22. November 1981 TV-Premiere des Widerstand-Films Widerstand gegen Hitler, Freya von Moltke und die DDR

Die DDR macht um den 20. Juli 1944 und den Widerstand bürgerlicher und adeliger Kreise gegen Hitler lange einen großen Bogen. Das Thema "Widerstand und Antifaschismus" ist in der DDR zwar Staatsdoktrin, allerdings auf einem historisch schmalen Grat. Vor allem geht es um den kommunistischen Widerstand, womit sich viele SED-Mitglieder ihre Biografien bestätigen und sich selbst politisch legitimieren lassen. Doch mit dem Film "Der Leutnant Yorck von Wartenburg" öffnet sich eine Tür für die Auseinandersetzung mit dem Hitler-Attentat vom 1944. Die DDR-Bürger lernen Gräfin Freya von Moltke und den "Kreisauer Kreis" kennen, eine Widerstandsgruppe zur NS-Zeit.

Die DDR macht um den 20. Juli 1944 und den Widerstand bürgerlicher und adeliger Kreise gegen Hitler lange einen großen Bogen. Das Thema "Widerstand und Antifaschismus" ist in der DDR zwar Staatsdoktrin, allerdings auf einem historisch schmalen Grat. Vor allem geht es um den kommunistischen Widerstand, womit sich viele SED-Mitglieder ihre Biografien bestätigen und sich selbst politisch legitimieren lassen. Doch mit dem Film "Der Leutnant Yorck von Wartenburg" öffnet sich eine Tür für die Auseinandersetzung mit dem Hitler-Attentat vom 1944. Die DDR-Bürger lernen Gräfin Freya von Moltke und den "Kreisauer Kreis" kennen, eine Widerstandsgruppe zur NS-Zeit.

Die Rückkehr nach Kreisau - mit dem DDR-Fernsehen

Es ist der 19. Juli 1984, ein Tag vor dem 40. Jahrestag des Stauffenberg-Attentats auf Hitler. Vor Gräfin Freya von Moltke liegt ein anstrengender Tag, sie kehrt zurück an den Ort, der für sie lange Heimat war: Krzyzowa in Polen, dem ehemaligen Kreisau, auf das Schloss ihresverstorbenen Mannes. Hier hat sich während des Zweiten Weltkrieges die Widerstandsgruppe "Kreisauer Kreis" getroffen, initiiert von ihrem Mann Helmuth James von Moltke und Peter York von Wartenburg. Eine Gruppe, die schon sehr früh und sehr bewusst Ideen entwickelt, wie ein demokratisches Deutschland nach dem Ende des Nationalsozialismus aussehen könnte.

Diesen Weitblick bezahlen viele Kreisauer, auch von Moltkes Mann, mit dem eigenen Leben. Die Gräfin ist 1984 eine der letzten Zeitzeuginnen, die davon berichten können. Dass sie bei ihrem Besuch in Kreisau vom Fernsehen der DDR begleitet wird, ist schon fast revolutionär. Bis in die 1980er-Jahre stand das Thema "20. Juli 1944" in der DDR nicht zur Debatte. Ohne Eberhard Görner hätte es vielleicht nie stattgefunden.

Ich habe mich zunächst mal darauf gefreut, nach Schlesien zurückzukommen. Ich sehe das Land, ich liebe das Land. Ich weiß, dass wir es für immer verloren haben. Ich habe auch ein ganz neues Leben angefangen. Ich weiß, dass wir es für immer verloren haben. Aber jede Gelegenheit, dahin zurückzukommen, erfüllt mich mit Freude.

Freya von Moltke im Gespräch mit Eberhard Görner, aus dem Buch "Am Abgrund der Utopie

Die Geschichte hinter dem Film "Der Leutnant Yorck von Wartenburg"

Eberhard Görner ist Drehbuchautor. Die Geschichte von Freya von Moltke hat er über Umwege entdeckt, bei der Lektüre des schmalen Bands "Der Leutnant von Wartenburg" von Stephan Hermelin. In der 1944 im Exil geschriebenen Erzählung lässt der Schriftsteller Hermlin den Leutnant, die zwischen Leben und Tod träumende Titelfigur, sagen: "Ich habe diese Diktatur verachtet, Anna, jetzt hasse ich sie." Hinter der Erkenntnis steht die spannende Frage: Wo verläuft die Linie zwischen Zustimmung und Anpassung? Für den Autor Görner ein Schlüsselsatz - er ist überzeugt, dass er aus der Geschichte einen Film machen muss, und setzt sich ans Drehbuch.


Seiner Adaption wird der Weg ins DDR-Fernsehen durch innen- und außenpolitische Zwänge geebnet. Mit der Ausbürgerung von Wolf Biermann im November 1976 entsteht ein großer Druck auf die Staats- und Parteiführung. Die Intellektuellen können nicht begreifen, dass sich das SED-Politbüro dem Mittel der Ausbürgerung bedient: Einem Instrumentarium, das im Dritten Reich gang und gäbe war. Auch Stephan Hermlin gerät an den Rand seiner Loyalität zu Erich Honecker. Die Leitungsgremien der DEFA und des DDR-Fernsehens erhalten von Honecker persönlich den Auftrag, Hermlin im Land zu halten.

Ich habe erst nach der Wende erfahren, dass Honecker Druck gemacht hat gegenüber dem Fernsehen der DDR, dass unbedingt 'ne Arbeit mit Stephan Hermlin stattfinden muss, um zu verhindern, dass auch Stephan Hermlin die DDR verlässt. - Und da kommt der kleine Görner und legt ihnen das Drehbuch auf den Tisch.

Eberhard Görner, Drehbuchautor
Porträt: Mann mit schräg gestreifter Krawatte
Frank Beyer 1975 Bildrechte: dpa

Star-Regisseur Frank Beyer soll das Drehbuch verfilmen, großzügig bekommt Eberhard Görner alle Mittel gewährt. Mit Frank Beyer besucht er die ehemalige NS-Hinrichtungsstätte nach Plötzensee in West-Berlin dort waren von Molte und Yorck von Wartenburg erhängt worden - und nimmt Kontakt zur Witwe von Wartenburg auf, die die Männer an Rosemarie Reichwein und Freya von Moltke weiter vermittelt. Beyer gibt die Regiearbeit zurück, weil er sich dem Stoff nicht gewachsen fühlt. Der Film "Der Leutnant Yorck von Wartenburg" entsteht trotzdem, wird in den Niederlanden, in Moskau und in den DEFA-Studios in Babelsberg gedreht.

Adel im Widerstand - Rezeption in der DDR

Nach der TV-Premiere des Films am 22. November 1981 öffnet sich plötzlich eine Tür, wie sich Eberhard Görner erinnert. Zum ersten Mal wird in der DDR der Widerstand der deutschen Aristokratie gegen Hitler filmisch gewürdigt. Drehbuchautor Eberhard Görner hat den Männern ein Denkmal gesetzt, aber auch ihre Frauen, Marion Gräfin Yorck von Wartenburg und Gräfin Freya von Moltke, tragen die Botschaft des Widerstandes selbstbewusst in die Welt, wehren sich gegen das Vergessen. Mit dem DDR-Fernsehen besucht zumindest Freya von Moltke noch einmal Kreisau. Die Filmdokumentation "Wir haben nichts zu bereuen", die daraus entsteht, stößt sowohl in der DDR als auch in der Bundesrepublik auf große Resonanz.

Was mich beeindruckt hat an den Frauen, war diese Bescheidenheit. Obwohl sie alle große Namen getragen haben, waren sie von einer ungeheuren Bescheidenheit. Ich hab die York von Wartenburg mal gefragt: 'Marion, sagen Sie mir bitte, wie haben Sie das ausgehalten?' Und da hat sie gesagt: 'Wissen Sie, man muss im Leben lernen, sowohl in einem Schloss zu leben wie sich an einer Eisenbahnschiene einzurichten.' Die Freya von Moltke war auch ganz unten. Keiner wusste von ihrem Schicksal. Erst nach und nach sind die wieder ins Bewusstsein von historischer Öffentlichkeit gekommen.

Eberhard Görner, Drehbuchautor


Im Juli 1990 reist Freya von Moltke dann in die Noch-DDR, um über ihre Jahre des Widerstands zu sprechen. In den Kammerspielen des Deutschen Theaters in Berlin liest sie aus Briefen ihres Mannes vor, die sie sich in den letzten vier Monaten vor seiner Hinrichtung im Berliner Gefängnis Plötzensee geschrieben haben. Eine einmaliges Ereignis, das der Der Deutsche Fernsehfunk DFF aufzeichnet, denn Freya von Moltke hat diese Briefe niemals zuvor vor Publikum gelesen. Für Eberhardt Görner ein einmaliger Moment und auch ein Ausblick, dass man gemeinsam ein besseres Europa schaffen kann - wie es sich der Kreisauer Kreis wünschte.

Freya von Moltke Freya von Moltke wird 1911 in Köln geboren. 1931 heiratet sie Helmuth James Graf von Moltke und zieht auf das Familiengut Kreisau in Niederschlesien. 1935 promoviert sie an der juristischen Fakultät in Berlin. Anschließend beaufsichtigt sie wegen der Abwesenheit ihres in Berlin beruflich tätigen Mannes und des frühen Todes ihrer Schwiegermutter Dorothy von Moltke die Bewirtschaftung des großen Kreisauer Gutes. Unter ihrer Leitung wird Kreisau nicht nur Ort wichtiger Treffen, sondern auch Zufluchtspunkt für ausgebombte und verfolgte Freunde. Ihre Söhne, Helmuth Caspar und Konrad, werden 1937 und 1941 geboren.

Helmuth James von Moltke und Peter Yorck von Wartenburg bauen schon früh eine Widerstandsgruppe gegen den Nationalsozialismus auf, die als "Kreisauer Kreis" bekannt wird. Dort werden Ideen für den Wiederaufbau eines demokratischen, in Europa fest verwurzelten Deutschlands nach dem Ende des Nationalsozialismus entwickelt. Viele der "Kreisauer", darunter Helmuth James von Moltke, bezahlten ihren Weitblick und ihr Handeln im Widerstand mit dem Leben.

Nach dem Kriegsende geht Freya von Moltke mit ihren Kindern nach Südafrika, der Heimat der Großeltern ihres Mannes. Dort arbeitet sie als Sozialarbeiterin. 1956 kehrt sie nach Deutschland zurück, 1960 siedelte sie nach Vermont (USA) über. Dort stirbt sie am 1. Januar 2010. Sie ist eine der letzten Zeuginnen des Kreisauer Kreises und seines Widerstandes gegen das nationalsozialistische Regime gewesen.

Buchtipps von Moltke, Freya: "Erinnerungen an Kreisau 1930-1945",
139 Seiten,
München: Verlag C.H. Beck 1997,
ISBN: 978-3406510649,
Preis: 9,90 Euro.

Görner, Eberhard: "Am Abgrund der Utopie: Gespräche, Aufsätze, Selbstporträts"
272 Seiten,
Leipzig: Verlag Faber & Faber 2007,
ISBN: 978-3867300377
Preis: unbekannt

Zuletzt aktualisiert: 07. April 2017, 09:55 Uhr