Rudolf Horn - Der Design-Papst des Ostens

Die Schrankwand "MDW" war das Erfolgsprodukt des VEB Möbelkombinat Dresden-Hellerau. Konzipiert von Rudolf Horn, blieb er als Designer jedoch im Hintergrund.

Schnörkellos und praktisch: Lange vor Ikea schrauben die Ostdeutschen mit "MDW" (Möbelprogramm Deutsche Werkstätten) ihre Wohnträume zusammen. Von 1966 bis 1990 werden die Montage-Möbel in Dresden-Hellerau produziert und mehr als 500.000 Exemplare verkauft. Industriell gefertigt, lässt die Schrankwand viele Gestaltungsmöglichkeiten zu. Den Schöpfer des beliebten Klassikers kennt allerdings kaum jemand: Rudolf Horn.

Heute wird der Name genannt und wenn der Name bekannt ist, dann kann das Produkt nicht falsch sein, muss es gut sein. Da ist eine völlige andere Wertigkeit im Gang, die gab es in der DDR so nicht.

Rudolf Horn

Design für die Masse

Rudolf Horn, Jahrgang 1929, wächst im sächsischen Waldheim auf und erlebt seine Kindheit vor allem im Krieg. Später leitet der gelernte Tischler, Innenarchitekt und Ingenieur drei Jahrzehnte lang den Bereich Form- und Ausbaugestaltung an der Hochschule Burg Giebichenstein in Halle. Seinen Studenten vermittelt er nicht nur Wissen, sondern auch seine Maxime.

Für wen machst du das? Diese Frage hat mich mein ganzes Berufsleben als Gestalter nicht verlassen. Was brauchen die Menschen, was ist zweckmäßig? Es ging mir nie darum, einzelne Gruppen zu bedienen, sondern darum Lösungen zu finden, die einer großen gesellschaftlichen Mehrheit verfügbar waren.

Rudolf Horn
Einrichtungsbeispiel mit den Montagemöbeln MDW 90
Bildrechte: Rudolf Horn

Volksbedarf statt Luxusbedarf: Angelehnt an das Bauhaus-Prinzip sind Horns Arbeiten schlicht und unkonventionell. "Zu reduziert" für die auf Pomp bedachten Staatsoberhäupter. "Das sind ja nur Bretter", lautet der Kommentar von Walter Ulbricht über Horns Montagemöbel. Doch so kompensiert Horn geschickt den Mangel an hochwertigen Materialien. Spanplatten und Kunststoffen verleiht er eine moderne, pfiffige Optik. Horns größte Herausforderung als Gestalter ist jedoch die akute Wohnungsnot in der DDR. Sechs Millionen Wohnungen sind im Krieg zerstört worden.

Wohnraum war knapp, er musste unter Umständen mehrfunktionell genutzt werden. Viele junge Leute haben Wohnen, Arbeiten und Schlafen kombinieren müssen.

Rudolf Horn

Variabel Wohnen im starren System

Einrichtungsbeispiel mit den Montagemöbeln MDW 90
Bildrechte: Rudolf Horn

Auf der Grundlage einer normalen Plattenbauwohnung entwickelt Horn zusammen mit Kollegen 1970 das kühne Projekt vom "Variablen Wohnen". Die Idee: In einer leeren Hülle kann jeder Bewohner festlegen, wohin er die versetzbaren Wände haben will. In Rostock und Dresden werden zwei Experimental-Bauten errichtet. Mehr als 100 Familien ziehen ein.

Das war das Interessanteste, mit wie viel Fantasie und Überlegung und Selbstbewusstsein die Leute plötzlich gekommen sind, um ihre Wohnung so und so oder so zu gliedern. Keine glich der anderen, obwohl die Ausgangsbedingungen doch gleich waren. Und das bestätigte unsere Überzeugungen, das wir den Leute Spielraum geben müssen, selbst zu entscheiden, wie sie leben wollen, wie ihre Umgebung aussehen soll.

Rudolf Horn

Doch trotz seines Erfolges wird das visionäre Wohnprojekt in der Praxis nicht weiter fortgesetzt. Die erforderliche Flexibilität aller am Bau Beteiligten ist im starren Planungssystems der DDR nicht gegeben. Die Enttäuschung über das Scheitern seiner Idee kompensiert Rudolf Horn mit neuer Arbeit. Seinem Grundprinzip der "offenen Gestaltung" bleibt er aber treu: Horn entwickelt Möbel als hochflexible Baukasten-Systeme. Das fertige Ensemble gestaltet jeder selbst!

Da haben die Leute für sich Lösungen gefunden, da wäre ich als Profi nie dahinter gekommen. Und genau das war gewollt - der Nutzer wird zum Vollender, der Nutzer ist Finalist.

Rudolf Horn

Seiner Zeit voraus

In seiner Leipziger Wohnung sind viele seiner Möbel zu finden, darunter auch ein seltenes Exemplar seines Freischwingers. Der Entwurf für diesen Sessel geht auf eine Begegnung mit dem berühmten Barcelona-Chair in einem Leipziger Museum zurück. Heimlich probierte er dort dessen Sitz-Qualität:

Ich war enttäuscht. Er versprach nicht jene Elastizität, die diese elegante Anmutung eigentlich vermittelte. Das hat mich gereizt, einen Sessel zu machen, der sich bewegt, der sich anpasst.

Rudolf Horn

Der Sessel wird in Potsdam produziert – allerdings nur für den Westen. Leder und Bandstahl sind für die DDR unbezahlbar.

Angesichts seiner Schaffensbreite könnte sich der 81-jährige Professor eigentlich zurücklehnen. Doch auch 14 Jahre nach seiner Emeritierung mischt sich Horn ein, sucht er nach wie vor streitlustig den Austausch mit Kollegen und Studenten und beobachtet mit Argusaugen die Entwicklung im Bereich Design.

Die schönen, die einfachen Dinge, die sich zurücknehmen, sind auch da. Sie sind nicht im Standardangebot, sie sind in jenen Geschäften, wo sie kaum zu bezahlen sind, obgleich ihre Herstellung wegen des verminderten Aufwandes geringere Kosten verursachen. Aber da wird ein Eliteanspruch bedient, Ausschluss betrieben - den wollte ich nicht.

Rudolf Horn

Horn gilt heute als "Tausendsassa" der ostdeutschen Formkultur. Viele seiner Ideen sind ihrer Zeit weit voraus – nicht nur in der DDR.

Buchtipp Rudolf Horn:

"Gestaltung als offenes Prinzip"

herausgegeben von Dieter Schreiber,
128 Seiten,
Berlin: Form-+-Zweck-Verlag 2010,
ISBN: 978-3-935053-23-5

20.12.2016 | 22:050 Uhr Schwalbe und Plasteschüssel - Alltagsdesign in der DDR

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Zuletzt aktualisiert: 07. Dezember 2016, 15:05 Uhr

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