1961 Michael Synowzik und die abenteuerliche Flucht duch Berlins Kanalisation

Ab dem 13. August 1961 versperren Stacheldraht und Zäune den Grenzübergang zwischen Ost- und Westberlin. Die Familie von Michael Synowzik lebt im Ostteil der Stadt und ist wie so viele von Verwandten und Freunden getrennt. Da fassen sie einen Entschluss, der das Leben des 13-Jährigen verändern soll.

Michael Synowzik, Jahrgang 1948, ist ein Berliner Kind. Mit seiner Familie lebt er in der Reinhardtstraße, fast im Zentrum von Berlin-Mitte. Oft stromert er mit seinen Schulfreunden durch die Stadt, besucht Tanten und Onkel im Berliner Westen. Damit ist ab dem 13. August 1961 plötzlich Schluss: Obwohl die Synowziks nur wenige hundert Meter von der Kronprinzenbrücke entfernt leben, die über die Spree in den Westen führt, darf der kleine Michael ihr nun nicht mehr zu nahe kommen. Stacheldraht, hölzernen Sichtblenden und bewaffneten Grenzsoldaten halten den Jungen davon ab. Dem 13-Jährigen wird klar: "Nichts wird so, wie es einmal war!"

Entschluss zur Flucht

Als dann auch noch der ältere Bruder Peter spurlos verschwindet und alles darauf hindeutet, dass er mit einem Freund hastig aufgebrochen, wahrscheinlich geflohen ist, sucht die Familie Synowzik ebenfalls nach einem Weg aus der DDR. Vater Otto und seine Lebenspartnerin Susie weihen den 13-jährigen Michael ein. Über einem ausgebreiteten Stadtplan von Ost-Berlin fällt die Entscheidung, durch einen Abwasserkanal in den Westteil der Stadt zu gelangen. Die Wahl fällt auf den Einstieg durch einen Gullideckel in Berlin-Mitte, im Herzen der Stadt.

Mein Vater hatte die Friedrichstraße als Fluchtweg ausgesucht – natürlich den unterirdischen Teil. Wir glaubten, wenn wir den Checkpoint Charlie unterirdisch 'unterwandern' sozusagen, und würden doch noch auf der Ostseite des Checkpoint Charlies entdeckt werden, dass wir entweder nicht gleich erschossen werden. Oder dass westliche Journalisten oder die GI's, die Soldaten auf der Westseite das sehen, und wir dann ein bisschen menschlicher behandelt werden würden.

Michael Synowzik wagt als 13-Jähriger die Flucht durch die Berliner Kanalisation

Einen genauen Plan des Abwassersystems haben die Synowziks nicht, nur spärliche Informationen, zum Beispiel, dass das Abwasser grundsätzlich in westliche Richtung fließt, weil der ostdeutsche Bereich nahe der Grenze keine eigene Kläranlage hat. Der Vater kundschaftet die Krausenstraße/Ecke Charlottenstraße als günstigen Start für die Flucht aus. Um die Entfernung bis zum Checkpoint Charlie einschätzen zu können, bekommt der 13-Jährige die heikle Aufgabe, die Kanaldeckel zu zählen. Als der Plan steht, trifft die Familie Vorbereitungen, der Vater näht Schutzkleidung und packt verschiedene Werkzeuge zusammen.

Flucht am 26. Oktober 1961

Trotz der akribischen Vorbereitung scheitern zwei Fluchtversuche: beim ersten wird die Familie von einem Volkspolizisten auf dem Weg zum Kanaldeckel kontrolliert. Beim zweiten Mal ist der Kanaldeckel schon mühevoll geöffnet, als plötzlich in einem angrenzenden Wohnhaus das Licht im Eingangsbereich angeht und die Flucht in letzter Minute unmöglich macht. Am 26. Oktober 1961 nehmem die Synowziks noch einmal ihren Mut zusammen und verlassen abends die Wohnung. Bis halb vier Uhr morgens harren die drei in einem Gebüsch vor dem Kanaleinstieg aus.

Mein Vater und ich marschierten los mit einem Seil und einem Holzbalken in der Hand und das war für uns die Herausforderung von dort ungesehen zu dem Kanaldeckel zu kommen. Und ihn dann mittels dieser Hilfsmittel zu öffnen. Weil diese Deckel sind ja nun sehr schwer.

Michael Synowzik

Trotz der 90 Kilo lässt sich der Deckel öffnen und Michael Synowzik steigt als Erster auf verrosteten Trittkrampen an der Schachtwand in die Tiefe. Unten angekomen bekommt er sofort nasse Füße, muss aber für die nachfolgenden Erwachsenen das Licht leuchten. In gebückter Haltung setzt sich die kleine Gruppe in Bewegung. Doch dann geht die Taschenlampe kaputt. Trotzdem tastet sich der 13-Jährige Schritt für Schritt voran - leicht gebückt, die Hände an den Wänden, um die Orientierung zu bewahren. Den Gestank übertüncht er mit Baldrian durchtränkten Wattebäuschen. 

Nach vielen Stunden Fußweg in der Dunkelheit sieht Michael Synowzik ein diffuses Licht. Ein Kanaldeckel steht offen. Doch darunter versperrt ein Gitter den weiteren Weg. Die Synowziks laufen Gefahr entdeckt zu werden. Es bleibt nur eine Möglichkeit: Sie müssen eine schmale Lücke im Gitter untertauchen. Michael muss sich selbst stark dazu überwinden, aber er kann durchtauchen. Doch die Lebensgefährtin des Vaters verhakt sich mit ihrem Mantelkragen an einem der Stäbe. Michael taucht noch einmal unter und befreit sie. Auch den Vater zieht der 13-Jährige schließlich durch den Spalt.

Runter, ganz unter Wasser, ist man da wirklich getaucht, mein Vater hat ein bisschen geschoben. Und der Dreck, der schmierige Dreck auf dem Boden war wie ein Gleitmittel.

Michael Synowzik

Endlich im Westen

Was Michael Synowzik zu dieser Zeit nicht ahnt: Die Vergitterung befindet sich direkt unter dem Checkpoint Charlie. An diesem stehen sich gerade amerikanische und sowjetische Panzer drohend gegenüber. Grenzposten sind in Alarmbereitschaft. Die Bewachung der Kanalisation gerät zur Nebensache. Nach acht Stunden im Abwasser suchen die drei Flüchtenden nach einem Ausstieg. Vorsichtig hebt der Vater immer wieder leicht einen locker sitzenden Kanaldeckel mit seinem Rücken an.

Über ihren Köpfen ertönen Autohupen und Kreischen von bremsenden Fahrzeugreifen. Passanten greifen beherzt zu und holen den Kanaldeckel aus der Halterung. Mitten auf der Kochstraße/Ecke Friedrichstraße, nur wenige Meter vom Checkpoint Charlie entfernt, kriechen die Synowziks in Westberlin aus der Kanalisation. Erschöpft bricht Michael mitten auf der Straße zusammen. Im Durchgangslager Marienfelde schläft der Junge 24 Stunden durch. Nach einigen Tagen wird die Familie nach Hannover ausgeflogen. Dort verbrachte sie noch einige Zeit im Durchgangslager in Wesel, bevor für sie ihr neues Leben im Westen beginnt.

Wir standen also neben diesem Deckel - völlig verschmutzt, völlig stinkend und ganz ganz dreckig. Und das Wasser tropfte noch an uns herunter. Ich hatte ein Pioniertuch um, das hatte ich immer so zur Tarnung an. Das hab ich abgemacht, dann weggeschmissen und dachte so: 'Jetzt hast es geschafft. Jetzt sind wir im Westen. Jetzt sind wir in der Freiheit.'

Michael Synowzik

Heute ist Michael Synowzik bewusst, welch ein großes Glück die Familie bei ihrer abenteuerlichen Flucht hatte. Zwei Wochen später ließ die SED-Führung genau unter dem Checkpoint Charlie ein undurchlässiges Gitter anbauen. Ein einfacher Regenschauer hätte dann schon genügt und die ganze Familie ins Lebensgefahr gebracht.

Michael Synowzik
Bildrechte: MDR/Thomm TV

Buchtipp Synowzik, Michael: "Oktober 1961. Meine Flucht durch die Berliner Kanalisation am Checkpoint Charlie."
280 Seiten,
Eigenverlag, 2013
ISBN: 978-3000354731
Preis: 16,50 Euro

Zuletzt aktualisiert: 19. September 2016, 11:31 Uhr