18. August 1976 Die Selbstverbrennung des Oskar Brüsewitz

(1929-1976)

Oskar Brüsewitz kam am 29. Mai 1929 in Willkischken im heutigen Litauen zur Welt. Als Jugendlicher wurde er mit 15 Jahren als Hitlerjunge zum Kriegsdienst eingezogen. Bei Kriegsende flüchtete seine Familie von Westpreußen nach Westfalen. Brüsewitz’ erste Ehe scheiterte und er zog nach Weißenfels bei Leipzig.

Den Wunsch, Pfarrer zu werden, musste er zunächst wieder fallen lassen und das Studium an der Predigerschule in Wittenberg aus gesundheitlichen Gründen aufgeben. In einer freikirchlichen Gemeinde in Leipzig lernte er seine zweite Frau Christa kennen. Bereits in dieser Zeit wurde Brüsewitz mit öffentlichen Aktionen bekannt, die einige Gemeindemitglieder und die Staatssicherheit argwöhnisch beobachteten.

Zwischen 1964 und 1969 konnte Brüsewitz erneut die Predigerschule Erfurt besuchen und seine Ausbildung auch beenden. Im Anschluss daran hatte er die Pfarrstelle in Rippicha im heutigen südlichen Sachsen-Anhalt inne. Schnell erwarb er sich Anerkennung: Bei Renovierungsarbeiten packte er selbst mit an, durch einfallsreiche und anschauliche Gottesdienste belebte er die Gemeinde neu. Besonders kümmerte er sich um Kinder und Jugendliche. Schwierigkeiten hatte der Pfarrer allerdings mit Verwaltungsarbeit und Bürokratie. Selten hielt er bei Veranstaltungen und Aushängen gesetzliche Genehmigungsfristen ein und provozierte schon dadurch die staatlichen Stellen.

Der Konflikt mit Staat und Kirchenleitung, in den sich der Pfarrer begeben hatte, eskalierte Anfang August 1975. Mit einem Pferdefuhrwerk, auf dem eine Blechplatte mit der Aufschrift "Ohne Regen ohne Gott geht die ganze Welt bankrott" aufgestellt war - auch dieser Spruch eine Erwiderung auf die sozialistische Losung "Ohne Gott und Sonnenschein bringen wir die Ernte ein" – fuhr Brüsewitz nach Zeitz.

Brüsewitz soll aus politischen Gründen Pfarrstelle wechseln

Probst Bäumer, der Vertreter des Magdeburger Bischofs, sprach sich bereits im Herbst 1975 gegen weitere symbolische Aktionen des Pfarrers aus. Nach einer weiteren Plakataktion drängten schließlich Vertreter des Rates des Kreises Zeitz die evangelische Kirche zu einer Versetzung Brüsewitz’. Im Juli 1976 besuchte ihn Probst Friedrich-Wilhelm Bäumer und legte Brüsewitz und seiner Frau nahe, die Pfarrstelle zu wechseln. Das sei nicht nur aus politischen Gründen sinnvoll, sondern auch um einen Neuanfang im kirchlichen Umfeld zu machen.

Das Ehepaar stimmte zunächst zu. Doch muss Brüsewitz die Versetzung innerlich als eine Niederlage, die von der Kirchenleitung mit verursacht worden war, empfunden haben. In dieser Zeit begann er, die Selbstverbrennung vorzubereiten. Im Abschiedsbrief an seine Amtsbrüder im Kirchenkreis Zeitz charakterisierte er die Situation der Kirche als "scheinbar tiefen Frieden", trotzdem tobe "zwischen Licht und Finsternis ein mächtiger Krieg", Wahrheit und Lüge stünden nebeneinander. Seine Selbstverbrennung bezeichnete Brüsewitz im Abschiedsbrief an seine Familie als Zeichen "für meinen König und Feldmarschall in dieser so scheinbar friedlichen Welt".

Der 18. August 1976: Brüsewitz verbrennt sich

Am Morgen des 18. August 1976 schmückte Pfarrer Oskar Brüsewitz den Frühstückstisch für seine Familie mit langstieligen Rosen aus dem Garten. Dann bittet er seine Tochter Esther, ihm sein Lieblingslied auf dem Klavier vorspielen: "So nimm denn meine Hände". Danach fährt er von seinem Wohnort Rippicha nach Zeitz.

Er hält im Stadtzentrum gegenüber der Michaeliskirche an und stellt auf das Dach seines Wartburgs zwei Plakate mit der Aufschrift:

Funkspruch an alle: Die Kirche in der DDR klagt den Kommunismus an! Wegen Unterdrückung in Schulen an Kindern und Jugendlichen.

Sofort bleiben Passanten stehen, einige Verkäufer kommen aus den Geschäften. Auch ein Volkspolizist ist schnell zur Stelle. Brüsewitz übergießt sich mit einer Blechkanne voll Benzin und zündet sich an. Eine zwei bis drei Meter hohe Stichflamme schießt empor, der brennende Mann im schwarzen Talar läuft laut schreiend über den Marktplatz auf die Kirche zu.

Den Umstehenden gelingt es schließlich, ihn zu stoppen und die Flammen zu ersticken, die Volkspolizisten und ein CDU-Kreissekretär entfernen die Plakate. Nach ein paar Minuten kommt ein Krankenwagen. Brüsewitz wird zunächst ins Krankenhaus von Zeitz und von dort aus zum Bezirkskrankenhaus Halle-Dölau gebracht. Dort stirbt Oskar Brüsewitz vier Tage später, am 22. August 1976. Ein Pfarrer, der ein Flammenzeichen setzen wollte.

Staatliche Reaktion: Brüsewitz soll als Psychopath bewertet werden

Seine Selbstverbrennung war ein so elementares politisches Symbol, dass sie nicht missverstanden werden konnte. Weil man unvorhergesehene Reaktionen der Kirche, Solidarisierung der Bevölkerung und die Berichterstattung in den westdeutschen Medien fürchtete, reagierten SED-Führung und die staatlichen Stellen unmittelbar und auf allen Ebenen. Die Selbstverbrennung sollte entpolitisiert und als Einzeltat eines unzurechnungsfähigen Psychopathen bewertet werden.

Die Kirche schließt sich der staatlichen Deutung an

Die Kirchenvertreter erklärten sich bereit, Solidarität mit dem Staat zu üben, um das Konzept der Kirchenpolitik zu erhalten. Auch lag es nicht in ihrem Interesse, dass die Selbstverbrennung von westdeutschen Medien thematisiert würde. Schließlich wollte die Kirche auf keinen Fall in den Verdacht kommen, Handlanger der westlichen Gegner der DDR zu sein - das hätte eine Liberalisierung des Systems "von innen" heraus unmöglich gemacht.

Die Darstellung Brüsewitz’ als Psychopathen lehnten die Kirchenvertreter allerdings ab. Sie erklärten aber, hier handele es sich um ein persönliches Problem des Pfarrers und es gäbe deshalb kein Interesse an einer Verschlechterung des Staat-Kirche-Verhältnisses. Auch auf staatlicher Seite war das Interesse an der Zusammenarbeit mit der Kirche sehr groß.

Beerdigung sollte nicht "politisch" werden - trotzdem kamen hunderte Pfarrer

Bei der Organisation der Beerdigung am 26. August arbeiteten staatliche und kirchliche Vertreter zusammen. Alles wurde getan, um eine "politische" Beerdigung zu verhindern. Die Kirche verzichtete von sich aus darauf, auf das politische Anliegen des toten Pfarrers hinzuweisen. Trotzdem wurde die Beerdigung zu einer Art Demonstration, zu der Hunderte von Pfarrern aus der gesamten DDR kamen. Bei der Anfahrt wurden alle Teilnehmer mehrmals kontrolliert, eine Gruppe von Jugendlichen wurde ganz an der Anreise gehindert. Die große Anteilnahme bei der Beisetzung zeigte, dass viele Menschen den politischen Inhalt der Tat erkannten und sich zum Teil mit Brüsewitz identifizierten.

Die Ereignisse um die Selbstverbrennung Oskar Brüsewitz’ beeinflussten nicht nur die Atmosphäre innerhalb der evangelischen Kirche und das Verhältnis zwischen Kirche und Staat. Sie wurden auch von Nichtchristen als Symptom der Zustände und als Krise der Gesellschaft der DDR begriffen. Das Geschehen stärkte das politische Selbstbewusstsein zahlreicher Theologen und ermutigte viele nach politischen Alternativen zu suchen.

Zuletzt aktualisiert: 21. August 2007, 12:16 Uhr

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