1980er Die "Placebomedizin" erfreut sich der Beliebtheit der Bürger Kügelchen trotz Sozialismus - Homöopathie und die Staatsmedizin

Vor über 200 Jahren wurde die Homöopathie als alternative medizinische Behandlungsform vom Köthener Arzt Samuel Hahnemann in Mitteldeutschland erfunden. Sein Prinzip, dass Ähnliches mit Ähnlichem geheilt werden solle, ist bis heute unverändert. Lediglich die Staatsmedizin der DDR tat sich mit dem Erbe schwer und verbannte die Homöopathie.

Einen Homöopathen neben dem Hausarzt zu konsultieren, war damals wie heute eine normale Angelegenheit. Nur in der DDR verbannte man die Alternative zur Schulmedizin in die Hinterzimmer.

Doktor Zufall

Praktische Ärzte boten die Behandlungen nicht mehr an oder taten es ganz diskret nur auf Nachfrage. Dabei steht die Wiege der bekannten Behandlungsmethode in Mitteldeutschland, im Sachsen-Anhaltischen Köthen, und war damit auch ein Erbteil der DDR-Staatsmedizin. Genau unter diesen Bedingungen geriet Liane Just mit der Homöopathie in der DDR in Berührung. Zufälligerweise war sie Bewohnerin des Hahnemann-Hauses in Köthen. Als Mutter eines zweijährigen Sohnes, der seit Ende der 1980er-Jahre an einer seltenen Knochenkrankheit litt, war sie bereits mit der Schulmedizin in der DDR vertraut.

Zu dem damaligen Zeitpunkt gab es in der Allgemeinmedizin keine Medikamente für die Krankheit. Und da das unser einziges Kind war, und wir uns große Sorgen gemacht haben, haben wir uns natürlich umgehört was noch helfen könnte.

Liane Just, ehem. Bewohnerin Hahnemann-Haus

Als ein Magdeburger Arzt und Homöopath auf den Spuren von Samuel Hahnemann in Köthen wandelte, klopfte er selbstverständlich auch an das mittlerweile marode Haus, das Familie Just 1985 erworben hatte. Als dieser das kranke Kind bemerkte, bot er der Familie an, ein homöopathisches Mittel zu verschreiben. Die Leid geplagte Mutter probierte es mit dem Mittel und hatte Erfolg. Für Allgemeinmediziner und Orthopäden unerklärlich zeigte sich auf späteren Röntgenbildern eine extreme Besserung, wie Liane Just heute berichtet.

Verpönt und trotzdem geduldet

Dass Liane Just und ihrem Sohn Ende der 1980er-Jahre mit Homöopathie geholfen werden konnte, war ein kleines Wunder. Vor allem weil Homöopathie in der DDR bereits seit den 1950er-Jahren verpönt wurde. Schon kurz nach der Staatsgründung wurde das junge Gesundheitswesen der DDR, versehen mit dem Anspruch unbedingter Wissenschaftlichkeit, auf den Boden des "naturwissenschaftlichen Materialismus" gestellt. Fortan wurde die alternative Behandlungsform als Scharlatanerie neben Wunderheilen, Rutengehen und Gesundbeten in die esoterische Ecke gestellt.

Nach dem Krieg praktizierte noch eine große Anzahl homöopathischer Ärzte. Allerdings gab es ab 1952 keine Ausbildungsmöglichkeiten mehr für die Homöopathie. Sicherlich erhoffte man sich von offizieller Seite damit eine biologische Lösung des Problems. Und dennoch verordneten Ärzte sämtlicher Fachrichtungen weiterhin homöopathische Medikamente.

Dr. Anne Nierade, Buchautorin "Homöopathie in der DDR

Präparate aus sozialistischer Produktion

Im Lebensalltag der DDR wurden alternative Heilmethoden dennoch zu jeder Zeit praktiziert. Neben wenigen verbliebenen Homöopathen gab es auch immer wieder einzelne Schulmediziner, die zusätzlich eine homöopathische Behandlung anboten. Viele der Mittel und deren Anwendung waren in der älteren Bevölkerung noch bekannt und mussten nur besorgt werden. Wie auch noch heute kaum bekannt, brauchte es keinen verrenteten Großonkel mit Reisevisum oder gar Schmuggel, um an die Präparate zu gelangen. Einige wenige Arzneimittelbetriebe in der DDR produzierten für die Versorgung der Bevölkerung. Darunter die Bombastus-Werke im sächsischen Freital oder die großen Arzneimittelwerke in Dresden und Leipzig, die zum Pharmazeutischen Großkombinat GERMED gehörten. Hier wurden die Präparate in einem offiziellen staatlichen Verzeichnis geführt und zu geringen Preisen abgegeben.

Die Homöopathie war sehr beliebt in der Bevölkerung. In der offiziellen Lesart war sie eine wissenschaftlich gut erforschte Placebo-Methode, und sie war kostengünstig in ihrer Herstellung. Man kann also sagen, dass die Homöopathie in der DDR ein Nischendasein führte, aber niemals gänzlich bedroht war.

Dr. Anne Nierade, Buchautorin "Homöopathie in der DDR

Republikweiter Versand über Leipzig

Eine wichtige Bezugsquelle für homöopathische Zubereitungen war zudem die staatliche Zentralapotheke in Leipzig. Über sie wurde der republikweite Versand abgewickelt. Dennoch blieb das Verhältnis zwischen der Staatsmedizin und der Alternativmedizin ein widersprüchliches. Noch heute ist die bloße Existenz der Homöopathie in der DDR vielen gänzlich unbekannt. Andere, wie Liana Just, hatten Glück. Entweder geriet man an den richtigen Arzt oder konnte von Erfahrungen profitieren, die bereits in der Familie existierten. Offiziell wurde das Erbe Samuel Hahnemanns vehement abgelehnt. Im Alltag wurde es hingegen stillschweigend geduldet.

Hahnemann wurde erst nach der Deutschen Einheit wiederentdeckt und für sein medizinisches Werk geehrt. Sein ehemaliges Wohnhaus beherbergt jetzt ein kleines Museum. Daneben hat die Europäische Bibliothek für Homöopathie ihren Sitz. Mit zahlreichen Veranstaltungen würdigt auch die Stadt Köthen ihren berühmten Sohn. Seit März dieses Jahres hat auch der Weltverband der homöopathischen Ärzte seinen Hauptsitz von Genf nach Köthen verlegt. Damit ist die kleine anhaltische Stadt wieder zur Hauptstadt der Homöopathie und zum Anlaufpunkt für Homöopathie-Verehrer aus aller Welt geworden.

Literaturtipp "Homöopathie in der DDR"
- Die Geschichte der Homöopathie in der sowjetischen Besatzungszone
und der DDR 1945-1989 -
Autorin: Anne Nierade
KVC-Verlag 2012 / 320 Seiten
ISBN 978-3-86864-017-5

Zuletzt aktualisiert: 10. Januar 2017, 11:13 Uhr

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Carl Emil Willmar Schwabe, Pharmazeut und Verfechter der Lehren Samuel Hahnemanns, wird Administrator der "Homöopathischen Centralapotheke Leipzig". Wer war Schwabe? Das Magazin erzählt aus seinem Leben.