16. Juni 1961 Von der Stasi entführt. Das Beispiel Heinz Brandt

Es ist eine Szene, die in einen schlechten Agentenfilm, aber nicht in das wirkliche Leben passt: Am 16. Juni 1961 wird der Gewerkschaftsjournalist Heinz Brandt von der Stasi betäubt, in ein Auto gezerrt und wacht im Untersuchungsgefängnis der Stasi in Berlin-Schönhausen wieder auf. Der ehemalige Auschwitzhäftling und bekennender Kommunist soll 13 Jahre Haft in der DDR verbüßen. Er ist kein Einzelfall: Etwa 400 Menschen wurden in den 1950-er und 1960-er Jahren von der Stasi aus der Bundesrepublik in die DDR verschleppt.

Die Entführung auf der Straße

Die Geschichte von der Entführung des Heinz Brandt beginnt harmlos: Der Redakteur der Mitgliederzeitung der IG Metall fliegt im Juni 1961 von Frankfurt nach West-Berlin. Dort will er an einem Kongress teilnehmen, darüber berichten und Freunde treffen. Dazwischen liegt eine Verabredung mit einer Bekannten, die ihm ihre neue Wohnung zeigen will. Heinz Brandt geht dorthin - warum, darüber geben die Akten keine eindeutige Auskunft- und bekommt Whiskeys kredenzt, in denen sich Betäubungsmittel befinden. Beim Verlassen des Hauses bricht er zusammen und wird von Männern in ein Auto gezerrt.

Als plötzlich starke Herzbeschwerden einsetzten, ich in den Knien einknickte und ohnmächtig zu Boden sank.  Meine letzte Wahrnehmung noch im Hinsinken war das Auftauchen von vier anscheinend zu Hilfe eilenden großen Gestalten, die mir mit den Worten: 'Wir haben schon auf Dich gewartet' unter die Arme griffen.

Heinz Brandt in einem Interview 1964

Das Aufwachen in der U-Haft

Ein Wachturm der ehemaligen Untersuchungshaftanstalt des Ministeriums für Staatssicherheit an der Genslerstraße in Berlin-Hohenschönhausen
Ein Wachturm der ehemaligen Untersuchungshaftanstalt in Berlin-Hohenschönhausen Bildrechte: IMAGO

Die Stasi-Helfer bringen ihn nach Ostberlin. In der Untersuchungshaftanstalt der Stasi in Hohenschönhausen kommt er wieder zu sich. Der Staatssicherheitsdienst hatte ihn auf direkte Anweistung von Minister Erich Mielke entführt. Von seinen Vernehmern wird bedrängt, er solle der offiziell verbreiteten Lüge zustimmen, er wäre freiwillig in Ostberlin. Doch Heinz Brandt weigert sich und wird bestraft, er wird geschlagen, verliert sogar Zähne. Die Familie erfährt erst Monate später vom Verbleib des Vaters - aus der Presse. Das Neue Deutschland berichtet darüber, die IG-Metall bekommt ebenfalls davon mit. In der westdeutschen Presse bestehen kaum Zweifel an einer Entführung, in der DDR wird die gewaltsame Verschleppung als Festnahme eines Spions dargestellt. Es kommt zu einem regelrechten Schlagabtausch zwischen Ost- Und Westpresse; er entflammt erneut, als Brandt ein Jahr später vor dem Obersten Gericht der DDR zu einer Zuchthausstrafe von 13 Jahren verurteilt wird.

Die Vorgeschichte von Heinz Brandt

Es ist eine bittere Pointe der Zeitgeschichte, dass Heinz Brandt in der DDR im Gefängnis gesessen hat. Brandt ist kein 'klassischer' Gegner der DDR, eher ein kritischer Gest: Der jüdische Kommunist wird 1934 inhaftiert, sitzt die Strafe unter anderem im KZ Sachsenhausen, im Außenlager von Auschwitz und in Buchenwald ab. Nach dem Zweiten Weltkrieg steigt Heinz Brandt als SED-Funktionär auf. Doch er ist unkonventionell und setzt die Rücknahme der Normerhöhungen durch, gegen die am 17. Juni 1953 Hunderttausende protestierten. Nach der Niederschlagung des Volksaufstandes fällt Heinz Brandt in Ungnade. 1956 fordert er die Absetzung Ulbrichts. Zwei Jahre später flieht er in den Westen, weil er, wie er in einem  Brief schreibt, nicht "sang – und klanglos im Kerker verschwinden möchte". Doch die Stasi hat den Abtrünnigen nicht vergessen, wie sein Sohn Stefan Brandt in der Rückschau berichtet.

Dann war es allerdings sehr überraschend und schockierend, dass von 1958 an, wo wir nach Westberlin geflohen sind, Fotos, Materialien, über die Familie, über uns Kinder, über unsere Familie, über unsere Wohnstraße existierten. Wo offenkundig schon 1958 begonnen wurde, zu planen, ihn zurückzuholen. Und das in einer Akribie, die von 1958-1961 schon beeindruckend war. Wo sämtliche Schritte, die wir als Familie machten, überwacht worden.

Stefan Brandt, Sohn von Heinz Brandt

Heinz Brandt war kein Einzelfall: In den 1950-er bis 1960-er Jahren entführt die Stasi ungefähr 400 Menschen in die DDR. Darunter sind politische Gegner, vermeintliche und echte Spione, ehemalige Genossen. Besonders in Westberlin wurde dieser Menschenraub in ganz großem Stil betrieben, wie Historikerin Susanne Muhle in ihrem Buch "Auftrag Menschenraub" beschreibt. Die Staatssicherheit hat die Entführungen akribisch geplant und von IMs mit körperlicher Gewalt bewusstlos gemacht und über die Grenze gebracht.

Die Inhaftierung in Bautzen

Ein Jahr nach der Entführung wird Heinz Brandt zu 13 Jahren Zuchthaus verurteilt, wegen "Spionage in Tateinheit mit staatsgefährdender Propaganda und Hetze im schweren Fall". Er kommt nach Bautzen II, ins berüchtigte "gelbe Elend", die meistgefürchtete Haftanstalt der DDR. Die Haftbedingungen dort sind katastrophal, Misshandlungen an der Tagesordnung und selbst Schwerkranke sind vor Übergriffen des Personals nicht sicher. Heinz Brandt darf nur einmal im Monat einen kurzen Brief an seine Familie schreiben. Darin platziert er auch versteckte Botschaften über seine Entführung.

Die vorzeitige Freilassung

Womit die DDR nicht gerechnet hatte:  Die Gewerkschaft IG Metall und Brandts Ehefrau organisieren im Westen eine riesige Solidaritätsaktion. Prominente wie zum Beispiel der Historiker Wolfgang Leonhard protestieren gegen die Haft des ehemaligen Auschwitzhäftlings. Im Mai 1964 wird Heinz Brandt frei gelassen und trifft am Flughafen Frankfurt ein. Danach bleibt er auch im Westen ein unbequemer Zeitgenosse. Eckt bei der Gewerkschaft an, gründet zusammen mit Rudi Dutschke die Grüne Partei und engagiert sich für die polnische Gewerkschaft Solidarnosc. Er blieb Zeit seines Lebens streitbar – für die Freiheit.

Buchtipp Muhle, Susanne: "Auftrag: Menschenraub
Entführungen von Westberlinern und Bundesbürgern durch das Ministerium für Staatssicherheit der DDR",
678 Seiten,
Göttingen: Verlag Vandenhoeck & Ruprecht 2015,
ISBN: 978-3-525-35116-1
Preis: 49,99 Euro.

Zuletzt aktualisiert: 15. September 2015, 11:44 Uhr