Prominente über 25 Jahre Mauerfall Norbert Leisegang und der Soundtrack zur Wende

"Irre ins Irrenhaus, die Schlauen ins Parlament. Selber schuld daran, wer die Zeichen der Zeit nicht erkennt", sang 1990 die ostdeutsche Band Keimzeit. Ihr Sänger Norbert Leisegang brachte mit dieser Liedzeile den Zeitgeist auf den Punkt. Für ferne Länder und Musik hatte er sich schon immer interessiert – den Song zur Wende schrieb der heute 54-Jährige Leisegang allerdings, ohne es zu wissen.

Vom Lied zum Soundtrack der Wende

Keimzeit – zu DDR-Zeiten gilt die Band als unangepasst. Als in der Umbruchzeit der Wende ihr Lied "Irrenhaus" erscheint, spricht es vielen aus der Seele. Der Soundtrack zur Wende ist geboren – dabei ist "Keimzeit" für Norbert Leisegang eine reine Unterhaltungsband. Schon früh träumt der gebürtige Brandenburger davon, auf der Bühne zu stehen und das Publikum zu begeistern. Für Politik interessiert er sich nicht.

Ich hab den Song 1986 geschrieben und eigentlich bei allen meinen Songs nur nach Worten gesucht, die irgendwie phonetisch funktionierten. Und dass die dann irgendwann so einen Sinn ergaben, das ist mir dann auch aufgefallen – später erst. Ich meine, das waren Umbruchszeiten, und insofern hat man schon in meine Texte einiges an Bedeutung reingelegt, was ich mir nie erträumt habe.

Norbert Leisegang, Jahrgang 1960

Aufgewachsen ist Norbert Leisegang gut behütet in Lütte, einem Dorf bei Potsdam. Das Elternhaus liberal geprägt, kirchlich orientiert. Mit seinen Geschwistern Hartmut, Norbert, Marion und Roland macht er bei Familienfeiern und in Kneipen Musik. 1980 gründen sie ihre erste Band namens "Jogger". Die Vier kommen super an, füllen alle Tanzsäle in Brandenburg. Ein Jahr später stuft sie das Komitee für Unterhaltungskunst ein, das in der DDR Genehmigungen für Schallplattenaufnahmen und öffentliche Auftritte erteilte.

Von Reiseträumen und Auftritten

Neben der Musik interessiert sich Norbert Leisegang auch für das Reisen – zunächst zieht es ihn nach Prag. Doch er trampt auch mit Hängematte und Gitarre wochenlang durch den Balkan bis ans schwarze Meer. Die Grenze ist die Mauer. Er überschreitet sie trotzdem in seinen Liedern, singt von Ländern, die für ihn unerreichbar sind. Ab 1982 tritt seine Band unter dem Namen "Keimzeit" auf,  in wechselnden Besetzungen. Norbert Leisegang beginnt als Frontmann deutsche Texte und die Melodien dazu zu schreiben. Keimzeit gilt als Geheimtipp. Innerhalb kurzer Zeit hat die Gruppe eine treue Fangemeinde, auch über die Grenzen Brandenburgs hinaus. Mit dem Skoda ihrer Eltern, das Equipment im Gemüseanhänger, tourt die Band durch die DDR. Hundert Konzerte im Jahr sind keine Seltenzeit Manche Live-Auftritte entwickeln sich sogar zu mehrstündigen Happenings.

Ich hatte meine Band, ich hatte meinen Kreis von Gleichgesinnten, ich konnte bis auf einige Einschränkungen eigentlich alles machen, wonach mir der Sinn stand. Und was wollte ich damals? Ich wollte Songs schreiben, ich wollte in einer Band singen, und durchs Land touren und Konzerte geben. Das hab ich gemacht.

Norbert Leisegang führt in der DDR ein Hippie-Leben

Das freie Leben, die Unbekümmertheit von Leisegang, aber auch seine feinsinnigen Texte sind manchem Funktionär ein Dorn im Auge. Nach anderthalb Jahren Wehrdienst wird er mehrmals zur Reserve eingezogen. Die Band bekommt kurzzeitig Spiel- und Auftrittsverbot. Norbert Leisegang denkt über einen Ausreiseantrag nach. Doch dann kommt 1988 das überraschende Angebot des DDR-Rundfunks, Studioaufnahmen im legendären Funkhaus in der Berliner Nalepastraße zu machen. Doch die Band soll Texte streichen. Da stellt sich Keimzeit quer.

Da haben wir gesagt: Entweder mit allen Texten oder wir marschieren hier wieder aus dem Studio raus. Und das hat man denn damals auch von Seiten des Rundfunks einfach akzeptiert. Ich glaube, mit dem Hintergrundwissen, dass man 1988/1989 schon wusste, hier passiert in Kürze eine ganze Menge mehr, also wir wollen uns mit diesen Bands oder mit Keimzeit nicht mehr weiter über Texte unterhalten.

Norbert Leisegang, Sänger von Keimzeit

Von Musikaufnahmen und Videodrehs

In sechs Wochen spielt Keimzeit das Album "Irrenhaus" ein, Anfang 1989 drehen sie sogar Videos für das DDR-Jugendfernsehen. Leisegang lebt in einer Welt, die nur aus Musik besteht. Als die Mauer fällt, lässt er nicht einfach alles stehen und liegen und bricht auf – nein, er bleibt im Osten und dreht seelenruhig das nächste Video. Als er aus dem Arbeitstunnel raus ist, fährt er in den Westen, ersteht Schallplatten für sein Begrüßungsgeld – und kauft sich dann doch ein Zugticket nach Amsterdam. Seine poetischen, aber durchaus kritischen Zeilen, treffen auch nach 1990 auf offene Ohren. Spätestens 1993 ist die Band im deutschsprachigen Musikmarkt mit dem Album "Bunte Scherben" und dem Titel "Kling Klang" etabliert.

Von Ost- und West-Bands

Als die Verkaufszahlen zurückgehen, gründet Keimzeit ein eigenes Label. Es folgt Musik abseits des Mainstreams, 2012 das 10. Studioalbum, eine Tournee zum 30-jährigen Bühnenjubiläum und 2013 dann das erste Akustik-Album "Midtsommer“. Die meisten Fans haben sie nach wie vor in Ostdeutschland. Doch für Norbert Leisegang sind Ost und West längst kein Thema mehr. Er lebt im Berliner Stadtteil Wedding und schreibt in seiner kleinen Wohnung an neuen Songs. Vielleicht gelingt ihm wie 1986 ein neuer Hit – ganz nebenbei.

Die Band Keimzeit  bei einem Auftritt.
Norbert Leisegang bei einem Auftritt mit seiner Band "Keimzeit". Bildrechte: dpa

Serie "Tapetenwechsel" "Geschichte Mitteldeutschlands - Das Magazin" sendet anlässlich des Jubiläums "25 Jahre Mauerfall" die Beitragsreihe "Tapetenwechsel". Darin erzählen 25 Prominenten, deren Wurzeln im Osten Deutschlands liegen, was sich seit 1989 in ihrem Leben verändert hat. Neben Winfried Glatzeder, René Kindermann und Achim Mentzel sind die nächsten Prominenten unter anderem Jens Weißflog, Marianne Birthler, Sebastian Krumbiegel, Robin Szolkowy, Ute Freudenberg und Norbert Leisegang.

Zuletzt aktualisiert: 15. September 2015, 14:57 Uhr