1948 -1989 Wie wir wirklich lebten - die Fotosammlung Beier

Das treibt uns ratlosen Fotopixel-Millionären mit hunderten von Fotos aus jedem denkbaren Moment das Wasser in die Augen: In mehr als 50 Jahren hat Manfred Beier 60.000 Fotos gemacht - aber seine Bilder sind akribisch bearbeitet: Aufnahmeort, Datum, Uhrzeit, Belichtungszeit, benutzte Technik ...

Mehr als fünfzig Jahre lang hat Manfred Beier den Alltag in der DDR fotografisch festgehalten. Entstanden sind zwischen 1948 und 2002 so etwa 60.000 Schwarz-Weiß- und Farbfotografien. Der Hobbyfotograf Beier hat seine Aufnahmen penibel archiviert: in 38 Notizbüchern hat er die Daten zu jedem einzelnen Bild akribisch festgehalten - jedes Bild hat eine Archivnummer, Ort, Datum und Uhrzeit der Aufnahme, sowie eine Bildbeschreibung und Angaben zur verwendeten Technik, bis hin zur Belichtungszeit. Diese gigantische Sammlung wurde allerdings erst nach dem Tod des Fotografen entdeckt. Bis heute kann seine Familie nur vermuten, was den einstigen Lehrer zu dieser einsamen Leidenschaft verleitete.

Berlin im Wandel - Beier hält die Kamera drauf

1927 wird Manfred Beier in Berlin-Friedrichshain geboren. Sein Leben lang bleibt er der Stadt treu und entsprechend spielt der Wandel der Metropole über ein halbes Jahrhundert eine zentrale Rolle in Beiers Bildern. Dabei war ursprünglich wohl Manfreds älterer Bruder Günter der leidenschaftliche Fotograf in der Familie. Die ersten Aufnahmen aus der Sammlung Beier stammen überwiegend von ihm. Doch nach Günters frühem Unfalltod übernimmt Manfred die Kamera des Bruders, seine Passion und das Archivierungssystem.

Zu dieser Zeit arbeitet Manfred Beier als Lehrer. Ob Schulausflug, Klassenfahrt, Karnevalsfeier der Lehrer - Beier hat seine Kamera immer dabei. Auch im Westen ist er unterwegs, nicht zuletzt um sich mit den hochwertigeren Farbfilmen einzudecken - bis 1961 die Mauer den Weg versperrte. 1966 heiratet Manfred Beier, im selben Jahr wird der erste Sohn, zwei Jahre später der zweite geboren. Auch die Familienwelt findet umfangreichen Eingang in das private Archiv - auch wenn die Familie nicht weiß, was der Vater eigentlich macht.

Dass da irgendwas war, dass mein Vater da irgendwas gemacht hat, wussten wir. Aber was genau – wir durften ja nicht 'ran an den Keller, hatten auch keine Schlüssel.

Nils Beier

Streifzüge durch die Republik

Beiers Familie hatte lange Zeit keine Ahnung vom Umfang des Fotoarchivs. Aber von seiner permanenten Bereitschaft am Auslöser waren sie leidlich betroffen. Fast immer trug Beier eine Tasche mit mehreren Fotoapparaten und Objektiven bei sich. Die teure und schwer erhältliche Technik hütete er wie seinen Augapfel. Häufig ging er auch allein auf Streifzüge nach neuen Motiven im Alltag der DDR. So entstehen Aufnahmen, die eine andere Seite der Republik zeigen, jenseits der jubelnden Massen auf den offiziellen Pressefotos.

Ich bin zwar in der DDR aufgewachsen, aber ich hatte keine Vorstellung davon, wie die Generation meiner Eltern aufgewachsen ist. Das war für mich sehr faszinierend, in diesen Alltag einzutauchen. Das fand ich die Stärke, dass man in die Fotos eintauchen und spazieren gehen kann.

Nils Beier

Das geheime Archiv im Bastelkeller

Noch nach dem Mauerfall fotografiert Manfred Beier weiter, das letzte Bild entsteht 2002, wenige Monate vor seinem Tod. Erst beim Aufräumen entdecken die Söhne Beiers den gewaltigen Bilderschatz. In einem der Bastelkeller im Berliner Plattenbau hatte Beier alles eingerichtet, was er für seine Leidenschaft brauchte: Extra angefertigte Holzregale für die Negativrollen, das komplette Zubehör für die Dunkelkammer, 38 Notizbücher mit den akribischen Aufzeichnungen zu jedem der abgelichteten Momente.

Die Bilder Beiers sind allesamt mit seinen privaten Mitteln entstanden, zu seinen Lebzeiten wurden sie nie öffentlich gezeigt. Nach dem sensationellen Fund begannen die Söhne, die Sammlung aufzuarbeiten und erste Ausstellungen zu organisieren. 2009 übernahm das Bundesarchiv das gigantische Fototagebuch und digitalisierte die Bilder. Hier können Sie selbst im Album stöbern:

2011 veröffentlichte Nils Beier 300 der 60.000 Fotos in einem Bildband. Die außergewöhnlichen Momentaufnahmen begeistern Historiker genauso wie wie jeden, bei denen die Bildern eigenen Erinnerungen wachrufen.

Das ganz Banale des Alltäglichen, das löst komischerweise was Emotionales aus. Auch wenn gar keine Menschen drauf sind. Das Langzeitgedächtnis speichert ja 'ne ganze Menge und das wird durch die Filme wieder hervorgekramt. Ich hab auch solche Reaktionen auf das Buch bekommen, eine E-Mail zum Beispiel: 'Es duftet! Vielen Dank.'

Nils Beier

Buchtipp Nils Beier (Herausgeber):

"Alltag in der DDR. So haben wir gelebt: Fotografien 1949-1971 aus dem größten Privatarchiv der DDR"

Mit Fotografien von Manfred Beier

Köln: Fackelträger 2010,
299 Seiten,
ISBN: 978-3-7716-4467-3,
Preis: 29,95 Euro

Zuletzt aktualisiert: 29. Oktober 2010, 13:35 Uhr