Fahnenschmuck an einem Wohnhaus in der Karl-Marx-Allee in Ost-Berlin anläßlich des Kampfappells zum 25. Jahrestag des Mauerbaus am 13. August 1986
Fahnenschmuck an einem Wohnhaus in Ost-Berlin in den 80er-Jahren. Bildrechte: dpa

Zwischen Glück und Leid: DDR-Serie "Einzug ins Paradies"

Vor 30 Jahren lief die erste Folge des Sechsteilers "Einzug ins Paradies" im DDR-Fernsehen. Die "Lindenstraße Ost" war allerdings schon drei Jahre zuvor fertig. Die Ausstrahlung wurde zunächst gestoppt, weil zu viele Probleme und Tabus in der DDR thematisiert wurden – darunter das Dauerbrenner-Thema Wohnungsbau. 50 Änderungen mussten vorgenommen werden, bis die Abteilung Agitation des MfS die Serie schließlich freigab.

von Sylva Maria Kleemann

Fahnenschmuck an einem Wohnhaus in der Karl-Marx-Allee in Ost-Berlin anläßlich des Kampfappells zum 25. Jahrestag des Mauerbaus am 13. August 1986
Fahnenschmuck an einem Wohnhaus in Ost-Berlin in den 80er-Jahren. Bildrechte: dpa

Das Paradies ist in diesen Fall die "Platte". Fünf Familien ziehen in einen nagelneuen Plattenbau in Berlin-Marzahn ein. So neu, dass nicht einmal die Balkone der Mieter voneinander getrennt sind und sich die neuen Nachbarn schnell näher kommen. Das DDR-Fernsehen hatte dafür ein großartiges Schauspielerensemble aufgeboten.

Die Schauspieler

DDR-Schauspieler Kurt Böwe (vorn) in einer Rolle am Landestheater in Halle/Saale in Aktion.
DDR-Schauspieler Kurt Böwe (vorn) in einer Rolle am Landestheater in Halle/Saale. Bildrechte: dpa

Die Hauptfigur Jonas Weithold spielte kein Geringerer als Kurt Böwe, daneben waren unter anderem Jutta Wachowiak, Eberhard Esche, Ursula Karruseit, Ursula Werner und Werner Tietze zu sehen. Möglichst realitätsnah und ehrlich sollte dem Thema Wohnungsbau und -not, aber auch dem zwischenmenschlichen Zusammenleben in einer Neubausiedlung nachgegangen werden. Dass sich bei diesem Ansatz die Zustände am Ende als nicht so paradiesisch entpuppen wie gedacht, hätte eigentlich nicht verwundern dürfen.

Serie bricht Tabus

Und so kam es, wie es kommen musste: Der Abteilung Agitation des MfS war die Serie zu kritisch. Und das bedeutete: keine Ausstrahlungsgenehmigung für "Einzug ins Paradies". Falsche Aussagen zu Partei und zum Leben in der DDR, negative Klischees über den Staatsapparat und seine Vertreter sowie Angriffe auf das Bildungswesen - lauteten die Vorwürfe. Es ging einfach nicht, dass der Protagonist, statt das staatliche Wohnungsbauprogramm zu bejubeln, einen Betrugsversuch aufdeckte und sich – was noch schlimmer war – am Ende sogar vom Kommunismus abwendete. So lag die unter erheblichen Zeitdruck produzierte Serie erst einmal auf Eis. Ursprünglich sollte sie zum 35. Geburtstag der DDR 1984 gezeigt werden. In den nächsten drei Jahren wurden an den Filmen insgesamt 50 Änderungen vorgenommen. Daneben sorgten wiederholte Bemühungen und Proteste der künstlerischen Verbände dafür, dass sie 1987 schließlich doch ausgestrahlt wurde.

Publikums-Flop

Ob sich der Aufwand gelohnt hat, ist fraglich. Die Serie erhielt zwar einen Kritikerpreis, beim Publikum aber fiel sie durch. Ein Grund für den Flop ist für Fernsehforscher Sebastian Pfau, dass die künstlerisch recht anspruchsvolle Produktion zu einer Sendezeit lief, zu der das Publikum leichte Kost in Form von heiteren Familienserien erwartete. Durchschnittlich wollten nur 12,7 % der Fernsehzuschauer die Weitholds und ihre Nachbarn sehen. Und auch in der Zuschauerwertung bekam die ambitionierte Serie überwiegend schlechte Noten.

Serie im West-Fernsehen

Am Ende gab es für "Einzug ins Paradies" doch noch eine kleine Erfolgsstory: Im Sommer 1989 - also noch vor dem Mauerfall - zeigte das westdeutsche Fernsehen das Glück und Leid der ostdeutschen Plattenbaubewohner zur besten Sendezeit. Doch zu einer Zeit, als immer mehr DDR-Bürger ihrem Land den Rücken kehrten und über Ungarn oder Prag in den Westen flüchteten, wirkte die Ostvariante der "Lindenstraße" bereits merkwürdig.

Über dieses Thema berichtete LexiTV im MDR: Fernsehen | 16.03.2017 | 15.00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 21. August 2017, 15:01 Uhr