Symbolfoto Missbrauch: eine Frau sitzt verängstigt auf dem Boden
Bildrechte: Colourbox.de

Zum Schweigen gezwungen DDR-Tabuthema: Sexueller Missbrauch von Kindern

Kindesmissbrauch war in der DDR ein Tabuthema. Erst seit kurzem werden die Fälle auch wissenschaftlich aufgearbeitet. "Es gab ein komplettes System des Schweigens", sagt der Theologe und Politikwissenschaftler Christian Sachse. Er berät unter anderem die "Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs". Wir haben mit ihm gesprochen.

Symbolfoto Missbrauch: eine Frau sitzt verängstigt auf dem Boden
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Wie sieht es mit der Aufarbeitung heute aus?

Es gab lange keine systematische Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch in der DDR. Das passiert erst jetzt nach 28 Jahren zum ersten Mal. Aber die Opfer reden ja nicht erst seit heute. Denen hat nur keiner zugehört. Um wirklich gesicherte und allgemeingültige Aussagen zu treffen, braucht es noch Zeit.

Ich habe selbst jahrelang für die Aufklärung von sexuellem Missbrauch in der DDR gekämpft – auch um die nötigen Forschungsgelder. Rückwirkend betrachtet wurde darüber in der Öffentlichkeit und Presse nur vereinzelt berichtet. Ganz selten kamen auch Fälle in Ostdeutschland zur Sprache. Daher ist es im Moment wichtig, dass die Opfer zu Wort kommen und sich aussprechen können. Aber das ist noch viel zu wenig und nur ein erster Schritt. Das Thema muss noch viel stärker in der Öffentlichkeit diskutiert werden.

Wo liegen die Unterschiede beim Thema Kindesmissbrauch in Ost und West?

Aus der Perspektive der Opfer wird vieles ähnlich sein. Missbrauch ist Missbrauch, Gewalt ist Gewalt. Erst auf den zweiten Blick ist vieles anders: Denn in der DDR gab es staatlich betriebenes Schweigen, also eine Tabuisierung, die vom ganzen Staatsapparat eingehalten wurde. Ein Opfer, das sich beispielsweise an einen Lehrer oder FDJ-Mitarbeiter wandte, musste damit rechnen, unter Druck gesetzt zu werden, damit nichts an die Öffentlichkeit kam.

Gerade in sogenannten "Spezialheimen" ist sexueller Missbrauch gehäuft aufgetreten. In diesen Heimen stand die Umerziehung im Vordergrund. Hier kamen Kinder und Jugendliche im Alter von sechs bis 18 Jahren hin, die nicht in das sozialistische System passten oder die verhaltensauffällig waren. Es herrschte militärischer Drill, die Kinder waren absolut isoliert und von Erzieher-Seite wurde versucht, die Kinder durch Leistungsdruck zu brechen, damit sie reflexartig gehorchen. Sie bekamen wenig Besuch, wenn dann mal alle zwei Monate. Die Kinder mussten auch in Betrieben arbeiten, ohne dafür bezahlt zu werden. Etwa 30 solcher Heime gab es in meist kleinen Dörfern über die ganze DDR verstreut. Sie machten etwa ein Drittel der Heime insgesamt aus. Die anderen waren "Normalheime" für Waisenkinder, wo es weniger streng zuging.

Was machte die Heime so anfällig für Missbrauch?

Das hat mehrere Gründe: Einerseits liegt es daran, dass Lehrer, die schon einschlägig aufgefallen waren, zum Teil dorthin strafversetzt wurden. Andererseits hat sich in den isolierten Heimen ein Klima entwickelt, das dem einer Sekte entspricht. In diesem Klima ist das Krankhafte niemandem mehr aufgefallen. Neben sexuellem Missbrauch gab es in solchen Heimen auch Alkohol- und Gewaltexzesse. Die Gewalt der Erzieher übertrug sich auf die Kinder untereinander. So gibt es auch Fälle, in denen jüngere Kinder von Älteren als Lustknaben gehalten wurden.

Welche Strukturen haben Aufklärung verhindert?

Wenn Kinder in dieser Situation missbraucht wurden, war das für sie eine ausweglose Situation. In diesem Zusammenhang gab es auch mehrere Suizide, vor allem von Mädchen. Die meisten Heimkinder in der DDR haben Schäden davongetragen, wie posttraumatische Belastungsstörungen. Und wer entlassen wurde, musste eine Verschwiegenheitserklärung unterschreiben. Was in den Heimen passierte, durfte nicht nach außen dringen - weder von den Kindern, noch von den Erziehern. Das Schweigen haben dann auch viele eingehalten. So hat die Tabuisierung funktioniert.

Wie sah es im familiären Umfeld aus?

In den Familien ist die Tabuisierung ähnlich abgelaufen. Wenn der Täter beispielsweise bei der Stasi war, wurde der Fall zumeist intern geregelt. Nichts durfte nach außen dringen. Gleiches gilt für die Mitarbeiter der Polizei und des gesamten DDR-Machtapparates. Nicht selten wurden die Täter nach der Befragung aus dem Machtapparat ausgestoßen, aber nicht weiter strafrechtlich verfolgt. Dadurch entstand in der Bevölkerung der Eindruck, dass es so gut wie keinen sexuellen Missbrauch in der DDR gab.

Wie ging man mit betroffenen Kindern und Jugendlichen um?

Das ist ein völlig neues Gebiet für uns. Doch meine Kollegen und ich haben bisher den Eindruck, dass eigentlich gar nichts passierte. In einigen Fällen gab es eine psychologische Betreuung. Aber wir kennen weder den Umfang, noch die Qualität. Man hat sich zwar Mühe gegeben, die Kinder nicht noch zusätzlich zu verletzen, aber es gab meist kein geschultes Personal.

Wie sehen die Zahlen im Vergleich zum Westen aus?

Offiziell gab es keinen sexuellen Missbrauch in der DDR. Und heute ist es schwer, die Zahlen, die wir haben, mit denen der früheren BRD zu vergleichen, weil anders kategorisiert wurde. Aber man kann davon ausgehen, dass die Zahl der sexuellen Übergriffe auf Kinder und Jugendliche in Ost und West gleich groß war.

Gab es nicht einmal geheime Statistiken?

Der Staat hat Statistiken über Anzeigen und Straftatbestände geführt, diese aber nicht veröffentlicht. Erschreckend war für mich festzustellen, dass die Zahl der verurteilten Täter festgehalten wurde, jedoch nicht die Zahl der Opfer. Es gab ein komplettes System des Schweigens.

Man kann damit rechnen, dass nur 20 Prozent der Anzeigen überhaupt mit einer Freiheitsstrafe endeten. Die Dunkelziffer liegt bei eins zu sieben - also auf zehn Opfer, die Anzeige erstattet haben, kamen 70 Opfer, die die Misshandlung nicht gemeldet haben.

Dr. Christian Sachse ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der „Union der Opferverbände kommunistischer Gewaltherrschaft e.V.“ in Berlin. Konkret beschäftigt er sich mit der Aufarbeitung der DDR-Zwangsarbeit und sexuellem Missbrauch in DDR-Heimen. In diesem Zusammenhang hat er zahlreiche Gespräche mit Missbrauchsopfern geführt und hat eine beratende Funktion als Gutachter für solche Fälle. Der studierte Theologe war bis 1990 Pfarrer in der DDR und hat zum Thema „Wehrerziehung in der DDR als Herrschafts- und Sozialisationsinstrument“ promoviert.
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Zur Person: Dr. Christian Sachse ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der "Union der Opferverbände kommunistischer Gewaltherrschaft e.V." in Berlin. Er beschäftigt sich mit Zwangsarbeit und sexuellem Missbrauch in der DDR. In diesem Zusammenhang hat er zahlreiche Gespräche mit Missbrauchsopfern geführt. Der studierte Theologe war bis 1990 Pfarrer in der DDR und promovierte zum Thema "Wehrerziehung in der DDR als Herrschafts- und Sozialisationsinstrument".

"Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs" Aufgabe der Kommission ist es, sämtliche Formen von sexuellem Kindesmissbrauch in der Bundesrepublik und in der DDR zu untersuchen - sowohl in Institutionen als auch im familiären Umfeld. Die Veranstaltungen der Kommission sollen auf das Tabuthema Kindesmissbrauch aufmerksam machen und den Dialog zwischen Betroffenen und der Gesellschaft fördern. Die Kommission hat im Mai 2016 ihre Arbeit aufgenommen. Im Juni 2017 wurde der erste Zwischenbericht veröffentlicht. Ein weiterer soll zum Ende der derzeitigen Laufzeit der Kommission bis März 2019 vorgelegt werden.

Weitere Informationen: www.aufarbeitungskommission.de

Infotelefon Aufarbeitung: 0800 4030040 (anonym und kostenfrei)

(me)

Über dieses Thema berichtete MDR AKTUELL auch im: TV | 14.06.2017 | 15:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 11. Oktober 2017, 09:00 Uhr