Bernd Roth - Vom IM zum Stasi-Major

Eine steile Karriere im DDR-System hat der heute 61-Jährige aus Thüringen hingelegt. Über die Familie ergaben sich erste Kontakte zur Staatssicherheit, als Schüler war er bereits IM und endlich Offizier in den Diensten des MfS. Die Geschichte des Bernd Roth könnte sich tausendfach in der DDR abgespielt haben, doch nur wenige erzählen sie in der Öffentlichkeit und noch dazu selbstkritisch. "GMD - Das Magazin" traf Bernd Roth zum Gespräch.

Bernd Roth war Major im Dienst des Ministeriums für Staatssicherheit, dem Schild und Schwert der Partei. Er gehört zu denjenigen, die auf der anderen Seite des Tisches saßen, um zu protokollieren und "staatsfeindliche, kriminelle und subversive Elemente" dingfest zu machen. Er gehörte zu denjenigen, die bei "der Firma" waren und die auch später, als sich das Blatt gewendet hatte, unter sich blieben. Viel weiß man in aller Regel von Menschen wie Bernd Roth bis heute nicht. Doch der ehemalige Major der Staatssicherheit gewährt Einblicke in seinen "Berichten eines "Stasitäters".

Interesse und Aufmerksamkeit

Im Schatten der legendären Maxhütte wuchs Bernd Roth im ostthüringischen Unterwellenborn auf. Der Großvater war überzeugter Kommunist und seine Eltern treue Parteigänger. Die Mutter bei der Staatsicherheit. Als Schüler, mit gerade einmal 16 Jahren kam es zum ersten Kontakt, vermittelt durch die Mutter. Obwohl er als Jugendlicher für die Firma offiziell noch gar nicht greifbar war, führte man Bernd mit Aufmerksamkeit und Interesse für den Jungen an seine Aufgaben heran.

Du hast dich wichtig gefühlt, ernst genommen, es war auch abenteuerlich, da kam irgendwann die Rede: 'Muss auch nicht jeder wissen, dass wir uns hier unterhalten.' (…) So hat sich das ganz systematisch aufgebaut.

Bernd Roth, 1968 von der Staatsicherheit angeworben

Die Gabe zuzuhören war es, wie er heute berichtet, die den Einstig so einfach für ihn gemacht hatte. Aufmerksamkeit und Interesse für seine Belange als Jugendlicher, kleinere Aufgaben folgten und mündeten schließlich in erste Erfolgserlebnisse, mit denen man den Bernd Roth für "die Sache" einnahm.

Der Preis der Freiheit

Immer mehr, so berichtet Bernd Roth heute, rückte der Führungsoffizier als Vaterfigur in den Mittelpunkt. Damit entzog er sich auch der Obhut seiner Eltern, konnte seinen eigenen Interessen nachgehen, ohne ständigen Fragen ausgesetzt zu sein. Erkaufte Freiheit.

Ich hab' keine Erklärungsnot mehr gehabt zu Hause. Mich hat keiner angemacht, wenn ich früh um 1 oder 2 Uhr nach Hause gekommen bin, da hieß es immer: der Junge macht das schon!

Bernd Roth

Die endgültige Feuertaufe war gleichzeitig sein erster Verrat. Der Verrat an seinem besten Freund, wie er heute erzählt. Doch dem Freund passierte trotz des Berichts von IM "Calixtus" nichts. Es war nur ein Test. Roth erwies sich als loyal und zuverlässig. Die Motive beschreibt er heute nüchtern, sein Einstieg in ein Doppelleben.

Wenn Sie in einer Situation sind, wo Ihnen Ansehen gut tut, auch was das eigene Selbstwertgefühl betrifft, was besseres kann es nicht geben. Und da ist es Ihnen letztlich auch irgendwo egal, was auf den Zettel gerät.

Bernd Roth

Seine Karriere als IM begann. Fünf Jahre berichtete er fleißig aus Künstler- und Jugendkreisen. Ob er damit jemandem schadete, wusste und fragte er nicht. Keiner der Führungsoffiziere ließ ihn die Karten schauen, so waren die Regeln. Genau so einer wollte Bernd Roth auch werden. Heißhungrig, wie er rückblickend sagt, wartete er auf den Tag seiner Einstellung beim MfS. Mit 21 Jahren war es so weit, aus dem Informanten und Zuträger wurde ein Unterleutnant und Sachbearbeiter, ein Rädchen im Getriebe der Unterdrückungsmaschinerie MfS.

Was ist der Erfolg eines Stasimitarbeiters? Das ist der Abschluss. Das ist das Ermittlungsverfahren. Das ist, jemanden in den Knast zu bringen. Das ist der Erfolg eines Stasimitarbeiters.

Bernd Roth

Vom Informanten zum Stasi-Offizier

Roth lernte schnell, dass Erfolg aus Akten und Abschlüssen besteht, weniger aus Prävention. Sein neues Handwerk eignete er sich eifrig an. Und er zeigte Ausdauer und Biss:

Fünf Jahre heftete er sich an einen Technologen beim VEB Carl Zeiss und enttarnte ihn als CIA-Spion. Ein Erfolg mit Mitteln, die durch kein Gesetz der DDR gedeckt waren.

Der Blick auf den mutmaßlichen 'Feind' weckte immer besondere Emotionen. Es war der Blick eines Jägers auf seine Beute. Die Tatsache, dass der andere davon nichts fühlen konnte, versetzte mich in eine besondere Stimmung. Ich wusste, dass ich alles daran setzen würde, meine Kreise um ihn immer enger zu ziehen, bis er auf dem bewussten 'Stuhl' saß.

Bernd Roth, Auzug aus: "Berichte eines Stasitäters

Als der Stasi-Offizier jedoch merkte, dass Anspruch und Wirklichkeit selbst bei der Staatsicherheit auseinanderklafften, suchte er sich eine Nische in der Musik, ohne Auftrag. Fernab des verordneten Lebens im der geschlossenen Raum des MfS wurde er im Singeklub Maxhütte aktiv. Von den kontroversen politischen Diskussionen dort trug er nichs nach außen, sagt er. Als die eigenen Kollegen dem Singeklub sprichwörtlich den Stecker heraus ziehen, brach für Roth eine Welt zusammen.

Von diesem Zeitpunkt an, so Roth heute, habe er nur noch funktioniert und seine Arbeit gemacht. Aber er hat auch weiter ermittelt, Monatslohn von 2.500 Mark verdient und Prämien für seine Erfolge nebst Inhaftierungen. Was der Schreibtischtäter Bernd Roth gemacht hätte, wenn nicht die Wende dazwischen gekommen wäre, weiß er selber nicht. Zu mehr hat es nicht gereicht, sagt er.

Zur Person: Bernd Roth Bernd Roth wurde 1951 geboren und wuchs in Thüringen, im staubigen Schatten der "Maxhütte" in Unterwellenborn auf. Wie er sagt, in ärmlichen Verhältnissen. Sein Großvater war Kommunist, sein Vater Volkspolizist und die Mutter bei der Staatssicherheit.

Bereits als 16-Jähriger kam Roth mit dem Ministerium für Staatssicherheit in Kontakt. Er beging seinen ersten Verrat: an einem Schulfreund. Roth wurde Inoffizieller Mitarbeiter. Nach der Oberschule folgte das Studium. Anschließend wurde Roth hauptamtlicher Mitarbeiter der Staatssicherheit. Es war der Beginn einer stetigen Karriere: Oberleutnant, Hauptmann. Zum Schluss war er Major. 16 Jahre diente er im damaligen Bezirk Gera in verschiedenen Funktionen dem "Schild und Schwert der Partei". Nach eigenen Angaben war er an der Inhaftierung von 13 Menschen beteiligt.

Nach dem Ende der Staatssicherheit schlug sich Roth in verschiedenen Berufen durch. 2001 baute er in Saalfeld einen Hochseilgarten auf. Heute sagt er: "Ich bin froh, dass 1990 alles ein jähes Ende fand. Ich bin in der für mich immer noch fremden Welt aber gut angekommen."

Literaturhinweis: Bernd Roth: Berichte eines STASI-Täters oder Das Leben ist nur ein Gefühl
Kindle Edition
ASIN: B005GRE4JK

Zuletzt aktualisiert: 15. September 2015, 11:44 Uhr