80er-jahre Sound Ein illegaler Radiosender in Erfurt

Olaf Hintze und der Soundtrack seines Lebens

Musik ist für viele ein Begleiter in allen Lebenslagen, selbst im OP-Saal schnippeln und nähen Chirurgen zu klassischen oder rockigen Klängen. In den 80er-Jahren dagegen brüteten Teenagern vor ihren Kassetten/Radiodecks, um im richtigen Moment auf "Aufnahme" zu drücken. Olaf Hintze aus Erfurt ging noch weiter: Er betrieb illegal einen eigenen, selbstgebauten Radiosender, über den er seine eigene Hitparade präsentierte.

An viele Lieder hat Olaf Hintze eine ganz bestimmte Erinnerung, zum Beispiel an den Titel "Irgendwie, irgendwo, irgendwann" von Nena. Der Erfurter hört es im Auto, als er während seiner NVA-Zeit nach einem Urlaubstag wieder zurück in die dunkle Kaserne fährt. Es macht ihm Mut, dass seine Zeit bei der Armee irgendwann vorbei sein wird und er seine Träume verwirklichen kann.

Olaf Hintze ist 1964 geboren und 20 Jahre alt, als er 1984 zur Armee muss. Für ihn eine verlorene Zeit, lieber würde er sich mit seinen großen Leidenschaften beschäftigen: Musik, Literatur und Technik. Wie viele Jugendliche seiner Generation ist er immer auf der Suche nach Büchern und Musik, die ihm Flügel verleihen und ihn aus der geistigen Enge der DDR entfliehen lassen. Olaf Hintze verbringt eine Menge Zeit an der Record-Taste. Sein Traum ist es, DJ im eigenen Sender zu sein.

Olaf Hintze wächst im Neubaugebiet Rieth in Erfurt auf, in einem normalen Elternhaus. Mutter und Vater Hintze sind weder Bürgerrechtler, noch haben sie ein offizielles Amt inne. Liebevoll nehmen sie sich Zeit für ihre Kinder. Bei Olaf Hintze zeigt sich aber schon in der Schule sein Eigensinn. Das eigentliche Leben beginnt für ihn nach der Schule in seiner heimischen Musik- und Bastelwerkstatt. Schon in der sechsten Klasse beginnt er Sender und Kurzwellenradios zu bauen, darüber Musik zu senden und damit zu experimentieren.

Ich hab' ja recht früh entdeckt, das Einzige, was aus dem Westen in die DDR kommt, ist die elektromagnetische Welle. Das sind die Rundfunksender, die Fernsehstationen, Radiosender. Das hat mich fasziniert, das konnte man nicht aufhalten. Ich konnte meine Begeisterung für Musik, mein Informationsbedürfnis und all das was mich faszinierte in großen Teilen dadurch abdecken, dass ich Westradio hörte.

Olaf Hintze, Radiobastler

Die eigene Hitparade

Als der eigene, kleine Sender steht, verteilt er in der Schule Zettel an seine Schulkameraden. Sie sollen aufschreiben, welche Lieder sie hören wollen. Anschließend wertet Olaf Hintze die Wünsche aus und veranstaltet alle paar Tage einen Hitparade, die er im Neubaugebiet, in dem alle Freunde wohnen, auf einem Radius von bis zu drei Kilometern ausstrahlt. Von einem Kassettenrekorder spielt Hintze die aufgenommenen Lieder ab und bastelt sich auch ein kleines Mischpult, so dass er zwischen zwei Kassettenrekordern hin und her wechseln kann. Dass dies verboten ist, weiß er - in der DDR gibt es keine Walkie-Talkies, keine Radiomikrofone für Normal-Bürger. Trotzdem überschreitet Olaf Hintze die Grenze - mit 14 Jahren hat er seinen eigenen Radiosender und eine eigene Musiksendung. Das oft gespielte Lieblingslied seiner Mitschüler ist "Rheinita" von La Düsseldorf.

Die Flucht in den Westen

Olaf Hintze sendet unentdeckt bis zum Ende seiner Schulzeit. Nebenbei wird er zum leidenschaftlichen Leser. 1981 beginnt Olaf Hintze eine Lehre bei der Post. Lieber hätte er studieren wollen, doch das Zeugnis reicht nicht fürs Abitur. Tagsüber wartet Hintze also Batterien, abends holt er das Abitur nach oder zieht mit Freunden um die Häuser. Als 1989 die Nachrichten von der durchlässigen Grenze in Ungarn durchsickern, macht er sich auf den Weg. Zuerst ist Olaf Hintze mit Freunden unterwegs, später dann allein. Der erste Fluchtversuch durch den Wald scheitert, der zweite glückt. Olaf Hintze ist dort, wo er schon sein wollte, umgeben von Musik, die ihn glücklich macht. Sein Lebensplan geht auf: Olaf Hintze lebt seit mehr als 20 Jahren in München. Er hat dort Buchwissenschaft studiert und in einem Literaturverlag gearbeitet.

Buchtipp Hintze, Olaf, Krones, Susanne:
"Tonspur - Wie ich die Welt von gestern verließ",
360 Seiten,
München: Deutscher Taschenbuch Verlag 2014,
ISBN: 978-3-423-42213-0
Preis: 12,99 Euro

Zuletzt aktualisiert: 08. Dezember 2016, 11:31 Uhr