17. Juni 1953 - Hintergrund Was vom Aufstand übrig blieb

Das Volk wagte den Griff nach der Freiheit. Für einen Moment sah es danach aus, als ob das erste sozialistische Land auf deutschem Boden sein Ende gefunden hätte. Der Eingriff der sowjetischen Besatzungungsmacht rettete das SED-Regime und schlug den Aufstand blutig nieder. Verhaftungen, Gerichtsverfahren und Todesurteile waren die Folge.

Russische Panzer demonstrierten seit den Mittagsstunden des 17. Juni, wer die Macht im Arbeiter- und Bauernstaat hatte. Noch während man versuchte der Lage Herr zu werden, verschanzte sich die SED-Führung und erfand ihre Version der Geschehnisse. Die Sowjetische Besatzungsmacht verhängte in 167 von insgesamt 217 Landkreisen und Städten den Ausnahmezustand, der in einigen Teilen des Landes weit über den 17. Juni hinaus nicht aufgehoben wurde.

Zuckerbrot und Peitsche

Die Staats- und Parteiführung löste schon in der Nacht zum 18. Juni eine große Verhaftungswelle aus, die neben den Festnahmen und Standgerichten der Besatzungstruppen, zu unzähligen Inhaftierungen und Gerichtsverhandlungen führte. In die Betriebe schickte man Funktionäre, die sich der Diskussion mit den verprellten Arbeitern stellen sollten. Obwohl der Aufstand gerade erst niedergeschlagen worden war, ließen viele Arbeiter nur schwer mit sich reden. Eine Veranstaltung in den Schkopauer Buna-Werken musste deswegen sogar abgebrochen werden.

Walter Ulbricht auf Tribühne
Bildrechte: Umfrage zum Thema Kosmonaut | 19.10.1963 /(DRA) MDR

Die DDR versuchte den Aufstand als faschistische Konterrevolution darzustellen, so auch Walter Ulbricht vor der Belegschaft des Leuna-Werks.

MDR FERNSEHEN Mi 16.06.1993 22:00Uhr 00:57 min

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Protestwelle schwappt aufs Land

Die Zeit des Protestes war nach dem 17. Juni noch nicht zu Ende. In 70 Orten kam es erneut zu Streiks, vor allem in Mitteldeutschland. Im VEB Carl Zeiss Jena wurden Forderungen gesammelt und Unterschriftenlisten herumgereicht, die 1.300 Arbeiter unterzeichneten. Am 11. Juli unterstützten dort sogar 2.000 Arbeiter einen Sitzstreik, mit dem man die Freilassung eines Streikführers forderte. Die Normenerhöhungen waren bereits zurückgenommen, aber der Neue Kurs wurde erst jetzt in die Tat umgesetzt. Im Jahr 1953 traten über 4.000 Mitglieder aus der Partei aus, rund 26.000 waren nach dem 17. Juni bereits ausgeschlossen worden. Interne Säuberungen bis in die höchsten Gremien, ein Ausbau und vor allem die bessere Vernetzung der Sicherheitskräfte wurde im Stillen vorangetrieben.

Trauma und Erinnerung

Der Aufstand geriet für die Arbeiter wie für die DDR-Führung zu einem Trauma. Allein das Datum sollte bei den Sicherheitskräften bis zum Ende der DDR für große Aufmerksamkeit und hektisches Treiben sorgen. In der Bundesrepublik erklärte man den 17. Juni zum Feiertag. Das Gesetz über den "Tag der deutschen Einheit" wurde am 03. Juli 1953 einstimmig vom Deutschen Bundestag beschlossen. So war der 17. Juni bis zur Wiedervereinigung der nationale Gedenktag der Bundesrepublik Deutschland.

Der 17. Juni in Zahlen Am Volkaufstand waren über eine Million Menschen in über 700 Orten beteiligt. In 167 von 217 Landkreisen und Städten wurde der Ausnahmezustand verhängt.

Es kam zu Streiks in über 1.000 Betrieben und Genossenschaften. 250 Öffentliche Gebäude wurden besetzt. Unter anderem die MfS-Kreisdienststellen in Niesky, Görlitz, Bitterfeld, Jena und Merseburg sowie die SED-Bezirksleitungen in Magdeburg und Halle.

Demonstriert wurde vor 22 Gefängnissen, aus denen ca. 1.400 Häftlinge befreit wurden. 1.200 wurden allerdings nach dem 17. Juni wieder inhaftiert, dem Rest gelang die Flucht in den Westen. BStU

Literaturtipp Ehrhart Neubert: Geschichte der Opposition in der DDR, Christoph Links Verlag, 958 S., Berlin 1997.
ISBN: 3-86153-163-1.

Zuletzt aktualisiert: 16. Juni 2017, 16:47 Uhr

Darüber berichtete der MDR im Fernsehen:

Lexi-TV | 17.06.2013 | 15:00 Uhr

Lexi-TV | 17.06.2013 | 15:00 Uhr

Die Hintergründe des Volksaufstandes und das unbekannte Kapitel der Bauernaufstände auf dem Land, die ebenso brutal niedergeschlagen wurden.