Januar 1971 Honecker verfasst ein Schreiben: An den Genossen Leonid Iljitsch Breschnew

Die gemeinsame Jagd zum 15. Geburtstag der DDR im Oktober 1964 wird zum Beginn einer 20 Jahre währenden Männerfreundschaft zwischen Erich Honecker und Leonid Breschnew. Nur fünf Tage nach den Feierlichkeiten in Ost-Berlin, an denen Breschnew als Ehrengast teilnimmt, stürzt er Nikita Chruschtschow und wird selber Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Sowjetunion. Die sowjetische Führung unter Breschnew rückt nun immer stärker von Ulbricht ab. Honecker weiß das in den folgenden Jahren zur Stärkung seiner Position zu nutzen. Allmählich wagt er sich aus der Deckung. Im Januar 1971 verfasst er hinter Ulbrichts Rücken einen Brief an Breschnew. 13 der 20 Politbüro-Mitglieder unterschreiben die Bitte um Absetzung.

Breschnew aber antwortet nicht sofort. Er lässt die Putschisten im Berliner Politbüro noch zappeln. Drei weitere Monate vergehen bis Erich Honecker kurzentschlossen seinen Vertrauten Werner Lamberz unter strenger Geheimhaltung nach Moskau schickt. Bereits einen Tag später kommt er nach einem Treffen mit Breschnew zurück - jetzt ist die Entscheidung endgültig gefallen. Honecker hat grünes Licht, gegen Ulbricht vorzugehen.

Geheime Verschlußsache

An das Politbüro des Zentralkomitees
der Kommunistischen Partei der Sowjetunion

An den Genossen Leonid Iljitsch Breschnew

Teure Genossen!

Wie Ihnen bekannt ist, kam es bei uns in den letzten Monaten in wachsendem Maße zu einer außerordentlich schwierigen Lage im Politbüro. Das hat seine Ursache darin, daß seit Mitte 1970 von Genossen Walter Ulbricht immer wieder Einschätzungen gegeben und Fragen aufgeworfen werden, die nicht mit der realen Lage der Deutschen Demokratischen Republik und unseren Aufgaben in Übereinstimmung stehen.

(…)

Nicht nur in der Innenpolitik, sondern auch in unserer Politik gegenüber der BRD verfolgt Genosse Walter Ulbricht eine persönliche Linie, an der er starr festhält. Damit wird ständig der zuverlässige Ablauf des zwischen der KPdSU und der SED koordinierten Vorgehens und der getroffenen Vereinbarungen gegenüber der BRD gestört.

Leider sind die Meinungsverschiedenheiten nicht nur in unserer Partei, sondern dank der Umgebung des Genossen Walter Ulbricht auch im Westen bekannt geworden.

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Leider können wir nicht umhin festzustellen, daß sich bei Genossen Walter Ulbricht in der letzten Zeit bestimmte negative Seiten seines auch ohnehin schwierigen Charakters immer mehr verstärken.

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Im Umgang mit den Genossen des Politbüros und mit anderen Genossen ist er oft grob, beleidigend und diskutiert von einer Position der Unfehlbarkeit. ... (und so) für kommende Jahrzehnte, ja, bis zum Jahr 2000 politische und andere Prognosen vorlegt ...

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Wir verstehen - und jeder in unserer Partei wird verstehen - dass es im Alter von 78 Jahren äußerst kompliziert ist, den großen Umfang von Arbeiten und Verpflichtungen wahrzunehmen, die sich aus der Funktion des Ersten Sekretärs des Zentralkomitees der SED und des Vorsitzenden des Staatsrates der DDR ergeben.

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Aus vielen Bemerkungen und manchem Auftreten geht hervor, daß sich Genosse Walter Ulbricht gern auf einer Stufe mit Marx, Engels und Lenin sieht.

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Bei unseren Erwägungen können wir auch nicht daran vorbei gehen, dass nach offiziellem ärztlichen Befund die gegenwärtige arbeitsmäßige Belastung des Genossen Walter Ulbricht unverantwortlich ist. Es wurde ihm von den betreuenden Ärzten dringend und wiederholt empfohlen, täglich nur vier Stunden zu arbeiten, sich mittwochs, sonnabends und sonntags zu erholen und nur einmal in der Woche abends für zwei Stunden an Veranstaltungen teilzunehmen. Zu unserer Sorge hält sich Genosse Walter Ulbricht  nicht an diese und andere ärztliche Ratschläge.

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Deshalb wäre es sehr wichtig und für uns eine unschätzbare Hilfe, wenn Genosse Leonid Iljitsch Breschnew in den nächsten Tagen mit Genossen Walter Ulbricht  ein Gespräch führt, in dessen Ergebnis Genosse Walter Ulbricht von sich aus das Zentralkomitee der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands ersucht, ihn aufgrund seines hohen Alters und seines Gesundheitszustandes von der Funktion des Ersten Sekretärs des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands zu entbinden.

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Mit kommunistischem Gruß

Berlin, d. 21. Januar 1971

H. Axen, Mitglied des PB und Sekretär des ZK

G. Grüneberg, Mitglied des PB und Sekretär des ZK

K. Hager, Mitglied des PB und Sekretär des ZK

E. Honecker, Mitglied des PB und Sekretär des ZK

G. Mittag, Mitglied des PB und Sekretär des ZK

H. Sindermann, Mitglied des PB und 1. Sekretär der BL Halle

W. Stoph, Mitglied des PB und Vorsitzender des Minsterrates

P. Verner, Mitglied des PB und Sekretär des ZK

E. Mückenberger, Mitglied des PB und 1. Sekretär der BL Frankfurt/Oder

H. Warnke, Mitglied des PB und Vors. FDGB

W. Jarowinsky, Kandidat des PB und Sekretär des ZK

W. Lamberz, Kandidat des PB und Sekretär des ZK

G. Kleiber, Kandidat des PB und Staatssekretär des Ministerrates der DDR

(Quelle: Bundesarchiv)

Zuletzt aktualisiert: 19. August 2012, 20:15 Uhr