Letzte Jugendweihe in Anklam, DDR 1990
Jugendweihe in Anklam im Frühjahr 1990 Bildrechte: IMAGO

Start ins Erwachsenenleben "Ja, das geloben wir" - Die Geschichte der Jugendweihe

Von wegen, die Jugendweihe ist eine Erfindung der DDR. Jugendweihefeiern haben sich seit mehr als 150 Jahren neben der evangelischen Konfirmation und der katholischen Firmung in Deutschland etabliert. In der DDR wurde die Jugendweihe schnell zu einer Pflichtveranstaltung. Am Ende nahmen rund 90 Prozent aller Achtklässler teil. Die Jugendweihe gibt es noch immer - nun wieder freiwillig und mit weniger Teilnehmern. Auf jeden Fall ist sie für viele Heranwachsende ein zumindest bemerkenswerter Tag.

Letzte Jugendweihe in Anklam, DDR 1990
Jugendweihe in Anklam im Frühjahr 1990 Bildrechte: IMAGO

An die flächendeckende Einbindung der Jugendlichen zu Ulbrichts und Honeckers Zeiten ist bei den freiwilligen Feiern von heute freilich nicht mehr zu denken. Zwischen 1955 und 1989 schwuren regelmäßig mehr als 90 Prozent aller Achtklässler in zehn Geboten auf den sozialistischen Staat. Dabei sprach man nicht den gesamten Schwur, sondern sagte immer: "Das geloben wir". Die meisten schauten dabei nach unten und "vernuschelten" den Spruch immer ein bisschen, wie sich Claudia Rusch heute erinnert. Sie feierte 1986 ihre Jugendweihe in der DDR. Sie erinnert sich, dass richtig geübt werden musste, damit den Jugendlichen ein klares und deutlich gesprochenes "Ja, das geloben wir" über die Lippen kam.

"Schau, da sitzt unsere Peggy"

Der Saal war hell erleuchtet. Und das, was kommen sollte, wurde mehrfach geübt. In den ersten fünf Reihen saßen kichernd bis nachdenklich, gespannt bis gelangweilt rund 50 Jugendliche. In schicken Kleidern aus dem Exquisit, frisch frisiert und auftoupiert. Die Mädchen trugen nicht selten zum ersten Mal Absatzschuhe und Feinstrumpfhose. Vorn spricht der Direktor, der Klassenleiter, die Pionierleiterin. Hinten drängen sich Eltern, Geschwister, Omas und Tanten. "Schau, da sitzt unsere Peggy, der Jens, die Simone. Mensch, sehen die erwachsen aus."

DDR 1966 - Jugendweihe
Aufnahme einer Jugendweihe in den 1960er-Jahren Bildrechte: IMAGO

Ab 1955 Jugendweihe unter staatlicher Obhut

1954 wird die Jugendweihe per Beschluss des Politbüros der SED eingeführt und der "Zentrale Ausschuss für Jugendweihe" eingerichtet. Schon im Frühjahr 1955 finden die ersten Jugendweihen unter staatlicher Obhut statt. Mit Walter Ulbrichts sogenannter "Sonneberger Rede" am 29. September 1957 verliert die Jugendweihe ihren bis dahin von der SED beteuerten freiwilligen Charakter. Ulbricht, de rmächtigste Mann der SED und des Staates, fordert, dass die Jugendlichen an der Jugendweihe teilnehmen müssten, "weil ihnen sonst wichtige Kenntnisse verloren gehen würden, die sie in ihrem späteren Leben brauchen". Die Jugendweihe wird zum Bildungsauftrag, dem sich niemand entziehen können soll.

In den Wochen vor der Jugendweihefeier haben Lehrer und Pioniergruppenleiter die Achtklässler auf den neuen Lebensabschnitt vorbereitet. In den Jugendstunden haben sie auf Honeckers Stuhl in der Volkskammer gesessen, Betriebe besichtigt, das ehemalige Konzentrationslager Buchenwald besucht oder Vorträgen über Politik und Gerechtigkeit gelauscht. Jetzt stehen alle auf.

"Für die große und edle Sache des Sozialismus arbeiten und kämpfen"

"Seid ihr bereit, als junge Bürger unserer Deutschen Demokratischen Republik mit uns gemeinsam, getreu der Verfassung, für die große und edle Sache des Sozialismus zu arbeiten und zu kämpfen und das revolutionäre Erbe des Volkes in Ehren zu halten, so antwortet: "Ja, das geloben wir", dröhnt es aus den ersten Reihen. Wie zuvor einstudiert und ja nicht genuschelt. Feierlich aufgenommen sind sie nun in die "große Gemeinschaft des werktätigen Volkes". Nun überfliegt doch ein wenig Stolz die Gesichter, spürt so mancher die bewundernden Blicke der kleinen Geschwister wohltuend im Nacken.

"Weltall, Erde, Mensch" oder "Vom Sinn unseres Lebens"

Bis Mitte der 1970er-Jahre gab es für zur Jugendweihe das Buchpräsent "Weltall - Erde - Mensch", danach die propagandistisch geprägten Bücher "Der Sozialismus, Deine Welt" oder "Vom Sinn unseres Lebens". Auch das Jugendweihegelöbnis wurde ab 1955 mehrfach überarbeitet und zunehmend ideologisiert. Jetzt heißt es noch in Grüppchen auf die Bühne, bloß nicht stolpern in den neuen Absatzschuhen. Am Rednerpult nehmen die jungen Erwachsenen eine Nelke mit Grün, die Urkunde in roter Klemmmappe und das obligatorische Buch in Empfang.

Der offizielle Teil ist vorbei. Morgen wird man sie mit "Sie" ansprechen, der Personalausweis darf beantragt werden und die Aufnahme in die Freie Deutsche Jugend (FDJ) ist nicht mehr weit. Aber erst wird gefeiert. Im Kreise der Klassenkameradinnen und -kameraden oder an der heimischen Kaffeetafel. Es gibt unerhört viele Geldgeschenke und vielleicht das erste Mal Sekt: Herrlich, wie schön ist Erwachsensein!

Auf einer Bühne überreicht ein junges Mädchen einem anderen einen Blumenstrauß.
Hier die Jugendfeier des Humanistischen Verbandes Deutschlands am 19.05.2012 im Friedrichstadtpalast in Berlin. Bildrechte: IMAGO

(zuerst veröffentlicht am 20.03.2013)

Über dieses Thema berichtete der MDR auch im TV: Geschichte Mitteldeutschlands - Das Magazin | 19.03.2013 | 21:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 29. September 2017, 09:34 Uhr