1980 Eine Liebesgeschichte Die Grenzen der deutsch-sowjetischen Freundschaft

Bearbeitet von Anna Kittlinger

Die Geschichte von Silke und Kasimir Schurmej gleicht einem Liebesroman. In den 80er Jahren der DDR verlieben sich der weißrussische Militärzivilist und das einfache Mädchen aus Weimar Hals über Kopf. Nichts ahnend, dass ihre zarte Bande von den sowjetischen Militärbehörden nicht gern gesehen wird, stürzen sich die beiden in eine Beziehung. Trotz scheinbarer deutsch-sowjetischer Freundschaft ist die Beziehung zwischen sowjetischen Armeeangehörigen und ostdeutschen Frauen in der DDR verpönt. Die russischen Behörden versuchen dem Paar immer wieder Steine in den Weg zu legen. Die Liebe von Silke und Kasimir wird auf eine harte Bewährungsprobe gestellt.

Verliebt können Kasimir Schurmej und seine Frau Silke heute durch die Straßen von Weimar schlendern. Vor 30 Jahren waren die beiden dazu gezwungen ihre junge Liebe versteckt zu halten. Treffen fanden nur an geheimen Orten statt. Öffentliche Gespräche oder gar Berührungen waren kaum vorstellbar. Die größte Angst von Kasimir und Silke war es von sowjetischen Militärbehörde entdeckt zu werden. Denn Kasimir war ein sowjetischer Zivilangestellter und Silke ein einfaches Mädchen aus Weimar - ihre Liebe ein Tabu in der DDR.

Zwischen zwei Welten

Die Geschichte der beiden beginnt Anfang der 1980er-Jahre in Weimar. Der 21-jährige Kasimir kommt nach seinem Militärdienst von Weißrussland in die thüringische Stadt. Hier befand sich bis zur Wende eine der Garnisonen der sowjetischen Streitkräfte. Drei Jahre soll Kasimir in Weimar als Zivilangestellter leben. Wenn er nicht gerade als Schlosser oder Kraftfahrer für die sowjetische Armee arbeitet, genießt Kasimir das im Vergleich zu der Sowjetunion angenehmere Leben im Osten von Deutschland. Mit den Einheimischen kommt Kasimir kaum in Kontakt – zwischen ihnen scheinen Welten zu liegen.

Du schämst dich auch einfach. Wenn ich spazieren ging und in die Fenster geschaut habe, haben die gesehen ich bin ein sogenannter Russe. Wir hatten ganz andere Klamotten. Ich hatte noch keinen Anorak, keine Mütze. Ich bin mit einem langen Mantel und spitzen Schuhen gekommen. In der ersten Zeit gar kein Kontakt gewesen.

Kasimir Schurmej

Das zarte Band der Liebe

An einem warmen Sommertag entdecken Kasimir und seine Kollegen auf einem runden Balkon gegenüber ihrer Unterkunft zwei junge Damen. Die beiden Mädchen sonnen sich leicht bekleidet und ziehen so die Blicke der Männer auf sich. Eine der beiden Frauen ist die 17-jährige Silke und auch sie zeigt Interesse an dem jungen Weißrussen. Nach anfänglichen Verständigungsproblemen treffen sich die beiden, sie unternehmen lange Spaziergänge und verlieben sich.

Ich konnte nur ein ganz, ganz bisschen Russisch, weil ich in der Schule gedacht hatte: ach, Russisch, wofür brauchst du wieder? Mußt Dich nicht ganz so anstrengen. Und er kam mit so einem ganz kleinen Wörterbuch. Und da haben wir eben Wörter in diesem Buch gewälzt, und haben dann versucht so, mit Fingern und allem uns zu verständigen.

Silke Schurmej

Die Abschiebung droht

Silke befindet sich mitten in der Ausbildung zur Porzellanherstellerin. Sie ist mit sowjetischen Zivilisten in der Nachbarschaft aufgewachsen – die Beziehung zu Kasimir ist für sie anfänglich selbstverständlich. Eine Gefahr für ihre Liebe sieht sie nicht. Die Verliebten zeigen sich auch in der Öffentlichkeit, bis Kasimirs Chef die beiden eindringlich warnt. Denn während die deutsch-sowjetische Freundschaft offiziell besteht, sind Beziehungen wie die zwischen Kasimir und Silke eigentlich verboten.

Die Funktionäre der UdSSR wollen verhindern, dass ihre Männer wie Kasimir durch den Kontakt mit ostdeutschen Frauen zu sehr in den Genuss der freizügigeren DDR kommen – letztendlich wegen der Liebe sogar dort bleiben wollen. Tag für Tag fürchten Silke und Kasimir, dass es jeden Moment an der Tür klingelt und die Sowjets den Weißrussen zwingen zurück in die Heimat zu gehen.

Wenn ich kein Glück gehabt hätte, wären am nächsten früh einfach in meinem Zimmer zwei Soldaten der Kommandantur erscheinen, hätten mich in den Jeep gepackt, meine Klamotten und dann am Mittag um zwölf von Erfurt mit dem Zug nach Moskau gefahren.

Kasimir Schurmej

Die Ehe als einziger Ausweg

Silke und Kasimir treffen sich nur noch an geheimen Plätzen. Keiner soll weiterhin etwas von ihrer Verbindung mitbekommen. Und trotzdem steht Kasimirs Rauswurf aus der DDR kurz bevor. Die sowjetischen Militärbehörden sind bereits auf die beiden aufmerksam geworden. Einziger Ausweg: Das ungleiche Paar muss heiraten oder ein Kind bekommen. Für eine Schwangerschaft ist es Silke noch zu früh, also planen sie ihre Hochzeit. Weimar kommt als Stadt der Trauung nicht in Frage. Die Ämter würden versuchen ihre Ehe zu verhindern, da sind sich Silke und Kasimir sicher.

Die Rettung: Der Bürgermeister von Bad Blankenhain ist ein Vertrauter der Familie. Er regelt eine heimliche Vermählung. Auch weitere Freunde helfen dabei, dass die beiden zwar im Verborgenen aber dennoch in schöner Atmosphäre ihre Liebe besiegeln können. Unbeschwert kann das frisch angetraute Paar sich nun öffentlich zeigen. Auch ein letzter Versuch der sowjetischen Militärbehörden die Ehe wieder zu trennen, scheitert. Kasimir muss für längere Zeit zurück nach Weißrussland, um sich hier Papiere für sein Leben in der DDR zu organisieren.

Wir wussten, dass sie viele Männer bis zu einem Jahr warten lassen haben, dass sie wieder zurückkommen zu ihren Frauen, in der Hoffnung, dass sie sich neu verlieben und dann auch die Scheidung. Aber unsere Liebe war groß genug, und er war sich sehr sicher: er wollte zurück zu mir.

Silke Schurmej

So konnte Silke nach ein paar Monaten ihren Kasimir wieder in die Arme schließen. Die Liebe der beiden war größer als jeder Widerstand der sowjetischen Behörden. Heute - 30 Jahre später leben Silke und Kasimir immer noch in Weimar. Und auch wenn Kasimir hier damals täglich die Abschiebung drohte, erinnert sich das Paar gerne an die gemeinsamen Anfangsjahre ihrer Beziehung zurück.

Zuletzt aktualisiert: 14. Oktober 2015, 15:02 Uhr