Die Geschichte einer Langzeit-Doku Die Kinder von Golzow

Es ist das Jahr 1961. Gerade hat man in Berlin begonnen, die Mauer zu bauen. Da beginnt auch - nur kurze Zeit später und gar nicht weit weg - bei der DEFA ein ganz anderes Projekt: Eine Langzeitdokumentation, die Menschen von klein auf in ihrem Leben mit der Kamera begleitet und ihr Leben im Sozialismus zeigt. Die Idee dafür stammt von Karl Gass, einem Filmemacher der DEFA, der das Genre "Dokfilm" seit Anfang der 1950er-Jahre maßgeblich prägte. Bei der Wahl des "Nests" für die Dokumentation fiel die Wahl auf Golzow: Ein kleiner Ort im Oderbruch in Brandenburg, der 1961 eine neue Schule bekommen hatte, in der die Schüler bis zur 10. Klasse zusammen bleiben würden - optimale Bedingungen also für das Langzeit-Filmprojekt der DEFA.

So begann Filmemacher Winfried Junge, der zuvor oft als Dramaturgie- und Regieassistent von Karl Gass gearbeitet hatte, das Filmprojekt "Die Kinder von Golzow", wenige Tage nach dem Bau der Mauer. Zu diesem Zeitpunkt waren sich Ideengeber und Filmemacher wohl kaum darüber bewusst, dass sie gerade Film-Geschichte schrieben. Drehte Junge anfangs quasi als Zaungast, mit Kameras draußen vor den Schulfenstern, filmte er später direkt im Klassenzimmer. Junge war schon damals klar:

Um einen solchen Film miteinander zu machen, mussten wir Freunde werden. Und so ist es bis heute geblieben.

Winfried Junge Homepage "Wir Kinder von Golzow"

Längste Dokumentation der Filmgeschichte

Mit den ersten Dreharbeiten für "Die Kinder von Golzow" startet die älteste Langzeit-Dokumentation der Filmgeschichte. Grundschüler der Jahrgänge 1953 bis 1955 werden porträtiert und fortan mit der Kamera in ihrem Leben begleitet. Der Filmemacher Winfried Junge, damals 25 Jahre alt, dreht den ersten Schultag der "Kinder von Golzow" genauso wie ihr Älter-Werden. Diese 18 ABC-Schützen werden als Kinder gezeigt und als Erwachsene, wenn sie selbst längst Eltern sind.

Die Geschichte einer Generation: 18 Leben im Fokus der Kamera

Ein Mann mit Rollkragenpullobver und hochgeschlagenem Mantelkragen vor einem Ortsschild mit der Aufschrift:
Filmemacher Winfried Junge Bildrechte: IMAGO

Die Dokumentation schafft etwas, das nur ganz wenigen Filmprojekten gelingt: Sie erzählt die Geschichte einer ganzen Generation. Fast 50 Jahre lang - von 1961 bis 2007 - begleiten die Filmemacher Winfried und Barbara Junge die "Kinder von Golzow". Man kann sagen: fast ein ganzes Leben lang. Bei manchen sogar bis zum Tod. Ganz individuell werden die Lebensgeschichten der Protagonisten beleuchtet. Es sind keine Stars, keine Berühmtheiten, sondern vermeintlich "ganz normale" Menschen. Und man schaut zu, wie sie ihr vermeintlich "ganz normales" Leben in der DDR leben. Doch dies ist nur eine von mehreren spannenden Ebenen des Filmprojekts.

Die Geschichte eines Landes: Wie geht es der DDR im Jahr 2000?

Die Filmemacher porträtieren nicht nur die einzelnen Leben der 18 Protagonisten. Sie ermöglichen Zuschauern einen tiefen Einblick in den Staat: zum Leben in der DDR, zur Geschichte dieses Landes und der Wiedervereinigung mit der Bundesrepublik. Kein Beteiligter des Filmteams hätte ahnen können, wie sich die Langzeitdokumentation entwickeln würde. Als die DEFA das Projekt beschließt, gibt es ein großes Ziel: Man will zeigen, wie die DDR bis zum Jahr 2000 den Sozialismus aufbaut. Doch dazu kommt es nicht. Die Dokumentation zeigt stattdessen anschaulich die Umbrüche eines Landes und das Umdenken bei vielen. Die Zuschauer erleben mit, was mit den Menschen passiert, als es 1989 zur friedlichen Revolution kommt und die Dokumentation mit einer neuen, ganz anderen Zielstellung weiter gedreht wird.

Eine DDR-"Truman-Show" mit 20 Filmen und 45 Stunden Material

Gudrun, arbeitet 1975 als Köchin
Gudrun (links) arbeitet 1975 als Köchin Bildrechte: mdr/rbb/PROGRESS Film-Verleih/Winfried Junge

Die Mammut-Dokumentation ist weltberühmt und wurde 1985 ins Guiness-Buch der Rekorde als das "älteste Langzeitprojekt der internationalen Filmgeschichte" eingetragen. Die Filme wurden schon auf vielen Festivals gezeigt, unter anderem elf Mal auf der Berlinale. Zwischen 1961 und 2007 sind 20 Filme entstanden, zusammengeschnitten aus mehr als 70 Kilometer Film und 45 Stunden Filmmaterial. Die 18 "Kinder von Golzow" über einen so viele Jahre filmisch zu begleiten, mutet an wie eine kleine DDR-eigene "Truman-Show" und erinnert wie der gleichnamige US-Film aus dem Jahr 1998 an ein Leben unter einer Glaskuppel. Doch nie zuvor hat es eine Dokumentation geschafft, Menschen mit der Kamera über einen so langen Zeitraum so nahe zu kommen. Mit Mut zur Lücke, zu Zeitsprüngen und Brüchen, die es in jedem Leben nun einmal gibt - und Aufnahmen von Menschen, die nicht das offiziell gewünschte Bild vom Menschen in der sozialistischen Gesellschaft bedienten. Dass diese Kluft sichtbar und gezeigt wurde, macht den Film beim Publikum so erfolgreich: Die Zuschauer können die Lebensgeschichten der Protagonisten nicht nur anschauen, sondern bestens nachempfinden.

Ein kleiner Ort ganz groß

Nur wenig mehr als 800 Menschen leben heute in Golzow in Brandenburg. Doch als Schauplatz der "Kinder von Golzow" ist sie weltberühmt geworden. Die Doku ist der Stolz des Dorfes und damit schmückt der Ort sich auch gerne. Seit dem 21. Januar 2014 führt die Gemeinde offiziell, auch auf den Ortseingangsschildern, die Zusatzbezeichnung "Ort der ‚Kinder von Golzow". Die seit 2008 nur noch als Grundschule geführte Schule benennt sich im Juli 2008 in "Grundschule Kinder von Golzow" um. Sie sieht heute bei weitem nicht mehr so schmuddelig-grau aus wie 1961, als sie das erste Mal für die Doku gefilmt wurde.

Auch ein Filmmuseum gibt es im Ort - mit Fototafeln, Plakaten, alten Orwo-Filmrollen und DVDs für Besucher, die wegen der "Kinder von Golzow" ins Dorf kommen und sich nach den Schicksalen einzelner "Filmkinder" erkundigen. Auf dem Dorfplatz steht eine Granitskulptur, in die Golzows wichtigste Daten eingraviert sind:

1308 erstmals erwähnt als Gholsow. 1740: Dorf brennt ab. 1952: Gründung der LPG-Einheit. 1961: Beginn der Dreharbeiten ‚Kinder von Golzow‘.

Die Dorfbewohner, nicht nur die 18 Porträtierten, haben akzeptiert, dass das Filmprojekt zu ihrem Leben im Ort dazugehört.

Die unendliche Geschichte ist zu Ende

Im Jahr 2007 war Schluss. Der letzte Teil der "Kinder von Golzow" wurde abgedreht, 2008 wurde der 20. Film mit dem Titel "Und wenn sie nicht gestorben sind" in den deutschen Kinos gezeigt. Autor Winfried Junge ist inzwischen über 80 Jahre alt. Vieles hat sich seit dem ersten Porträt über die kleinen Grundschüler verändert. Zwei der 18 Protagonisten sind schon gestorben. Manche sind arbeitslos, nur noch zwei der damaligen ABC-Schützen leben im Ort. Viele haben den Umbruch 1989 und die Wiedervereinigung nur schwer verkraftet, mussten sich neu erfinden oder bezeichnen sich selbst als "Wende-Verlierer". Dokumentarfilmer Junge hat erkannt, dass seine Filme - entgegen dem ursprünglichen Ziel der DEFA - eher festgehalten haben, wie der Sozialismus zusammenbricht. So authentisch wie es nur geht, und natürlich, wie facettenreich 18 verschiedene Leben verlaufen können. Die 1990er-Jahre zeigen für die meisten Zuschauer die spannendsten Szenen in diesem einzigartigen Zeitdokument.


Über dieses Thema berichtete der MDR auch im: TV | 03.09.2017 | 22:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 01. September 2017, 16:21 Uhr