber er war der Geburtshelfer dieses kuriosen Projektes. In den Wirren der Zwischenwendezeit hatte er Besuch von einem fremden Mann bekommen. Ängstlich soll der das Manuskript für die "Ostberliner Treppengeschichten" an seinen Körper gepresst haben, als er das Gespräch mit Ewald suchte. Nur ihm vertraute sich der Fremde an. Ein paar Monate vorher wäre der literarische Abgesang auf kleinkarierte DDR-Funktionäre im eingemauerten Sozialismus Zündstoff gewesen. Allerdings handelte es sich bei dem Werk nicht nur um eine Abrechnung mit dem System, vielmehr warf das Buch auch einen kritischen Blick zurück und thematisierte die Frage, was die Zukunft dem Osten Deutschlands bescheren würde. Christian Ewald war begeistert von dem Manuskript.

Verleger aus Leidenschaft

Dass Christian Ewald zum Verleger des letzten Buches der DDR wurde, war weniger dem Drang geschuldet, Karriere zu machen, als seiner Begeisterung für Dinge, die ihn überzeugten und sein Interesse weckten. Dieses Motiv zieht sich wie ein roter Faden durch Ewalds Leben. 1949 in Weimar geboren, war er schon als junger Mann ein kritischer Geist. Er  machte eine Lehre zum Schriftsetzer und blieb als Korrektor und Plakatmaler immer im kreativen und gestalterischen Bereich zu Hause. Seine große Chance war ein Grafikstudium im fernen Berlin, wo er heute noch wohnt. Es dauerte nicht lange, bis der Freigeist auch die Aufmerksamkeit der Staatssicherheit auf sich zog.

Christian Ewald begann heimlich in seiner Köpenicker Wohnung Bücher zu produzieren. Keine Massenware, sondern handgeschriebene Kunstwerke voller Fragen. Zwischen den Zeilen war die Kritik an der DDR erkennbar. Eine offizielle Genehmigung für die Veröffentlichung der "Ostberliner Treppengeschichten" wäre undenkbar gewesen. Für den Tausendsassa Ewald war das Buch deutlich mehr als ein Job - es war Leidenschaft.

Drucken auf Packpapier

Ewald nahm die Herausforderung an, dieses Projekt zu Ende zu bringen. Doch konnte er das Buch nicht einfach wie seine künstlerischen Unikate vorher produzieren. Genähte Illustrationen und handgeschriebene Texte waren für das letzte DDR-Buch zu aufwendig. In einem Land, das sich im Untergang befand und wenig Geld war viel Improvisationstalent gefragt. Genau das wurde sein Produktionsprinzip: Der Bucheinband aus Packpapier und gedruckt auf Einkaufstüten - so wurden Überreste der Mangelwirtschaft zum Kulturgut.

Den nächsten Coup hatte Ewald schon geplant. Er stellte das Buch einen Tag später auf der Frankfurter Buchmesse der begeisterten Kulturszene vor. Die "Ostberliner Treppengespräche" wurden mit dem "Preis der Stiftung Buchkunst" als eines der "schönsten deutschen Bücher 1990" ausgezeichnet und schließlich auch in den Bestand der bedeutenden Kongressbibliothek in Washington aufgenommen.

Das letzte Buch der DDR war allerdings nicht das letzte Buch des Neuverlegers. So wurde aus dem Werk die erste Edition der "Katzengrabenpresse", dem neu gegründeten Verlag von Christian Ewald. Seit 1990 bringt er jedes Jahr nur zwei Bücher heraus. Ausschließlich Erstausgaben, im Bleisatz gedruckt, von Hand gebunden und nie mehr als 999 Stück. Jedes Werk ein kleines Kunstwerk, wie das letzte Buch der DDR ...

Der Verlag auf der Leipziger Buchmesse 15. 3. - 18. 3. 2012
Stand: Halle 3., E 510

. . . und zusätzlich:

"Gold. Silber. Blei. . . "
Ausstellung in der Galerie "Mangold"
Thomaskirchhof 17, 04109 Leipzig
Tel.: 0341/ 22540699

. . . zur Eröffnung am 16. 3. 2012 um 20 Uhr
findet dort ein szenischer Kurz-Ein-Akter
"ge-goldet" von und mit Christian Ewald statt.

Zuletzt aktualisiert: 18. Mai 2016, 15:45 Uhr