"Aktivist der sozialistischen Arbeit" Eine Auszeichnung mit Folgen

Adolf Hennecke wurde mit seiner Superschicht 1948 zum Begründer der "Aktivisten-Bewegung" in der späteren DDR. Auch Siegfried Karczewski aus Teutschenthal wurde 1981 als "Aktivist der sozialistischen Arbeit" ausgezeichnet. Doch die Freude darüber währte nicht lange. Seine Aktivisten-Geschichte war ein Flop. Die Wut darüber war noch Jahrzehnte später nicht verschwunden.

Lange ist es her, dass Siegfried Karczewski Platzwart im Stadion von Teutschenthal, einer Gemeinde zwischen Halle und Eisleben, war. Für ein internationales Freundschaftsspiel der DDR-Fußball-Junioren sollte das Stadion 1981 grundlegend umgebaut werden. Es fehlten Zuschauerbänke, Umkleidekabinen, Zufahrtswege. Als Mann der Tat war Siegfried Karczewski sofort bei der Sache.

Ich war jeden Tag da – musste die Arbeitsgeräte rausgeben, die Arbeit anweisen, sagen wo und was gemacht werden sollte. Ich war immer dabei, selbst wenn nur einer kam. Ich war da.

Siegfried Karczewski

Von insgesamt 5.000 freiwilligen und kostenlosen Aufbaustunden schaffte Siegfried Karczewski allein 700. Keiner war häufiger auf dem Platz als er. Als Baumaterial fehlte, ließ er seine persönlichen Beziehungen spielen. Als die Sportler Hunger bekamen, sorgte er, ohne auf das Geld zu achten, für die Pausenversorgung.

Ich habe das wirklich gern gemacht. Da steckte kein Zwang dahinter.

Siegfried Karczewski

Das Stadion wurde rechtzeitig zum Anpfiff des Länderspiels fertig - quasi eine Punktlandung. Für Siegfried Karczewski waren Angelegenheiten wie diese schon fast Routine. Bereits vorher hatte er sich vielfältig für das Dorf engagiert: nicht nur für den Fußball, auch beim Aufbau der Kaufhalle oder bei der Freibadsanierung. Sein Bemühen wurde allerdings nie besonders gewürdigt. Denn Siegfried Karczewski packte nicht nur gern mit an, sondern machte auch gern den Mund auf, wenn ihm etwas nicht passte. Doch nun war die Zeit gekommen: Karczewski wurde plötzlich Aktivist.

Ich war überrascht, habe nicht mit der Aktivistenauszeichnung gerechnet. Eine Auszeichnung zu bekommen war nicht typisch für einen kritischen Menschen - ich war schließlich kein Duckmäuser.

Siegfried Karczewski
Aktivisten-Abzeichen
Mit so einer Medaille wurden "Aktivisten der sozialistischen Arbeit" in der DDR geehrt. Bildrechte: MDR/Conrad Weigert

Für den Titel "Aktivist der sozialistischen Arbeit" musste man in der DDR vorgeschlagen werden, vom Betriebsleiter, Abteilungsleiter oder Parteisekretär. 1980 waren es über 300.000 DDR-Bürger, die diese Ehrung erhielten. Die Auszeichnung wurde im Akkord verliehen - mit Geld war sie nicht verbunden. Jeder konnte ein "Aktivist" werden, solange er sich nichts zuschulden kommen ließ. Als kritischer Nicht-Genosse war Siegfried Karczewski deshalb besonders erfreut, dass der Staat seine Arbeit würdigte. Doch das Hochgefühl dauerte nicht lang. Schon am Tag der Republik am 7. Oktober - dem Nationalfeiertag der DDR - bekam die Ehrung einen schalen Beigeschmack. An diesem Tag war es in Teutschenthal Tradition, dass alle Beschäftigten der Gemeinde eine Prämie bekamen. Siegfried Karczewski ging dieses Mal jedoch leer aus.

Ich bin dann hingegangen und fragte: 'War ich denn schlecht, habe ich die nicht verdient?' Die Frau von der Gemeinde hat mich nur angeguckt: 'Hast doch deine Prämie schon bekommen. Biste nicht Aktivist geworden?' Ich dachte, das war doch für meine zusätzliche Arbeit. Für mein Engagement.

Siegfried Karczewski

Siegfried Karczewski war empört und handelte spontan: Aus seiner Wohnung holte er Medaille und Urkunde und gab sie zurück. Der Groll saß so tief, dass er bis heute andauert.

Da kochte in mir die Galle hoch. Ich hab’s denen auf den Tisch geknallt: 'Die könnt ihr euch in den Hintern stecken', und bin wieder raus.

Siegfried Karczewski

Zwei Tage später musste Karczewski beim Bürgermeister im Rathaus antreten. Er sollte die Aktivistenmedaille zurücknehmen und nicht öffentlich über den Vorfall reden. Doch beides machte er nicht.

Ich war keinem böse, dass ich keine Rückendeckung bekommen habe. Wer für mich war, war gegen den Bürgermeister. Das war damals nicht so einfach. Man musste überlegen, ob man sich gegen das System stellte - denn der Bürgermeister war das System.

Siegfried Karczewski

Doch es kam noch schlimmer. Weil sich Siegfried Karczewski kritisch über die für ihn ungerechte Prämienverteilung in Teutschenthal äußerte, verpasste der Bürgermeister ihm einen Dämpfer. Er isolierte den Querulanten innerhalb des Feuerwehrvereins und ließ ihn schließlich rausschmeißen - nach 25 Jahren.

Ich habe dann damit abgeschlossen und für mich gesagt: 'Du engagierst dich für nichts mehr. Schluss aus, das war’s. Feierabend'.

Siegfried Karczewski

Erst nach der Wende wurde Siegfried Karczewski wieder in Teutschenthal ehrenamtlich aktiv: im Olsenbanden-Klub, beim Fasching und als stellvertretender Bürgermeister.

Zuletzt aktualisiert: 10. Februar 2009, 11:00 Uhr