Kindheit in der DDR Wenn Mutti früh zur Arbeit geht...

Die Kontrolle der Kindheit durch den Staat

Das Kollektiv steht im Mittelpunkt. Solidarität statt Individualität. Das war das Leitbild des Sozialismus und das machte sich auch schon in der Kindheit bemerkbar. Was es hieß, in der DDR aufzuwachsen.

In einer Kinderkrippe in Leipzig ist im Sommer 1990 ein junger Mann als Kindergärtner eingesetzt.
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Familie und Beruf - in der DDR sollte das gut vereinbar sein. Denn nicht nur die Arbeitskraft der Männer wurde nach dem Zweiten Weltkrieg gebraucht, sondern auch die der Frauen. So wurde ein Netz aus Betreuungseinrichtungen im Laufe der Jahre immer weiter ausgebaut. Während in den 1950er-Jahren nicht einmal jedes zehnte Kind einen Krippenplatz bekam, waren es in den 1980er-Jahren schon acht von zehn Kindern.

In die Krippe kamen Kinder oft schon im Alter von ein paar Wochen und besuchten sie bis zum dritten Lebensjahr. Danach kamen sie in den Kindergarten. Was die Kinder wann gelernt haben mussten, war vom Staat in festen Erziehungsplänen festgelegt, an die sich die Betreuerinnen zu halten hatten. Persönliche Bedürfnisse sollten die Kinder zum Wohle der Gemeinschaft hinten anstellen. Die Betreuung in staatlichen Einrichtungen war kostenlos, nur für das Essen mussten die Eltern einen geringen Beitrag von höchstens 1,40 Mark bezahlen.

Mein Schmuck ist mein Halstuch…

DDR-Pioniere und FDJ-ler mit Friedenstauben
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Mit sechs Jahren ging es für die Kinder in die praktisch orientierte Polytechnische Oberschule, wo sie neben Lesen, Schreiben und Rechnen auch lernten, wie Sozialismus gelebt werden soll. So konnte jedes Schulkind in die Jugendorganisation des Staates, die Jungpioniere, eintreten. Immer am 13. Dezember, dem Gründungstag der Pionierorganisation, wurden die Kinder aufgenommen. Die Jungpioniere erhielten ein blaues Halstuch, eine weiße Bluse, eine blaue Hose oder einen blauen Rock und ein blaues Käppi. Ihre Uniform mussten sie zum Beispiel bei Fahnenappellen tragen, wo die Schüler gemeinsam auf den Schulhof marschierten und Gedichte vortrugen oder für sportliche oder schulische Leistungen ausgezeichnet wurden.

In der vierten Klasse wurde das blaue gegen das rote Halstuch der "Thälmannpioniere" ausgetauscht und nach der Jugendweihe – sozusagen das Pendant zur Konfirmation oder Firmung – traten die Jugendlichen in der Regel in die Freie Deutsche Jugend, die FDJ, ein. Wer dazu gehörte, trug ein blaues Hemd. Wer nicht eintrat, hatte es meist schwer und bekam Druck von Lehrern und Mitschülern.

Ham‘se nich noch Altpapier?

Der Sozialismus wurde nicht nur in der Schule in Fächern wie Staatsbürgerkunde gelehrt und gelebt, sondern auch in der Freizeit. An Pioniernachmittagen wurde getöpfert, gebastelt oder gesungen. Die Liedtexte priesen oft mehr oder weniger subtil den Sozialismus und die DDR.

Oberstes Motto war bei den Pionieren außerdem die Solidarität. Sie sammelten beispielsweise Altpapier und Altglas, um das Geld später für Projekte in anderen sozialistischen Ländern zu spenden, veranstalteten Solidaritätsbasare oder halfen alten Menschen im Wohnviertel. Für Jugendliche gab es Clubs und ein eigenes Fernseh- und Radioprogramm. Die FDJ organisierte außerdem Wettbewerbe und Freizeitveranstaltungen.

Kritische Haltung zum Staat hatte oft Folgen

Jugendwerkhof Torgau (historische Aufnahme)
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So war im Prinzip von der Krippe bis zum Schulabschluss das Heranwachsen der DDR-Kinder durchgeplant. Wer sich dem System aber nicht anpassen wollte, wer aus einem staatskritischen, akademischen oder christlichen Elternhaus kam, musste mit Repressalien rechnen. Die Folge war, dass man nach der zehnten Klasse nicht zur Erweiterten Oberschule und damit nicht zum Abitur zugelassen wurde, also auch nicht studieren konnte. Wer sich gar nicht der sozialistischen Norm anpassen wollte, landete mitunter in einem der 30 Jugendwerkhöfe der DDR. Dafür reichten oft schon kleinere Delikte wie Schuleschwänzen oder Diebstahl. In den Werkhöfen sollten die Jugendlichen zu "ordentlichen Staatsbürgern" umerzogen werden – teils auch mit Gewalt und Foltermethoden, wie zum Beispiel Essensentzug oder Dunkelzelle. Der Staat versuchte mit allen Mitteln, die Menschen in der DDR zu sozialistischen Bürgern zu erziehen. Gleichzeitig wurde aber auch großer Wert auf die Gemeinschaft und die gegenseitige Hilfe gelegt.

Zuletzt aktualisiert: 01. Juni 2017, 08:39 Uhr