Julius Schimann in Zivil mit Polizei-Kollegen vor dem Rathaus Leutzsch in Leipzig, Aufnahme nach 1933.
Julius Schimann in Zivil mit Polizei-Kollegen vor dem Rathaus Leutzsch in Leipzig, Aufnahme nach 1933 Bildrechte: Schulz & Wendelmann Film/Privatbesitz Schimann

Die Spur der Ahnen | 27.09.2017 Mein Opa - ein Gestapomann?

In der Familiengartenlaube entdecken die Leipziger Jörg Philipp und Detlef Mattis einen Karton mit persönlichen Unterlagen ihres Großvaters Julius Schimann, den sie nie kennengelernt haben. Darunter Aufnahmen, die ihn in der Nähe von Adolf Hitler zeigen. Die Lebensgeschichte des Opas war zu DDR-Zeiten ein Tabu-Thema in der Familie, wurde Julius Schimann doch als Nazi-Kriegsverbrecher verurteilt. Seine Enkel wollen Klarheit, sie gehen den Spuren, die die Dokumente liefern, nach.

Julius Schimann in Zivil mit Polizei-Kollegen vor dem Rathaus Leutzsch in Leipzig, Aufnahme nach 1933.
Julius Schimann in Zivil mit Polizei-Kollegen vor dem Rathaus Leutzsch in Leipzig, Aufnahme nach 1933 Bildrechte: Schulz & Wendelmann Film/Privatbesitz Schimann

1946 wird der ehemalige Schutzpolizist Julius Schimann aus Leipzig überraschend vom sowjetischen Geheimdienst verhaftet. Jahrelang erfahren die Angehörigen nichts über die Gründe. 1950 kommt Schimann in den so genannten Waldheimer Prozessen vor Gericht. Der Vorwurf lautet: Mitarbeit bei der Gestapo, einem der wichtigsten Terrorinstrumente des Nazi-Regimes. Als Naziverbrecher wird Schimann zu zehn Jahren Haft verurteilt, stirbt aber wenige Tage nach der Urteilsverkündung an Tuberkulose. Der Familie wird weder mitgeteilt, wo er begraben ist, noch warum er wirklich verurteilt wurde. Sein Schicksal bleibt zu DDR-Zeiten ein Tabu-Thema in der Familie - bis seine Enkel Jörg Philipp und Detlev Mattis fast 70 Jahre nach der einstigen Verhaftung in der Gartenlaube hochbrisante Dokumente finden.

Opfer oder Täter?

Die Cousins vor dem Gartenhaus ihres Großvaters, in dem sie einen Karton voller Unterlagen, Fotos und Dokumente fanden.
Der Fundort: Gartenlaube Bildrechte: Schulz & Wendelmann Film

Nach jahrzehntelanger Ungewissheit wollen seine beiden Enkel die entscheidenden Lücken in der Familiengeschichte schließen: Hat ihr Opa im Dritten Reich tatsächlich persönlich Schuld auf sich geladen, war er gar in Kriegsverbrechen verwickelt? Oder ist der gebürtige Ostpreuße, der in Leipzig mehr als zwanzig Jahre als Polizist arbeitete, eher ein tragisches Opfer der Nachkriegsjustiz in der DDR?

Uns geht es nicht darum, den Großvater reinzuwaschen, wir wollen einfach nur ein möglichst komplettes Bild haben, uns vorstellen können, was ist damals abgelaufen.

Jörg Philipp Die Spur der Ahnen: Mein Opa - ein Gestapomann

Mit Hilfe der gefundenen Unterlagen gehen Jörg Philipp und Detlef Mattis auf Spurensuche: Sie recherchieren in verschiedenen Archiven und fahren nach Tschechien ins ehemalige Sudetenland, wo Schimann nach dem "Anschluss" ebenfalls als Polizist tätig war.

Die Cousins Jörg Philipp und Detlef Mattis auf dem Gelände der KZ-Gedenkstätte Buchenwald.
Die Cousins Jörg Philipp und Detlef Mattis auf dem Gelände der KZ-Gedenkstätte Buchenwald. Bildrechte: Schulz & Wendelmann Film


In der Gedenkstätte Buchenwald, wo Schimann in einem sowjetischen Speziallager nach Kriegsende einsaß, bekommen sie den Hinweis auf eine überraschende Quelle: Die Stasi. Denn das Ministerium für Staatssicherheit betrieb ein geheimes NS-Archiv. Erst die Dokumente in der heutigen BStU und weitere Recherchen im Sächsischen Staatsarchiv und beim "Verband der Verfolgten des Nazi-Regimes" bringen Gewissheit.

Für Jörg Philipp und Detlef Mattis wird es eine aufwühlende und berührende Rekonstruktion der Lebensstationen ihres Großvaters, immer mit dem Antrieb, zu verstehen, wer dieser Mann wirklich war.

Hitler zu Besuch im Dezember 1934, anlässlich des 85. Geburtstages von Generalfeldmarschall a. D. August von Mackensen (links), im Hintergrund im Smoking: Julius Schimann
Hitler zu Besuch im Dezember 1934, anlässlich des 85. Geburtstages von Generalfeldmarschall a. D. August von Mackensen (links), im Hintergrund im Smoking: Julius Schimann Bildrechte: Schulz & Wendelmann Film / Privatbesitz Schimann

Stichwort: Gestapo Am 30. Januar 1933 übernimmt Hitler in Deutschland die Macht. Sofort beginnt die Einschüchterung und Ausschaltung jeglicher Opposition. Da die Polizei dafür noch nicht voll in Anspruch genommen werden kann, bringt Hitler seine paramilitärischen Truppen zum Einsatz. Unter dem Befehl von Ernst Röhm überzieht die "Sturmabteilung" (SA) der NSDAP das Land mit Terror.

Im Visier der als "Hilfspolizei" eingesetzten Schläger sind vor allem Kommunisten, Sozialdemokraten und Gewerkschafter. Aber auch die deutschen Juden trifft von Anfang an ihr Terror. Doch der offene Terror der SA verschreckt auch manche Anhänger des neuen Regimes. Hitler befiehlt die Einstellung der wilden SA-Aktionen. Die reguläre Polizei soll wieder für Ruhe und Ordnung sorgen - nun allerdings unter nationalsozialistischer Führung. Die Polizei soll zum Machtinstrument des NS-Regimes werden. Das gilt vor allem für die politische Polizei des "Dritten Reiches": die Gestapo.

Im Mai 1933 bezieht die Gestapo ihr Dienstgebäude in der Prinz-Albrecht-Straße 8 in Berlin. Noch ist sie nur für Preußen zuständig, noch ist sie Objekt im Machtkampf der Nazi-Größen. Heinrich Himmler, SS-Reichsführer, setzt sich schließlich durch. Im Frühjahr 1934 übernimmt er zusammen mit Reinhard Heydrich die Gestapo im gesamten Reich. Die erste Bewährungsprobe der neuen Formation: die Ermordung von SA-Chef Ernst Röhm - auf Geheiß Hitlers. Röhm, der aus der SA eine "Volksmiliz" machen will, steht Hitler im Weg.

Der von Gestapo und SS geplanten Mordaktion fallen Ende Juni 1934 etwa 90 Menschen zum Opfer. Mit der Erstellung eines reichsweiten Karteisystems zur Erfassung von "Gegnern", der Ernennung Himmlers zum Chef der gesamten deutschen Polizei (1936) und der unaufhaltsamen Kompetenzerweiterung wird die Gestapo zur schärfsten Waffe Hitlers. Die Gestapo verhaftet willkürlich und exzessiv. Die in "Schutzhaft" genommenen Opfer werden in KZ verschleppt. Ihnen wird jeder Rechtsbeistand verweigert.

Zuletzt aktualisiert: 28. September 2017, 09:00 Uhr