1979 Foto-Aktion in Meerane Jugendliche und ihre Zimmer in der DDR

Vor 35 Jahren machen mehr als ein Dutzend junge Meeraner Fotos von ihren Zimmern. Für heutige Zeiten klingt die Aktion harmlos, vielleicht auch ein bisschen spinnert. Aber für DDR-Zeiten war sie nicht ganz ungefährlich. Denn die Fotos zeigen Individualität und die Sehnsucht nach 'drüben'.

Ein Privileg: ein eigenes Zimmer

Vierzig Stufen sind es bis unters Dach. Vierzig Stufen bis zur Privatsphäre. Vierzig Stufen zum eigenen Reich. Obwohl die Bezeichnung 'Reich' eher eine sehr charmante Umschreibung ist: Das einstige Jugendzimmer von Klaus Dieter Weiß aus Meerane ist eine ungedämmte Bodenkammer. Im Sommer ist es dort brütend heiß, im Winter bitter kalt. Das Bett ist von Oma ausrangiert, der alte Schrank vom Vater. Zwölf Jahre lang lebte Weiß dort und erinnert sich noch heute daran, wie froh er war, ein paar Quadratmeter für sich allein zu haben.

Sechs Jahre lang haben wir zu viert in einem Zimmer gewohnt. Mein großer Bruder ist zehn Jahre älter als ich, brauch ich nicht zu kommentieren. Da war es schon ein gewisser Komfort dann hier.

Klaus Dieter Weiß, aufgewachsen in Meerane

Die Aktion: Viele Fotos, große Individualität

Ende der 1970er-Jahre ist an eine eigene Wohnung im sächsischen Meerane nicht zu denken. Klaus Dieter Weiß ist schon 20 und wohnt immer noch bei den Eltern. Ein eigenes Zimmer zu haben, ist zu DDR-Zeiten durchaus ein Privileg. Damit ist Klaus Dieter Weiß nicht allein: Die alte Fotografie seines Jugendzimmers gehört zu einer ganzen Sammlung. Mehr als ein Dutzend junge Meeraner haben 1979 ihre Refugien fotografieren lassen.

Auf den Auslöser drückt damals Andreas Röblitz aus Meerane. Die Idee zu der Aktion kam vom ehemaligen Jugendfarrer von Meerane, Michael Wagner. Er ist schon damals auf Konfrontationskurs gegen den SED-Staat. Aus Protest gegen die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann ahmt er dessen Frisur nach. Teilweise sind auf den Meeraner Jugendpfarrer dreizehn IMs der Stasi angesetzt. Mit den Zimmerportraits der jungen Leute will Wagner aber nur indirekt Kritik an Einheits-FDJ und staatlicher Gleichmacherei üben. Die jungen Leute sollen vor allem sich selbst erkennen.

Das war nicht ein Gedanke, der gegen irgendwas gerichtet war. Sondern es war wichtig die Person, die mir gegenüber sitzt, ernst zu nehmen. Und zwar als die, die sie ist. Und nicht als das, was ich aus ihr machen will. Einen großen FDJ-Fritzen oder was weiß ich was. Das ist so ein grundsätzlicher Ansatz. Und das ist natürlich im Endeffekt politisch. Nicht das Kollektiv ist wichtig, sondern der Einzelne."

Michael Wagner, betreut in den 1970ern in Meerane die Junge Gemeinde

Der Westen steckt im Detail

Klaus Dieter Weiß weiß noch, dass seine Eltern nicht begeistert sind, als er sich als FDJ-Mitglied an Wagners Kirchenaktion beteiligt. Michael Wagner achtet zwar darauf, die jungen Menschen nicht in Gefahr zu bringen. Trotzdem ist die Aktion nicht ganz ungefährlich. In die Meeraner Jugendzimmer der Endsiebziger wandern nämlich nicht nur ausrangierte Möbel von Oma und Opa, sondern auch alles, was die jungen Leute damals interessiert. Dabei ist ein sehnsüchtiger Blick in den Westen deutlich spürbar: ein Plakat von Levi's, ein Autokennzeichen mit dem Buchstaben "D" für Deutschland, Dosen von westdeutschen Biersorten. Eines haben alle Jugendzimmer gemeinsam: Sie ähneln sich, vor allem in ihrer Ornamenttapete. Auch wenn die Zimmer heute manchmal eher wirken wie das Wohnzimmer der Großmutter - für Klaus Dieter Weiß und die anderen Jugendlichen in Meerane waren sie zu DDR-Zeiten das Größte - ihr eigenes Reich.

Zuletzt aktualisiert: 13. Oktober 2015, 14:41 Uhr