Herbert Roth
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Die Geschichte des Rennsteiglieds Herbert Roth und der Sängerkrieg der DDR

Als Herbert Roth am 14.12.1926 in Suhl zur Welt kam, ahnte keiner, dass er einmal als Thüringer Volksmusikkönig Geschichte schreiben sollte. Roths Rennsteiglied, erstmals öffentlich gesungen am 15. April 1961, gilt bis heute als heimliche Hymne des Freistaats. Dabei war er anfangs keineswegs unumstritten. In Weimar fand sogar eine Demonstration gegen den Musiker statt, die gewaltsam aufgelöst wurde und die Stasi beschäftigte. Hier die Geschichte.

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"Diesen Weg auf den Höh'n bin ich oft gegangen"

"Diesen Weg auf den Höh'n bin ich oft gegangen, Vöglein sangen Lieder. Bin ich weit in der Welt, habe ich Verlangen, Thüringer Wald, nur nach Dir." Wer kennt es nicht, das Loblied auf die Berge im grünen Herzen Deutschlands? Mit dem Titel sicherte sich der Komponist und Sänger Herbert Roth einen Platz in den Musikbüchern – und in den Herzen von Wandersleuten und Volksmusikfans. Erstmals aufgeführt hat er das Lied vor 65 Jahren im Gasthaus "Zum Goldenen Hirsch" in seiner Heimatstadt Suhl.

Rennsteiglied entsteht bei einem Radioauftritt

Herbert Roth wurde 1926 in Suhl geboren und blieb der "Waffenstadt" am Rennsteig immer treu. Er lernte im väterlichen Friseurgeschäft, bestand 1948 die Meisterprüfung. Seine Leidenschaft galt aber der Musik: 1950 gründete er seine Truppe, die "Suhler Volksmusik", mit der er 30 Jahre lang in der DDR wie im Ausland auftrat. Von Anfang an wurde Roth häufig im Radio gespielt, oft war er mit seinem Ensemble zu Gast bei Rundfunksendungen - sehr zur Freude der Hörer:

Als wir im Sendedienst waren, verging kein Tag, an dem nicht Volksmusik und Herbert Roth gespielt wurde. Irgendwann haben wir gesagt, wir können diese Titel langsam rückwärts dirigieren.

Ingrid Handwerck, ehemalige Studioassistentin beim Sender Weimar

Bei solch einem Radioauftritt soll der Legende nach auch das Rennsteiglied entstanden sein. Während Roth im Studio wartete, fiel ihm demnach die Melodie ein, zu der sein Jugendfreund Karl "Kaschi" Müller den berühmt gewordenen Text schrieb.

Demonstration gegen "Kitsch und Tralala"

Roths Lieder heißen "Auf der Oberhofer Höh" oder oder "Kleines Haus am Wald". Mit Zither und Akkordeon wird die friedliche, beschauliche Heimat beschworen, Zuhörer schunkeln mit. Doch gegen das Idyll regt sich in den 1950er-Jahren auch Widerstand: In der Abteilung Volksmusik der Weimarer Musikhochschule kommt der Heimatsänger nicht gut an. Seine Titel werden als "Kitsch und Tralala" bezeichnet, sie seien gar keine richtige Volksmusik, sondern "kleinbürgerliche Gefühlsduselei". Die Kritiker wähnen sich auf der sicheren Seite, hatte doch das Zentralkomitee der SED auf seinem 25. Plenum gefordert, eine neue Volksmusik zu entwickeln.

Doch als Studenten am 2. Mai 1956 in Weimar gegen den Musikanten auf die Straße gehen, wird die Demo aufgelöst. An dem Tag macht Herbert Roth Station in der Klassikerstadt. 40 Studenten der Musikhochschule marschieren zum Auftrittsort, dem "Theater des Friedens". Passanten schließen sich an – sodass vor dem Kino 300 Demonstranten ankommen. Allerdings bleibt ihnen wenig Zeit, bis die Polizei eintrifft. Die bahnt Roth einen Weg durch die Menge und löst die Demonstration gewaltsam auf.

Ulbricht fällt endgültiges Urteil über Roth

Das Ende der Demo markiert aber nicht das Ende der Diskussion: Am nächsten Tag berichtet der RIAS vom Protest, wodurch die Partei in Zugzwang gerät und etwas unternehmen muss. Nach Aussprachen wird ein Student exmatrikuliert, zwei Stipendien werden gekürzt. Die Hochschulen erhalten Order, die ideologische Erziehung der Studenten zu verbessern. Am meisten regen sich jedoch die Fans über die Demonstration auf. Sie hören gern Herbert Roth – und sie fühlen sich in der Mehrheit.

Es gab natürlich Beschwerden aus der Bevölkerung, der Rektor erzählte, dass die Taxifahrer in einer Delegation zu ihm gekommen wären und sich beschwert hätten, wie die Studenten die Musik von Herbert Roth, 'ihre Musik', 'ihren Herbert Roth' so verunglimpfen würden.

Peter Damm, 1951 bis 1957 Horn-Student an der Musikhochschule in Weimar

Walter Ulbricht hat in der Kontroverse das Schlusswort: Während er im thüringischen Oberhof Urlaub macht, gibt Herbert Roth ein Privatkonzert. Als der Parteivorsitzende anschließend sagt, "mir gefällt's eigentlich", ist die Diskussion beendet.

Zuletzt aktualisiert: 14. Dezember 2016, 13:53 Uhr