1949 Erstes Spiel um den FDGB-Pokal Der FDGB-Pokal: Wer ihn gewann, hatte ihn verdient!

Der FDGB-Pokal war nicht irgendeine Fußball-Trophäe: Es war der Länderpokal der DDR, vergleichbar mit dem heutigen DFB-Pokal. Während die 40 Kilo schwere Bronzestatue bei den Spielern für Jubel sorgte, bahnte sich beim Schöpfer eine Tragödie an.

Der FDGB-Pokal ist eine Trophäe der Superlative, in deren Schatten alle heutigen Fußball-Pokale klein aussehen. Seine Geschichte beginnt aber bescheiden: Der Ostberliner Bildhauer Hans Hechel entwirft den Pokal am heimischen Küchentisch und gießt den Sockel aus einem alten Zehn-Liter-Marmeladeneimer. Sein damals dreijähriger Sohn Ulrich schaut neugierig zu.

Mein Vater ist wohl gut bezahlt worden dafür, auch wenn er mir nie verraten hat, wie viel genau er dafür bekommen hat.

Ulrich Hechel, Sohn von Hans Hechel

1949, vier Jahre nach Kriegsende, wird im Osten Deutschlands erstmals um den FDGB-Pokal gespielt. Es ist in der DDR der nationale Pokalwettbewerb im Fußball, ausgeschrieben von der Einheitsgewerkschaft "Freier Deutscher Gewerkschaftsbund". Im ersten Jahr gewinnt ihn die Mannschaft "Waggonbau Dessau".

Ein Jahr später muss sie Hechels Werk an die Betriebssportgemeinschaft Thale abtreten, denn der FDGB-Pokal ist ein Wanderpokal. Jahr um Jahr kämpfen nun große und kleine Fußballbezirke um die Trophäe. Die Spiele sorgen im ganzen Land für Jubel. Doch bei Hans Hechel bahnt sich eine Tragödie an.

Der Bildhauer, der in Berlin eine kleine Kunstgießerei besitzt, wird enteignet. Hechel versucht sich zu wehren, doch er wird für ein halbes Jahr in Bautzen inhaftiert. Schließlich baut Hechel für sich und seine Familie eine neue Existenz in Hilden in Westfalen auf. Im Osten ist sein Name fortan tabu.

Es war Samstag- oder Sonntagvormittag, als wir von einem Spaziergang zurückgekommen sind. Die Nachbarn raunten meinem Vater aus dem Fenster zu: 'Die Polizei war hier und hat Ihre Wohnung versiegelt. Die wollen Sie wieder verhaften.' Da haben meine Eltern auf der Stelle kehrt gemacht und sind mit mir und dem, was wir auf dem Leib hatten, in den Westen abgehauen.

Ulrich Hechel, Sohn des FDGB-Pokal-Schöpfers

Die ostdeutschen Fußballfans ahnen davon nichts und strömen jedes Jahr zu Zehntausenden zu den Pokalspielen. Doch diese werden schon bald, wie auch in der Oberliga, von den staatsnahen Sportklubs mit Vollzeit-Spitzensportlern dominiert - bis sich im Jahr 1963 im Finale plötzlich zwei Außenseitermannschaften gegenüberstehen: Motor Zwickau und BSG Chemie Chemnitz.

Erfolg der "Underdogs"

Im Altenburger Lenin-Stadion laufen "Motor Zwickau", die Betriebssportgemeinschaft der Trabant-Werke, sowie die BSG Chemie Chemnitz gegeneinander auf. Mit einem 3:0 gehen die Zwickauer als klarer Sieger vom Platz. Danach hat es einer jedoch schwer: Alois Glaubitz, Fußballer und Tischler in der Trabant-Fabrik. Er muss den Pokal vom Spielfeld in die Kabine tragen - Kapitän Günter Witzker nimmt wohlweislich lieber die Blumen. Obwohl Glaubitz harte körperliche Arbeit gewohnt ist, bringt ihn der fünfminütige Fußmarsch gewaltig ins Schwitzen.

Ich war total geschafft, das schwere Ding! Und von allen Seiten kamen die Massen auf mich zu! Meine Frau war auch dort, ich hatte richtig Angst um sie und hab gesagt: Geh weg, geh weg, sonst wirst du hier noch erdrückt!

Alois Glaubitz, Jahrgang 1934

Auf einen Schlag ist Alois Glaubitz bekannt. Mit dem Pokalsieg wittert seine Mannschaft die große Chance auf eine Westreise, denn der Gewinner des FDGB-Pokals vertritt die DDR beim Europacup, der Europameisterschaft der Pokalsieger. Doch die Zwickauer haben bei der Auslosung Pech und spielen zu ihrer Enttäuschung nicht im Westen, sondern in Budapest. Dort verlieren sie und scheiden im Achtelfinale aus.

1966 stößt der junge Torhüter Jürgen Croy zur Mannschaft. Mit ihm erkämpfen sich die Trabant-Werker ein Jahr später erneut den FDGB-Pokal – statt aufs internationale Parkett im Westen schickt die Auslosung sie in die entgegengesetzte Richtung - zu "Turbine Moskau" in die Sowjetunion. Erst nach dem Sieg über den staatlich gelenkten Sportverein Dynamo Dresden dürfen die Zwickauer Underdogs verdient nach Griechenland, Italien und Schottland fahren.

Der verschollene Pokal

1973 wird der 40-Kilo-Pokal das letzte Mal vergeben, an den staatlich geförderten 1. FC Magdeburg. Dann verliert sich seine Spur, der Pokal gilt als verschollen. Sein Schöpfer, Hans Hechel, stirbt 1976 in Hilden. Wie sein Sohn berichtet, wollte er den Pokal gern noch einmal in den Händen halten. Aber Hans Hechel hatte Einreiseverbot in die DDR. Sein Name ziert jedoch bis heute den Sockel des Pokals, der inzwischen im Fundus des Sportmuseums Leipzig steht. Wie er dort hingekommen ist, weiß bislang aber niemand.

Zuletzt aktualisiert: 17. Oktober 2016, 12:26 Uhr