BND-Witzesammlung Kein Witz: "Geheimoperation DDR-Witz"

"Es gibt Leute, die Witze erzählen, es gibt Leute, die Witze sammeln, und es gibt Leute, die Leute sammeln, die Witze erzählen". Ein DDR-Witz aus der Zeit des Kalten Krieges, der die Arbeit der beiden Geheimdienste in Ost und West sehr genau beschreibt. In Zeiten des Kalten Krieges spionierte der Bundesnachrichtendienst aus Pullach politische Witze in der DDR aus.

11.11.1977 | 11:11 Uhr: DDR-Witze sollen Karnevalssaison einläuten

Das erste Witze-Dossier des BND stammt aus dem Jahr 1977 und ist mit 14 Witzen auf zwei Seiten noch ziemlich mager. Dieses erste und auch die späteren Witze-Dossiers aus der DDR werden zum Auftakt der Karnevalssaison am 11.11.77, und in späteren Jahren auch am Rosenmontag, nach Bonn geliefert.

Anfangs schickt der BND seine Sammlungen nur dem Bundeskanzler und dem Bundesminister für innerdeutsche Beziehungen, später auch dem Auswärtigen Amt, dem Bundesverteidigungsministerium und dem Bundespräsidenten. Allein – es wollte keinen so recht keinen interessieren. Die Bonner Regierung ging vom Erhalt des Status Quo der parallel existierenden deutschen Staaten aus. Der BND dagegen suchte in den Witzen Hinweise auf einen möglichen Verfall des Landes. 

Wo und wie der BND die DDR-Witze abfing

Aktenblatt, auf dem
Anweisungen für Zugbefrager Bildrechte: MDR Zeitreise

Der Bundesnachrichtendienst in Pullach bei München setzt bei der "Geheimoperation DDR-Witz" auf so genannte "Zugbefrager": Leutselige Frauen mittleren Alters fangen ein Schwätzchen mit anderen Reisenden an und versuchen so, kursierende Witze abzugreifen. Auch in Notaufnahmelagern der BRD befragt der BND Flüchtlinge und Übersiedler bei einer Tasse Kaffee nach politischen Witzen aus dem Osten. Doch auch im eigenen Land dienen Bürger, die "Ostbesuch" hatten, als Witze-Quelle. Und nicht zuletzt: Genau wie die Stasi in der DDR, öffnet und liest der BND private Briefe, die von Ost nach West unterwegs sind. Außerdem nutzt er das Richtfunknetz der SED: Alle SED-Leitungskader können über das Funknetz mit der Zentrale in Berlin und den einzelnen Bezirken kommunizieren - und der BND hört ganz bequem mit. Kurioserweise ist das ergiebiger als man von linientreuen Leitungskadern erwarten würde.

Zurückgeschaut: Als Witze erzählen in der DDR noch gefährlich war

In den 1950-er und 60er-Jahren verstand der junge Staat keinen Spaß, wenn er sich nicht ernst genommen fühlte. Der "Boykotthetze"-Artikel, später "Paragraph 19, Staatstragende Propaganda und Hetze", sorgte dafür, dass Witze-Erzähler eingesperrt werden konnte, zum Teil für Jahre.

Art. 6. Alle Bürger sind vor dem Gesetz gleichberechtigt. Boykotthetze gegen demokratische Einrichtungen und Organisationen, Mordhetze gegen demokratische Politiker, Bekundung von Glaubens-, Rassen-, Völkerhaß, militaristische Propaganda sowie Kriegshetze und alle sonstigen Handlungen, die sich gegen die Gleichberechtigung richten, sind Verbrechen im Sinne des Strafgesetzbuches.

DDR-Verfassung 1949
Peter Sodann
Peter Sodann erhielt für einen Witz auf der Bühne ein Bewährungsstrafe Bildrechte: MDR Zeitreise

Einer, der mit einem blauen Auge davon kam, war Schauspieler Peter Sodann als junger Mann. Im Herbst 1961 erzählt er in einem neuen Programm im Leipziger Kabarett "Rat der Spötter" einen Witz über einen Fakir: Dieser wurde von einem Freund gefragt, warum er die Nägel nicht gegen Glasscherben tausche - er brauche nämlich ein paar Nägel. Sodann kam in Untersuchungshaft - die Staatsanwaltschaft forderte zehn Jahre Gefängnis, schlussendlich wurden vier Jahre auf Bewährung verhängt.    

Als SED-Mitglieder selbst spotten

Die zähe Planwirtschaft mit ihren vielen Mangelerscheinungen zerrt in den 80er-Jahren nicht nur bei den Bürgern an den Nerven. Auch SED- Mitglieder machen sich Luft über ihren Staat und dessen Zustand. Der BND hört über das Funknetz der DDR-Oberen, das über die Grenzen hinaus zu empfangen ist, Witze aus SED-Kreisen ab. Zum Beispiel:

Was ist Glück? – In der DDR zu leben. – Was ist Pech? – "Dass wir dieses Glück haben.

BND-Bericht

Allein für das Jahr 1984 laufen so 130.000 Witzmeldungen beim BND auf. Das vorletzte Witze-Dossier, Nummer 16, wird, ungeachtet vom Fall der Mauer zwei Tage zuvor, am 11.11.1989 um 11:11 Uhr in Bonn ausgeliefert - mit 74 Witzen, einer davon:

Dresdner Neufassung des Erlkönigs. Was schleicht nachts durch Ungarns Wiesen? Es sind die Sachsen, die wolln nach Gießen.

Dossier Nummer 17, das letzte seiner Art, geht am Rosenmontag 1990 nach Bonn, Inhalt: 82 Witze. Mit der DDR endet auch ein Kapitel BND-Geschichte - die Abteilung "Aufklärung DDR" wird aufgelöst und auch das hochprofessionelle, streng geheime Witzesammeln beim BND mutet heute an wie ein kurioser Witz der Geschichte.

(zuerst veröffentlicht am 24.12.2016)

Über dieses Thema berichtete der MDR auch im TV: DDR-Witze und der BND | 27.12.2016 | 22:35 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 05. Oktober 2017, 14:04 Uhr

DDR-Witze aus den BND-Akten im Herbst 89

Noch mehr vom BND gesammelte DDR-Witze

Mann erzählt einen Witz
Bildrechte: MDR Zeitreise

+++ Um was geht es im "Dresdner Erlkönig" +++ Suchanzeige für ein fast leeres Land +++ Wann man die DDR besuchen sollte +++

Di 27.12.2016 22:35Uhr 00:21 min

http://www.mdr.de/zeitreise/ddr/video-70728.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video
Mann erzählt einen Witz
Bildrechte: MDR Zeitreise

+++ Warum Spechte die DDR liebten +++ Das Intershop-Gedicht +++

Di 27.12.2016 22:35Uhr 00:25 min

http://www.mdr.de/zeitreise/ddr/video-70722.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video
Mann erzählt einen Witz
Bildrechte: MDR Zeitreise

+++ Was macht die Wurst im Schaufenster? +++ Was man mit DDR-Geld im Intershop anstellen kann +++ Wer profitiert von den Sozialmaßnahmen der DDR besonders? +++

Mi 21.12.2016 14:27Uhr 00:26 min

http://www.mdr.de/zeitreise/ddr/video-70720.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video