Filmszenen aus dem Film: "Erich Honecker - Der Weg zur Macht" in der MDR-Reihe zur Geschichte Mitteldeutschlands
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1965 Von der Beat-Demo zum Kahlschlagplenum Ton, Steine, Scherben

Walter Ulbricht scheint nach dem Mauerbau von 1961 fest im Sattel. Er startet Reformen, um die Wirtschaft zu stabilisieren und so überhaupt die Existenz der DDR zu sichern. Und er leitet einen Kurswechsel in der Kultur- und Jugendpolitik ein. Doch damit bringt er die Hardliner in der Partei gegen sich auf. Sie scharen sich um Erich Honecker und der nutzt wieder einmal die Gunst der Stunde ... Ausgerechnet die Rolling Stones assistieren ihm.

Filmszenen aus dem Film: "Erich Honecker - Der Weg zur Macht" in der MDR-Reihe zur Geschichte Mitteldeutschlands
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Damit ein rotes Wirtschaftswunder gelingt, verlangt der Staatschef neue, gut ausgebildete Spezialisten auch ohne Parteibuch. Ulbrichts politischer Alleingang geht noch weiter. Er räumt mit der bisherigen Jugendpolitik auf, fordert mehr geistige Freiheit statt "spießbürgerliche Musterknaben" und zwar aus ganz pragmatischen Gründen. Pfingsten 1964 kommt es zum Deutschlandtreffen der FDJ. Hunderttausende Jugendliche vergnügen sich in den Straßen Ost-Berlins. Der zunächst nur provisorisch gedachte neue Jugendsender DT64 wird nun dauerhaft populäre, westlich beeinflusste Musik senden.

Ulbrichts Affront

Ulbrichts Liberalisierung geht direkt gegen die bisherigen Verantwortlichen in der Jugendpolitik, gegen Erich Honecker und seine Frau Margot, die Ministerin für Volksbildung geworden ist. Honecker fühlt sich in die Ecke gedrängt. War er beim Mauerbau noch Ulbrichts wichtigste Stütze, sind seine Vorstellungen von Jugend und Erziehung plötzlich nicht mehr gefragt. Das Verhältnis der beiden ersten Männer im SED-Staat kühlt merklich ab. Doch Ulbricht hat auch Gegner und die heimliche Opposition in der Partei schart sich um Erich Honecker und seine Frau.

Honecker nutzt die Gunst der Stunde

Die Rolling Stones 1965 auf der Waldbühne Berlin auf der Bühne seitlich aufgenommen - aus dem Publikum recken sich Hände auf die Bühne
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Der erste Schlag gilt der Jugendpolitik und dem neuen Lebensgefühl der Beat-Musik. Ein Vorkommnis ausgerechnet in West-Berlin spielt Honeckers Absichten in die Karten.

Ein Konzert der Rolling Stones auf der Waldbühne im September 1965 endet in schweren Tumulten und Verwüstungen.

21.000 Menschen in der Waldbühne, die wie ein Pulverfass explodierte als Tausende von jugendlichen Beatfans der Massenpsychose verfielen und aufgepeitscht durch die hämmernden Rhythmen nicht mehr wussten, was sie taten.

Kommentar zum Stones-Konzert in der Waldbühne, DDR-Fernsehen

Honecker nutzt die Gunst der Stunde für einen wichtigen Schachzug gegen Ulbricht. Anstelle des SED-Chefs leitet er inzwischen Sitzungen des Sekretariats. Ulbricht lässt sich immer häufiger vertreten, wohl noch immer in dem Glauben, Honecker völlig vertrauen zu können. HistorikerinMonika Kasier weiß, dass es anders war:

Honecker ist dazu übergegangen, Fakten zu schaffen. Wenn irgendwo nach einer Dorfdisko jemand Milchkannen umgeschmissen hat, dann war das eine Spitzenmeldung im ZK. Vertraute von Honecker haben alle möglichen Dinge aufgelistet, an den die Jugendlichen beteiligt waren und das dann mehrfach gerechnet und also den Eindruck erweckt, als wenn die Hälfte aller Straftaten in der DDR von Jugendlichen begangen würden. Und mit Hilfe dieser gefälschten Zahlen und aufgebauschter Meldungen lies sich eben gut Politik machen.

Monika Kasier, Historikerin Geschichte Mitteldeutschlands

Leipziger Beat-Demo 1965

Klaus "Jenni" Renft
Klaus "Jenni" Renft Bildrechte: DRA

Von nun an ist es Bands in der DDR verboten, öffentlich Beatmusik oder Rock'n' Roll zu spielen. Die meisten Amateurgruppen verlieren sofort ihre Lizenz - unter dem Vorwand der Steuerhinterziehung. In der Hochburg Leipzig sind allein 44 von 49 Beat-Bands mit einem unbefristeten Spielverbot belegt, auch die beliebten "Butlers" dürfen nicht mehr auftreten. Zum Protest versammeln sich am 31. Oktober 1965 mindestens 1.000 junge Beatfreunde auf dem Leipziger Wilhelm-Leuschner-Platz. Gewaltlos und beinahe stumm stehen sie beieinander, bis die Polizei sie mit Wasserwerfern auseinander und mit Knüppeln durch die Straßen treibt. Hunderte Jugendliche werden verhaftet und wochenlang zum Arbeitseinsatz im Braunkohletagebau gezwungen. In der Presse beginnt eine Kampagne gegen Langhaarige, Beatfans, junge Christen und politisch Andersdenkende.

Die Beatgruppen muss man auf deutsche Titel, DDR-Titel umpolen. Bei der Tanzmusik muss ein Verhältnis von 40 zu 60 eingehalten werden, das heißt 60 Prozent der Musik muss 'von uns' sein, 40 Prozent darf westlich sein. Es wurde vorgeschlagen, zur Unterbindung von Jugendkriminalität auch Arbeitslager für Jugendliche einzurichten in der Braunkohle und bei anderen Gelegenheiten. Also das Ende war sehr restriktiv.

Hellmut Müller, damals FDJ-Funktionär Geschichte Mitteldeutschlands

Das Kahlschlagplenum

Schließlich wagt sich Erich Honecker selbst aus der Deckung. Auf dem 11. Plenum des ZK der SED im Dezember 1965 rechnet er in einer Grundsatzrede mit der bisherigen, von Ulbricht geprägten Kulturpolitik ab. Die Mehrheit der Parteikader weiß er hinter sich.

Einzelne Jugendliche schlossen sich zu Gruppen zusammen und begingen kriminelle Handlungen. Es gab Vergewaltigungen und Erscheinungen des Rowdytums. Wir stimmen jenen zu, die feststellen, dass die Ursachen für diese Erscheinungen der Unmoral und eine dem Sozialismus fremden Lebensweise auch in einigen Filmen, Fernsehsendungen und Theaterstücken, literarischen Arbeiten, Zeitschriften bei uns zu sehen sind.

Erich Honecker in seiner Grundsatzrede auf dem 11. Plenum des ZK, 1965
Filmszenen aus dem Film: "Erich Honecker - Der Weg zur Macht" in der MDR-Reihe zur Geschichte Mitteldeutschlands
Ulbricht verliert seinen Rückhalt und schwenkt in der Kultur- und Jugendpolitik wieder um auf Eiszeit. Bildrechte: MDR/Geschichte Mitteldeutschlands

Kinofilme wie "Spur der Steine" oder "Das Kaninchen bin ich" - faktisch die gesamte Jahresproduktion der DEFA - werden nach kurzer Zeit aus den Kinos entfernt oder gar nicht gezeigt. Aufmüpfige Künstler wie Wolf Biermann erhalten Auftrittsverbot. Die Zeit des kulturellen Aufbruchs unter Ulbricht ist vorbei. Der wird von den Attacken der Honecker-Fraktion geradezu überrollt.

Die vertrösten einen auf die Zukunft wie die Pfaffen aufs Jenseits. Und ehe es soweit ist, bist Du tot.

Manfred Krug als Brigadier Hannes Ball in "Spur der Steine", 1965

Er reagiert schließlich wie immer, wenn er sich großem Widerstand ausgesetzt sieht: Er stellt sich opportunistisch an die Spitze der Kritik und verurteilt die von ihm selbst eingeleitete Wende in der Kulturpolitik und die Monotonie des westlichen "yeah, yeah, yeah": "Ist es denn wirklich so, dass wir jeden Dreck, der vom Westen kommt, kopieren müssen?", fragt er nun. Seinen eigenen Mann, Kurt Turba, lässt er bedenkenlos fallen.
Erich Honecker hat seinen Chef geschickt ausgebremst. Doch einen direkten Zweikampf um die Macht, gar ein Putsch gegen den Ziehvater, traut er sich noch nicht zu.

31.10.1965 - Leipziger Beat-Demo Das Verbot fast aller Leipziger Beat-Gruppen durch die Staatsorgane führt zu einer Demonstration von Jugendlichen auf dem Wilhelm-Leuschner-Platz. Die Volkspolizei geht mit Hunden und Wasserwerfern gegen die Jugendlichen vor. Mehrere hundert von ihnen werden verhaftet und teilweise zum Arbeitseinsatz in die Braunkohlengruben geschickt. Einen literarischen Niederschlag finden die Ereignisse in dem Roman von Erich Loest "Es geht seinen Gang" (1978).

Das Exempel: Klaus Renft Combo und "The Butlers" Der damals 16-jährige Klaus Jentzsch gründet die "Klaus Renft Combo" 1958 als Schülerband unter dem Mädchennamen seiner Mutter. Nach einem Verbot 1962 wird die Band unter dem Namen "The Butlers" zur absoluten Kultgruppe der Leipziger Beatszene. Mit ihrer kontroversen Musik und ihrem Auftreten blieb die Gruppe unter ständiger Beobachtung von Partei und Staatssicherheit. 1965 wird sie als eine der ersten Beatbands verboten.

Unter dem Namen "Klaus Renft Combo" dürfen die Musiker 1967 wieder auftreten und arbeiten immer enger mit dem Texter Gerulf Pannach zusammen. 1975 wird "Renft", so das sich durchsetzende Kürzel, endgültig verboten. Klaus Renft reist nach West-Berlin aus, zwei Bandmitglieder werden verhaftet und reisen nach ihrem Freikauf ein Jahr später ebenfalls aus. Erst 1990 tourte die Band wiedervereint durch die Noch-DDR.

15.12.-18.12.1965 - 11. Plenum des ZK Das 11. Plenum des ZK beschließt die zweite Etappe des "Neuen ökonomischen Systems", leitet als sogenanntes "Kahlschlagplenum" aber auch eine verschärfte Auseinandersetzung der SED mit Schriftstellern und Künstlern ein. Den Bericht des Politbüros an die 11. Tagung des Zentralkomitees hält Erich Honecker. Er wirft den Kreativen u. a. "Nihilismus", "Skeptizismus" und "Pornographie" vor. "Unsere DDR ist ein sauberer Staat. In ihr gibt es unverrückbare Maßstäbe der Ethik und Moral, für Anstand und gute Sitte", heißt es in seinen Ausführungen.

Zahlreiche Filme, Theaterstücke, Bücher und Musikgruppen werden als systemkritisch abgestempelt und zum Teil verboten. Darunter "Der Bau" von Heiner Müller, "Der Tag X" von Stefan Heym sowie faktisch die gesamte Jahresproduktion der DEFA - zum Beispiel "Jahrgang 45", "Carla" und "Das Kaninchen bin ich". Auch Frank Beyers "Spur der Steine" gerät unter Honeckers Verdikt. Allein Christa Wolf wagt einen Vorstoß gegen die Verbotsmaßnahmen der SED. Das Plenum beendet eine kurze Phase der Liberalisierung nach dem VI. Parteitag der SED 1963.

"Das Kaninchen bin ich" (1965) Korrupte Richter und systemuntergebene Opportunisten sind das Thema in "Das Kaninchen bin ich". Der Film, in dem ein junger Mann wegen "staatsfeindlicher Hetze" zu mehreren Jahren Zuchthaus verurteilt wurde, wurde am Vorabend des 11. Plenums des ZK der SED 1965 gezeigt - als Beispiel für die "Abweichungen" der Künstler von der offiziellen Parteilinie. Der Film wurde wegen seiner Systemkritik verboten - und wurde erst nach dem Mauerfall vom Schubladenmief befreit. Regisseur Kurt Maetzig reagierte nach dem Verbot mit einer "Selbstkritik", die im "Neuen Deutschland" erschien und beugte sich so dem Druck von oben.

"Spur der Steine" (1966) Als Nachwirkung auf das "Kahlschlagplenum" vom Dezember 1965 kommt es bei der Uraufführung des dort scharf kritisierten DEFA-Spielfilms "Spur der Steine" zum Eklat durch bestellte Randalierer. Im Chemnitzer Schauspielhaus fordern sie Gefängnis für Regisseur Frank Beyer und "Bewährung in der Produktion" für Hauptdarsteller Manfred Krug. Das Werk, das die Konflikte auf einer DDR-Großbaustelle schildert, wird drei Tage später "wegen Herabwürdigung der Partei" und "antisozialistischer Tendenzen" verboten. Erst im Oktober 1989 darf der Film wieder gezeigt werden.

1973 - Gründung des Komitees für Unterhaltungskunst In den 1970er-Jahren richtete die Partei auf Bezirks- und Kreisebene ein weit verzweigtes Netz lokaler Arbeitsgruppen ein. Zur "Koordination all dieser Koordinierungen" - so die Formulierung in den Arbeitsrichtlinien - wurde 1973 das Komitee für Unterhaltungskunst beim Ministerium für Kultur gegründet: Organisiert wurden Festivals und Wettbewerbe, Talentsuche und Nachwuchsförderung, aber vor allem auch die Begutachtungspraxis für Kapellen und ihre Produkte. In der Sektion Rock waren am Ende der DDR 570 Mitglieder registriert - Musiker, Texter, Manager und Wissenschaftler.

Zu den Aufgaben gehörte auch die Verwaltung des Mangels - zum Beispiel im Blick auf Studiokapazitäten, die offiziell nur beim VEB Deutsche Schallplatte und beim Rundfunk der DDR existierten. Daneben allerdings entwickelte sich in der DDR ein informeller Sektor samt privateb Veranstaltern und illegalen Veröffentlichungen.

Buchtipps: Lindner, Bernd: DDR Rock & Pop. Komet, Köln 2008 (nur antiquarisch)

Rauhhut, Michael: Beat in der Grauzone. DDR-Rock 1964 bis 1972 – Politik und Alltag. BasisDruck, Berlin 1993 (nur antiquarisch)

Zuletzt aktualisiert: 19. August 2012, 20:15 Uhr