Paulus Spielszenen aus GMD
Schauspieler Christian Wewerka als Friedrich Paulus - Spielszene Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Hintergrund Paulus und sein Leben in der DDR

Nach zehn Jahren sowjetischer Kriegsgefangenschaft vor den Toren Moskaus kam Friedrich Paulus frei. Der ehemalige Oberbefehlshaber der 6. Armee zog 1953 nach Dresden, in die neu gegründete DDR. Seine Familie aber lebte im Westteil Deutschlands, in Baden-Baden. Was waren seine Motive und welche Hoffnung setzten Partei und Staat in ihn?

Paulus Spielszenen aus GMD
Schauspieler Christian Wewerka als Friedrich Paulus - Spielszene Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Er hatte keine andere Wahl"

Der Militärhistoriker und Paulus-Biograf Torsten Diedrich ist genau diesen Fragen nachgegangen. Nach jahrelangen Recherchen steht für ihn fest, Paulus hatte gar keine andere Wahl:

Erstens war es eine Bedingung der Russen, dass er in den Osten geht und nicht in den Westen, um überhaupt endlich frei zu kommen. Als zweites hatte er nach mehr als zehn Jahren Sozialisation in der Sowjetunion ein völlig falsches bundesrepublikanisches Bild: als von den Amerikanern bestimmt und beherrscht und auf dem gleichen revanchistischen Weg in Richtung 'Drittes Reich'. Er fürchtete, dort heftig kritisiert zu werden ... möglicherweise auch, vor ein Kriegsgericht gestellt zu werden.

Torsten Diedrich, Militärhistoriker und Paulus-Biograf Geschichte Mitteldeutschlands

Privilegien und Drohbriefe

Hier wohnte Paulus in der DDR. Villa am "Weißen Hirsch" Dresden.
Bildrechte: MDR/Geschichte Mitteldeutschlands

Die ostdeutschen Behörden entschlossen sich, Paulus in Dresden, in der ehemaligen Villa des früheren sächsischen Ministerpräsidenten Max Seydewitz im gehobenen Wohnviertel "Weißer Hirsch" unterzubringen. Ein Grund für diese Entscheidung mag auch gewesen sein, dass er hier leichter zu überwachen war als zum Beispiel in Berlin. Paulus wurde mit zahlreichen Privilegien ausgestattet: Ein westdeutscher Opel Kapitän stand ihm zur Verfügung - und sogar eine private Waffe.

Sein persönlicher Adjutant Heinz Beutel erhielt einen sehr speziellen Ausweis, ohne Kontrollen konnte er die innerdeutsche Grenze passieren, auch mit zusätzlichen Gästen wie Paulus' Tochter Olga samt deren beiden Kindern. Für die Leitung des von ihm selbst konzeptionierten Historischen Forschungsamtes der Kasernierten Volkspolizei bekam Paulus 3.000 Mark monatlich -  etwa das Zehnfache eines Ostberliner Arbeiters. Nicht nur der Neid veranlasste Drohbriefe, die bei Paulus eingingen. Gerade im Osten musste es auf Unverständnis stoßen, dass einer der wichtigsten Männer aus Hitlers Wehrmacht in der DDR, die eine antifaschistische Gründungsdoktrin vor sich hertrug, derart hofiert wurde.

Der erste öffentliche Auftritt vor internationaler Presse

Die Beweggründe für diese Bemühungen von Seiten der Funktionäre waren klar: Man wollte Paulus im ideologischen Kampf mit dem Westen instrumentalisieren. Sein erster öffentlicher Auftritt nach den Nürnberger Prozessen war auf einer Internationalen Pressekonferenz im Juli 1954 in Ostberlin.

Paulus' Aufgabe sollte es sein, unter den Nationalkonservativen in der BRD für eine DDR-freundliche Stimmung zu werben, gegen die von Adenauer angestrebte Politik der Westbindung und Wiederbewaffnung. Ein ehemaliger Generalfeldmarschall mit den Erfahrungen von Stalingrad, so das Kalkül, müsste auch in der BRD mit seinen Appellen zu einem neutralen, wiedervereinigten Deutschland Gehör finden. Der Historiker Torsten Driedrich glaubt, dass Paulus' Auftritt in Berlin wie schon in Nürnberg vom Bemühen um Wiedergutmachung getrieben war.

Letztendlich war Paulus Patriot in zwei Diktaturen, die er so nicht in ihrer vollen Tragweite hat einschätzen können.

Torsten Diedrich, Militärhistoriker und Paulus-Biograf

Trauma Stalingrad

Gedenkstätte im heutigen Wolgograd für die Gefallenen Soldaten (ehemals Stalingrad).
Denkmal für die gefallenen Soldaten: 700.000 Opfer forderte die Schlacht von Stalingrad auf beiden Seiten. Bildrechte: MDR/Geschichte Mitteldeutschlands

Doch die westlichen Journalisten interessierten sich für die politischen, in die Zukunft weisenden Ausführungen des ehemaligen Generalfeldmarschalls nur am Rande. Für sie zählte nur ein Thema: Stalingrad. Sein Auftritt wurde in der westdeutschen Presse wenig wohlwollend kommentiert. Die Kluft zwischen beiden deutschen Staaten zu schließen, konnte auch er nicht mehr helfen. Der Soldat Paulus, der in der DDR versuchte, sich politisch zu engagieren und damit auch einen Teil seiner Schuld abtragen wollte, war an den realen Gegebenheiten jener Zeit gescheitert.

Ich will Ihnen mal was sagen, ich sitz' oft Sonntag - ich bin ja alleine hier - und horch' Blasmusik ... und da denk' ich über mein Leben oft nach. Und da laufen mir die Tränen runter. Ich denke oft: 'Warum sitzt'n du überhaupt noch hier? Warum bist'n du nicht in Stalingrad geblieben? 'Warum hast'n du dich nicht angesteckt im Uran-Bergbau?' Da war ich ja auch. Sechs Jahre unter Tage. Ja, das sind so meine Gedanken. Aber Paulus, sag ich mal, jetzt, heute, sich ein Urteil erlauben? Na, das ist sowieso gelaufen, da ändert sich auch nichts mehr. Den nimmste so zur Kenntnis.

Erich Burkhardt, Zeitzeuge und Stalingrad-Veteran Geschichte Mitteldeutschlands

Ein Staatsbegräbnis

Mit Hilfe seine Adjutanten Heinz Beutel versuchte Paulus, in seinen letzten Lebensjahren seine eigene Geschichte aufzuarbeiten. Die Jahre der Gefangenschaft und sein Leben in der DDR sparte er aus. Ab Mitte 1955 litt Paulus an einer seltenen und unheilbaren Muskelkrankheit, die zur vollständigen Lähmung des Körpers führt. Am 1. Februar 1957 starb er im Alter von 66 Jahren in Dresden - auf den Tag genau 14 Jahre nach seiner Gefangennahme in Stalingrad. Die DDR spendierte ihm ein Staatsbegräbnis. Beigesetzt wurde er in Dresden-Tolkewitz. Die Urne wurde später in das Familiengrab auf dem Hauptfriedhof Baden-Baden umgebettet.

Buchtipp: Torsten Diedrich: Paulus. Das Trauma von Stalingrad
Ferdinand Schöningh Verlag
Gebunden, 580 Seiten
Preis: 39,90 EUR
ISBN 3506764039

Zuletzt aktualisiert: 15. September 2015, 11:45 Uhr