Ein Dokument, im Kopf steht Bundesnachrichtendienst
Bildrechte: MDR/Jakob Seemann

Humoreske Geheimoperation Kein Witz! DDR-Witze als Ziele des BND

"Keine Bretter für die Laube, für das Auto keine Schraube, für den Arsch kein Klopapier – aber Kosmonauten haben wir." Ein politischer Witz made in GDR, wie er bis zuletzt Hochkonjunktur hatte. Jahrzehntelang war die Operation "DDR-Witz" ein Staatsgeheimnis der alten Bundesrepublik, erst 2009 werden die Witz-Akten frei gegeben: Der BND hatte über 30 Jahre lang politische Witze aus der DDR gesammelt.

Ein Dokument, im Kopf steht Bundesnachrichtendienst
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11.11.1977 - BND übergibt erste "DDR-Witze" an Kanzler

Deutschland 1977. In den Zeiten des Kalten Krieges gehört natürlich auch die DDR zu den Zielgebieten des westdeutschen Bundesnachrichtendienstes. Der Geheimdienst lässt nichts unversucht, die Geheimnisse des real existierenden Sozialismus zu ergründen. Wie stehen die DDR-Bürger zu Honecker und Co.? Was geht in den Köpfen der Menschen vor? Das herauszufinden scheint schwieriger zu sein, als manch Militärgeheimnis zu lüften. Aber dann hatte Mitte der 70er Jahre jemand in Pullach die verblüffende Idee, politische Witze von "drüben" nachrichtendienstlich zu erfassen und auszuwerten.

Gleichwohl offenbart der politische Witz in totalitären Systemen mitunter Missstände (...) drastischer und unmittelbarer, als ausgefeilte Analysen dies vermögen.

Hans-Georg Wieck, BND-Chef 1985 bis 1990
Der Bundesnachrichtendienst in Pullach - hier gehen die gesammelten Witze ein.
Der Bundesnachrichtendienst in Pullach - hier gehen die gesammelten Witze ein Bildrechte: MDR/Jakob Seemann

Ende 1977 startete der BND in Pullach die Geheimoperation "DDR-Witz". Die BND-Agenten sollen streng konspirativ die Welt der Witze im Arbeiter- und Bauernstaat erfassen und auswerten. Pünktlich zum Karnevalsauftakt, am 11.11.1977, wurde die erste Witze-Akte mit dem Vermerk "Vertraulich“ dem damaligen Bundeskanzler Helmut Schmidt übergeben. Aber wie kommt man an die Witze, die der BRD-Regierung ein Stimmungsbild des sozialistischen Nachbarn liefern sollten?

Da ist ja nicht jemand aus Westdeutschland herumgereist und hat in Bars gesessen und gewartet, bis ihm Witze erzählt  werden …

Hans-Georg Wieck

Einer der Lieferanten ist die Hauptstelle für Befragungswesen des BND. Die Mitarbeiter befragen unter anderem in den Notaufnahmelagern der BRD Flüchtlinge und Übersiedler aus der DDR. Sogenannte "Zugbefrager" – meist waren das Frauen mittleren Alters – horchten bei anscheinend harmlosen Schwätzchen ihre Mitreisenden aus. Auch Bundesbürger, die Besuch aus der DDR bekamen oder selbst auf Verwandtschaftsbesuch im Osten waren, wurden nach Witzen gefragt.

Aktenblatt, auf dem "richtiges" Verhalten für sogenannte Zugbefrager aufgeschrieben ist. Zum Beispiel welche Kleidung sie tragen sollen oder wie sie ein Gespräch anfangen sollen.
Anweisungen für Zugbefrager Bildrechte: MDR Zeitreise

Witze erzählen in der DDR - nicht immer ungefährlich

Die Befrager bekamen detaillierte Anweisungen und wurden speziell geschult, um das Vertrauen der Zielpersonen zu gewinnen. Denn noch in den 50er- und 60er-Jahren landeten DDR-Bürger für politische Witze nicht selten im Gefängnis. Anklage: Verstoß gegen den Paragraphen 19 "Staatsgefährdende Propaganda und Hetze".

Was ist Glück? – In der DDR zu leben. – Was ist Pech? – Dass wir dieses Glück haben.

Dieser Paragraph war es auch, der 1961 in Leipzig dem Studentenkabarett um Peter Sodann zum Verhängnis wurde. Im Vernehmungsprotokoll wird ein Sketch erwähnt, der die Mangelwirtschaft auf die Schippe nimmt. Als strafverschärfend gilt, dass Sodann dabei die Stimme von Walter Ulbricht nachahmt.

Der Staatsanwalt fordert zehn Jahre Haft. Das Urteil lautete schließlich ein Jahr und 10 Monate. Nach neun Monaten Untersuchungshaft wird das Strafmaß aufgrund zweier Erlasse vom damaligen DDR-Chef Walter Ulbricht in vier Jahre Bewährung umgewandelt. Für ein paar Witze.

Peter Sodann
Bildrechte: MDR Zeitreise

Do 09.11.2017 16:37Uhr 02:24 min

https://www.mdr.de/zeitreise/ddr/video-152154.html

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Auch SED-Genossen lästerten über die Mangelwirtschaft

In den 70er-Jahren wurden Witzeerzähler dann nicht mehr mit Gefängnis bestraft. Sonst wären vermutlich auch einige Reihen beim SED-Parteitag leer geblieben: Laut der Protokolle einer speziellen BND-Abhöraktion kursierten auch unter den Genossen die einschlägigen Witze.

Dresdner Neufassung des Erlkönigs: Was schleicht nachts durch Ungarns Wiesen? Es sind die Sachsen, die wolln nach Gießen.

Eine weitere Quelle waren mitgehörte Telefonate und Briefe aus der DDR in den Westen. Hier las der BND zwar in wesentlich geringerem Maßstab mit als die Kollegen im Osten, es konnte aber durchaus sein, dass ein Brief zweimal – in Ost und in West - geöffnet wurde, bevor er seinen Empfänger erreichte. 

Insgesamt gelang es dem BND, innerhalb von 14 Jahren tausende DDR-Witze "aufzuklären". 657 davon gelangten auf geheimdienstlichen Wegen bis auf den Schreibtisch des Bundeskanzlers.

Ein Dokument mit einem Posteingangsstempel
Sehr geehrter Herr Bundeskanzler ... Eine Auswahl der gesammelten Werke ging dem Kanzler zweimal jährlich zu. Bildrechte: MDR/Jakob Seemann

Und die Witze-Jagd hörte auch nicht mit dem Fall der Mauer auf. Die letzte DDR-Witze-Akte mit dem Titel "Politische Witze, Parolen und andere 'Fundsachen' aus der DDR" wurde am Rosenmontag 1990 dem Bundeskanzleramt übergeben. Neben über 30 Witzen enthält sie auch drei Seiten mit ausgewählten Parolen der "Oktoberrevolution 1989".

DDR-Witze für den Kanzler - immer am 11.11.

Treffen sich Honi, Reagan und Kohl ... Der Bundesnachrichtendienst hat über 30 Jahre lang auch politische Witze aus der DDR "aufgeklärt" und für die Bundesregierung zusammengestellt. Hier Auszüge aus den Witz-Akten.

Ein Dokument, im Kopf steht Bundesnachrichtendienst
Das Deckblatt der ersten Witze-Sammlung, die das Bundeskanzleramt - kein Witz! - am 11.11.1977 vom Bundesnachrichtendienst erhielt. Bildrechte: MDR/Jakob Seemann
Ein Dokument, im Kopf steht Bundesnachrichtendienst
Das Deckblatt der ersten Witze-Sammlung, die das Bundeskanzleramt - kein Witz! - am 11.11.1977 vom Bundesnachrichtendienst erhielt. Bildrechte: MDR/Jakob Seemann
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Die Witze aus den letzten beiden BND-Akten nehmen das Ende der DDR aufs Korn ... Bildrechte: BND
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... und machen sich auch über die Probleme der Wendezeit lustig. Bildrechte: BND
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Die Zusammenstellungen sind breit gefächert. Es geht um den Kommunismus ... Bildrechte: BND
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... und die DDR-Mangelwirtschaft. Spezialgebiet hier: die ewigen Wartezeiten auf ein Auto. Bildrechte: BND
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Natürlich immer wieder im Visier der Spötter: der Genosse Erich Honecker. Gegen Ende der DDR spielte "Gießen", das Auffanglager für DDR-Flüchtlinge in Hessen, eine immer größere Rolle in den Witzen. Bildrechte: BND
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Aber auch die überalterte Regierung, Wendehälse und sogar Gorbatschows Glasnost bekommen ihr Fett weg. Bildrechte: BND
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Neben den erzählten Witzen wurde auch kurze Sprüche gesammelt. Bildrechte: BND
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Im Wendejahr 1989 "belauschten" die BND-Agenten auch die Parolen auf den Montagsdemonstrationen. Bildrechte: BND
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Wie man sieht, war dort nämlich nicht nur "Wir sind das Volk!" zu hören oder zu lesen. Bildrechte: BND
DDR-Witze und der BND
Gleich eine ganze Ballade erfand ein unbekannter Dichter zum "Inter"-Phänomen. Bildrechte: MDR Zeitreise
Ein Dokument mit einem Posteingangsstempel
Waren die Witze zusammengestellt, wurden sie mit einer persönlichen Notiz dem jeweiligen Bundeskanzler übergeben. Bildrechte: MDR/Jakob Seemann
Ein großes Tor, auf einem Schild steht Bundesnachrichtendienst
Die Operation "DDR-Witz" unterlag noch lange nach dem Ende der DDR der Geheimhaltung. Erst seit 2009 sind die Akten für die Öffentlichkeit zugänglich.

(Über dieses Thema berichtete der MDR auch im TV: DDR-Witze und der BND | 27.12.2016 | 22:35 Uhr)
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Über dieses Thema berichtete der MDR auch im TV: DDR-Witze und der BND | 27.12.2016 | 22:35 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 14. November 2017, 08:17 Uhr

Einen hab ich noch - Lutz van der Horst erzählt Witze aus den BND-Akten

Mann erzählt einen Witz "DDR-Witze und der BND"
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Mann erzählt einen Witz "DDR-Witze und der BND"
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+++ Warum Spechte die DDR liebten +++ Das Intershop-Gedicht +++

Di 27.12.2016 22:35Uhr 00:25 min

https://www.mdr.de/zeitreise/ddr/video-70722.html

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