Jens Weißflog bei den Olympischen Winterspielen von Sarajewo 1984
Bildrechte: dpa

Jens Weißflog Der "Floh" aus dem Erzgebirge

Bis heute ist er Deutschlands erfolgreichster Skispringer: Jens Weißflog. In seiner Karriere hat er alle wichtigen Medaillen gewonnen. Zu DDR-Zeiten liegt dem "Floh vom Fichtelberg" die Welt zu Füßen. Doch nach 1989 muss er härter kämpfen als gedacht. Was macht er heute?

Jens Weißflog bei den Olympischen Winterspielen von Sarajewo 1984
Bildrechte: dpa

12. Februar 1984: Dicke Schneeflocken haben das jugoslawische Sarajewo an diesem Tag in ein Winterparadies verwandelt. Perfektes Wetter für die Olympischen Winterspiele, die ersten überhaupt in einem sozialistischen Land.

Auf der Skisprungschanze wartet Jens Weißflog im blauen Anzug auf seinen Einsatz, die Nummer "50" prangt auf seiner Brust. Der Offizielle senkt die Flagge zum Start, Weißflog schlittert über die Absprungrampe und fliegt 87 Meter weit. Das bedeutet Platz eins für "Jens Weißflog, GDR".

Das erste Olympia-Gold seiner Karriere ist inzwischen mehr als 30 Jahre her – aber der Moment ist für Weißflog unvergessen. Bis heute ist der 51-Jährige Deutschlands erfolgreichster Skispringer, der alle wichtigen Wettbewerbe der Branche gewonnen hat – im Westen wie im Osten.

Skispringen ging im Westen und im Osten von oben nach unten. Und wer am weitesten und schönsten springt, hat gewonnen. Das hat sich durch politische Systeme nicht geändert. Und mir war klar, dass ich danach gemessen werde und nicht nach anderen Dingen.

Jens Weißflog, ehemaliger Skispringer

Momentaufnahmen aus einem Skispringerleben

Brustbild - Junger Mann mit Skibrille auf der Stirn und Skiern auf den Schultern
Auf dem Weg zur Sprungschanze in Sarajewo bei den Olympischen Winterspielen 1984: Jens Weissflog. Bildrechte: dpa
Junger Skispringer im Flug, im Hintergrund sind Tannenwipfel zu sehen
1984 - Sarajewo: Hier springt Jens Weißflog von der der 70-m-Schanze. Seine Sprünge über 90 m und 87 m brachten ihm 215,2 Punkte - und die Goldmedaille. Bildrechte: dpa
Vier Männer jubeln und winken mit Blumensträußen in der Hand
Siegerehrung in Sarajewo 1984 - die Goldmedaille für DDR-Skispringer Jens Weißflog in der Bildmitte. Links neben ihm Matti Nykänen und rechts Jari Puikkonen auss Finnland. Bildrechte: dpa
Vier Wintersportler in orangefarbenen Skihosen und weißen Oberteilen recken die Arme begeistert nach oben
Nur zwei Tage später gelingt ihm zusammen mit Hansjörg Jäkle, Christof Duffner und Dieter Thoma auf derselben Schanze ein sensationeller Sieg im Mannschaftsspringen. Bildrechte: dpa
Brustbild - Junger Mann mit Skibrille auf der Stirn und Skiern auf den Schultern
Auf dem Weg zur Sprungschanze in Sarajewo bei den Olympischen Winterspielen 1984: Jens Weissflog. Bildrechte: dpa
Jungen in Skianzügen steigen eine Treppe hoch, die Skier geschultert
Skispringer Jens Weißflog (vorn/SC Traktor Oberwiesenthal) im Mai 1986 beim Matten-Training auf der heimischen Fichtelbergschanze. Bildrechte: dpa
Skispringer im Flug, die Beine parallel zueinander
Vier Jahre später ist Jens Weißflog wieder dabei bei den olympischen Winterspielen, dieses Mal in Calgary in Kanada. Beim Spezialsprunglauf von der Normalschanze am 14.02.1988 landet der Oberwiesenthaler auf Platz 9. Bildrechte: dpa
Ein Skispringer fliegt, die Beine im V-Stil
Lillehammer 1994, Olympische Winterspiele: Weißflog ist wieder dabei und zwar mit einem neuen Sprungstil, hier beim Sprung von der Großschanze am 20.02.1994. Mit Weiten von 129,5 und 133,0 Metern und der Gesamtnote von 274,5 Punkten holte sich der Oberwiesenthaler die Goldmedaille. Bildrechte: dpa
Junger Skifahrer in der Hocke - er hält die Hände vors Gesicht
Ein umwerfender Moment - Jens Weißflog am 20.02.1994 bei den Olympischen Winterspielen in Lillehammer. Zehn Jahre nach seinem ersten Olympiasieg holt er beim Springen von der Großschanze noch einmal eine Goldmedaille. Bildrechte: dpa
Junger Mann öffnet eine Glastür
Wie weiter nach der Skisprungkarriere? 1996 beendet Weißflog seine Sportlerkarriere und steigt in ein komplett neues Business ein: Er steigt in die Tourismusbranche ein und führt seither in Oberwiesenthal ein Apartmenthotel. Bildrechte: dpa
Alle (9) Bilder anzeigen

Der "Floh vom Fichtelberg"

Den Spitznamen "Floh" hat Jens Weißflog schon seit seiner Kindheit. Bereits mit sechs Jahren zeigt sich aber, dass Weißflog auch weit wie ein Floh springen kann. Im erzgebirgischen Pöhla macht er die ersten Versuche von einer selbstgebauten Schanze. Schon damals hat er den Ehrgeiz, sich ständig zu verbessern. Spätestens mit dem Olympiasieg 1984 wird der damals 20-Jährige zum Vorzeigesportler der DDR. Die Medien beschreiben ihn als "ganzen Kerl", der zugleich schüchtern, nett und bescheiden sei. Er reist zu Wettkämpfen in alle Welt, hat aber nur sporadischen Kontakt zur Konkurrenz aus dem Westen. Immer wieder kehrt Weißflog zurück nach Hause.

Trotzdem war's für mich auch immer wieder eine völlige Normalität, wieder zurückzukommen. Ich hätte mir auch nicht vorstellen können, im Westen zu bleiben. Hier waren meine Eltern, Geschwister, das hat man einfach mit Heimat verbunden.

Jens Weißflog, Jahrgang 1964

Neue Zeit - neuer Stil

Doch mit der Wende wird auch Jens Weißflog vorübergehend aus der Bahn geworfen. Im Skispringen muss er sich an einen neuen Stil gewöhnen: Vom gelernten "Parallel"- oder "Fisch-Stil", bei dem die Beine geschlossen und die Hände eng am Körper liegen, zum so genannten "V-Stil", bei dem die Skier in der Luft wie der Buchstabe "V" geöffnet werden. Der Stilwechsel brachte aerodynamische Vorteile mit sich, doch die Umstellung war für viele Skispringer schwer. Für manche bedeutete es sogar das Ende ihrer Karriere. Nicht für Jens Weißflog, auch wenn er im Nachwendejahr noch nicht weiß, wie es im neuen politischen System weitergeht. Wie viele ist auch er seinen Elektriker-Job beim VEB OEW in Annaberg von heute auf morgen los. Weißflog sucht einen Sponsor – und kann mit dem Sport weitermachen.

Mit der Wende ist ja vieles weggebrochen, bis hin, dass viele die finanzielle Absicherung nicht mehr hatten, sich kümmern mussten. Krieg ich einen Sponsor, der mich dann so weit unterstützt, dass ich den Sport so weiterbetreiben kann? Das waren schon sehr spannende Zeiten, die unwahrscheinlich lehrreich waren."

Jens Weißflog, Olympiasieger 1984 und 1994

Das Comeback nach der Wende

Der deutsche Skispringer Jens Weißflog hockt im Auslauf und weint vor Freude. Er gewinnt am 20.02.1994 bei den Olympischen Winterspielen in Lillehammer - zehn Jahre nach seinem ersten Olympiasieg - beim Springen von der Großschanze in Lillehammer erneut Gold.
Geflogen und gesiegt - Jens Weißflog ist überwältigt Bildrechte: dpa

Zehn Jahre nach den olympischen Winterspielen in Sarajewo gewinnt Jens Weißflog 1994 zweimal Gold in Lillehammer, mit neuem Stil und unter neuer Flagge. Das ist sein größter sportlicher Erfolg, den er anders wahrnimmt als 1984. "Die Gefühle gingen in dem Moment total durcheinander", erinnert er sich heute, "zwischen Jubel und Tränen, das war nicht mehr steuerbar." Zwei Jahre später hängt Weißflog den Sport an den Nagel. Doch er wird nicht etwa Trainer, weil ihm die Flut an Coaches in dem Bereich bereits auffällt. Weißflog entscheidet sich für eine Laufbahn als Hotelier. Plötzlich dreht sich alles um Notarverträge, Steuern und Belegungspläne.

Das waren Formulierungen, bei denen ich immer gedacht habe: Kann man das nicht mal ein bisschen einfacher schreiben? Aber es hat geholfen, sich in Dinge reinzuarbeiten und den Blick für Sachen zu bekommen, den man vorher nicht hatte. Das war eine Herausforderung. Die habe ich nicht unbedingt gesucht, aber mir hat das von Anfang an Spaß gemacht!

Jens Weißflog, Hotelier in Oberwiesenthal

In seinem Hotel in Oberwiesenthal erinnern heute Dutzende Fotos an seine Sportlerkarriere. Jens Weißflog schaut oft persönlich vorbei, geht auf Radtour mit den Gästen und ist sich auch für Fensterputzen nicht zu schade. Die Anerkennung für seine Mühe blinkt heute zwar nicht mehr von der Anzeigetafel bei den Olympischen Spielen, aber sie kommt jeden Tag "häppchenweise", zum Beispiel in Form eines zufriedenen Gastes. Für viele ist Jens Weißflog immer noch der "Floh vom Fichtelberg" – nur mit einem Hotel, das es ohne das Jahr '89 nicht gegeben hätte.  

Junger Mann öffent eine Glastür
Jens Weißflog an der Eingangstür seines Hotels. Bildrechte: dpa

Buchtipp Weißflog, Jens: „Bilder meines Lebens",
200 Seiten,
Wien: egoth Verlag, 2014,
ISBN: 978-3902480842,
39,90 Euro.

Zuletzt aktualisiert: 05. Februar 2016, 11:48 Uhr