historische Aufnahme
Der Geheim-Befehl vom 6. September 1958 über die atomaren Mond-Pläne der Sowjetunion. Bildrechte: MDR

Sowjetunion wollte Atombombe zum Mond schießen Martin Hübner: Das Dokument wurde zufällig gefunden

Es waren nur Gerüchte. Doch nun belegt ein Geheim-Dokument erstmals, dass der Kreml 1959 eine Atombombe auf dem Mond zünden wollte. Im Gespräch mit Martin Hübner, dem Autor, der die exklusive Geschichte für das MDR ZEITREISE-Magazin recherchiert hat.

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Der Geheim-Befehl vom 6. September 1958 über die atomaren Mond-Pläne der Sowjetunion. Bildrechte: MDR

Wie sind Sie auf das Thema gestoßen?

Eher zufällig. Ausgangspunkt waren Recherchen zu einer längeren TV-Dokumentation ("Der Sputnik-Schock"), die im Kontext des 60. Sputnik-Jubiläums entstanden ist und am 23. Oktober im Ersten ausgestrahlt wird. Es ging mir um neue Aspekte und Einblicke. Da war es nur folgerichtig, mit Matthias Uhl vom Deutschen Historischen Institut in Moskau in Kontakt zu treten. Er steckt in der Materie und hat zudem einen ziemlich guten Draht zu den russischen Archiven. Bei seinen Sputnik-Recherchen ist er auf den besagten lunaren Atombomben-Befehl vom September 1958 gestoßen. Und so kam dann auch ich dieser abenteuerlichen Mond-Mission der Sowjets auf die Spur.

Und wie ging es weiter?

Es war sofort klar, dass das eine ziemlich spannende Geschichte ist, die man unbedingt weiter verfolgen muss. Allerdings wurde mir auch schnell bewusst, dass es sehr enge Grenzen gibt. Das vorliegende Dokument ist das einzige, was wir bislang zu dem so genannten E3-Projekt kennen. Es verweist auf weitere Beschlüsse und Gremien. Leider gibt es zu diesen momentan noch keinen Zugang. Genaugenommen ist de facto das gesamte Material zu dem Thema noch unter Verschluss. Umso spannender ist der glückliche Umstand, dass jetzt das erste offizielle Dokument zu dem Thema überhaupt aufgetaucht und verfügbar ist. Und damit ist auch erstmals amtlich belegt, dass es dieses Projekt tatsächlich gegeben hat. Gerüchte gab es zuvor genügend.

Was ist denn in dem Papier zu lesen?

Bei dem Dokument handelt es sich um einen Befehl des staatlichen Komitees zur Verteidigungstechnik vom 6. September 1958. Dieser legt genaue Zuständigkeiten fest. Das ist alles sehr konkret. Es wird festgelegt, wer wofür zuständig und verantwortlich ist: Chefkonstrukteur Sergei Koroljow wird mit der Entwicklung einer Rakete beauftragt, die eine Atombombe zum Mond transportieren kann. Es ging darum, seine R-7-Sputnik-Rakete so zu modifizieren, dass sie in der Lage ist, auch über die gigantische Distanz von 300.000 Kilometern, eine Atombombe bis zu unserem Erdtrabanten zu befördern. Ein ziemlich kühnes Unternehmen, bedenkt man, dass zu diesem Zeitpunkt noch keine einzige Rakete eine solche Distanz bewältigt hatte.

Auf der anderen Seite werden führende Atomphysiker des Landes, wie Juli Chariton, verpflichtet, geeignete Atomsprengköpfe für die nukleare Mondmission zu konstruieren. Insgesamt sollten zwei verschiedene Bomben konstruiert werden. Eine 400 Kilogramm schwere Wasserstoffbombe mit maximaler Leistung und eine 200 Kilogramm schwere Atombombe mit einer Sprengkraft von 10.000 bis 20.000 TNT, was der Hiroshima-Bombe entspricht. Eine davon sollte dann auf der Mondoberfläche gezündet werden.

Welches Konzept stand dahinter?

Sagen wir mal so: Es muss Leute geben, die solche verrückten Ideen haben und welche, die dann aufspringen. Ich habe in Moskau gehört, dass die Idee von den Atomphysikern gekommen wäre, die durch die spektakulären Sputnik-Erfolge im Herbst 1957 ein wenig in den Hintergrund gerückt waren und wieder zurück in die erste Reihe drängten. Es ging eben immer auch um Budgets und Zuwendungen vom großen "Staatskuchen". Ohne die Gunst der Kreml-Spitze war nichts zu machen.

Auf der anderen Seite hatte Kreml-Chef Nikita Chruschtschow ein Faible für Superlative, Sensationen, Spektakel und auch Bluffs. So ein Mond-Projekt passte bestens in sein Imponier-Schema. Er wollte nach den Sputnik-Triumphen die Welt weiter in Atem halten, die Sowjet-Macht demonstrieren, Eindruck schinden. Außerdem war ein solches Spektakel auch eine Möglichkeit, von Problemzonen seiner Atomstreitmacht abzulenken, die ihm durchaus nicht unbekannt waren.

Was meinen Sie damit?

Die Sowjetunion besaß zwar seit 1949 die Atombombe, aber sie verfügte über keinerlei Trägermittel, um diese Atombombe auch in die USA schießen zu können, zu ihrem Hauptfeind. Die neue R7-Sputnik-Rakete schaffte zwar die Distanz dorthin, aber der Sprengkopf hätte noch nicht funktioniert. 1958 hatten Sowjets Probleme mit dem Hitzeschild ihres Atomsprengkopfes. Der war falsch berechnet worden, sodass eine Atombombe beim Eintritt in dichtere Atmosphäre-Schichten verglüht wäre.

So gesehen war es fast einfacher eine Atombombe auf dem Mond zu zünden, als in den USA. Der Mond hat keine Atmosphäre und damit wäre auch das Problem mit dem Hitzeschild aus der Welt.

Wie ernst waren die Pläne zu nehmen?

Das waren wirklich ernsthafte Pläne, die auf oberster Ebene entschieden wurden. Man legte Zuständigkeiten fest, es flossen Gelder und man arbeitete an der Umsetzung des Befehls.

Warum wurde das Projekt dann doch nicht verwirklicht?

Wir wissen mit Sicherheit nur, dass es glücklicherweise nie zu diesem atomaren Feuerzauber auf dem Mond gekommen ist. Warum das so gekommen ist, wer es letztlich war, der die weise Entscheidung getroffen hat, das Ganze zu annullieren, darüber können wir leider nur mutmaßen. Alle Akten und Beschlüsse dazu sind nach wie vor russisches Staatsgeheimnis.

Wann werden die entsprechenden Akten zugänglich sein?

Das habe ich auch gefragt. Die Auskunft des russischen Militärhistorikers Alexander Jazakow war durchaus ernüchternd, wenngleich sie nicht überraschte. Er sagte mir, dass es eine spezielle Expertenkommission gebe, die sich mit der den Geheimakten und deren Freigabe befasse. Die Tätigkeit dieser Kommission sei sehr speziell und werde nicht veröffentlicht. Wann sie es für richtig halten, wisse niemand.

Und welche Mutmaßungen gibt es, warum wurde das Projekt eingestellt?

Ein Faktor war sicherlich, dass man gemerkt hat, dass selbst die normalen Raketenstarts noch sehr riskant waren. Auch ohne Atombomben sind viele R7-Raketen auf dem Startplatz einfach explodiert. Es gab jede Menge Fehlstarts, gerade auch 1958. Da hat man sich natürlich auch gefragt, was passiert eigentlich, wenn eine atomar bestückte Rakete auf dem Startplatz in Baikonur explodiert? Zwar hätte es keine Kettenreaktion gegeben, also keine atomare Explosion. Dennoch wären die nuklearen Zutaten der Bombe ausgetreten und hätten den Startplatz auf lange Sicht verseucht und unbrauchbar gemacht. Und wenn man bedenkt, dass Baikonur damals der einzige sowjetische Startplatz für Interkontinentalraketen war, kann man sich gut vorstellen, dass den Verantwortlichen bei dieser Vorstellung Angst und Bange werden musste.

Außerdem hatte man das Problem, dass das Atom-Spektakel ja nur Sinn macht, wenn es auch irgendwie sichtbar ist für den Haupt-Adressaten Amerika. Der Mond war einfach sehr weit weg. Und was nützt eine super Aktion, wenn sie am Ende keiner mitkriegt. Also hätte man den Amerikanern genau sagen müssen, wann und wo sie mit Spezialgeräten schauen sollen. Damit wäre man aber auch in der Pflicht gewesen, den Punkt auf dem Mond zielgenau zu einem konkreten Zeitpunkt zu treffen. Und das zu einer Zeit, in der noch nie eine Rakete zum Mond geflogen ist. Das war schon ziemlich kühn.

Das Risiko war irgendwann einfach zu groß. Offenbar selbst für Kreml-Chef Nikita Chruschtschow, der nicht ohne Geschick war beim Bluffen im atomaren Raketen-Poker. Ohne seine Zustimmung hätte niemand das Unternehmen einfach einstellen können.

Wie ist dieser Befehl zeitlich einzuordnen?

Das war die Hochphase des "Kalten Krieges". In den Jahren 1957/1958 wurden so viele Atomtests durchgeführt wie noch nie zuvor. Und Chruschtschow hatte insbesondere nach der Sputnik-Sensation gemerkt, dass er mit Operationen im Weltraum punkten kann. Schließlich waren selbst Meinungsforscher in Amerika sehr beeindruckt von den plötzlichen Sympathiewerten, die die Sowjets besonders in der Dritten Welt hatten. Mit einem lunaren Feuerspektakel hätte er natürlich alles noch einmal überboten. Er war immer offen für Spektakel und Superlative.

Martin Hübner
Bildrechte: Martin Hübner

Zum Autor: Martin Hübner ist Redakteur beim MDR Fernsehen, im Ressort Geschichte, Dokumentationen und Osteuropa. Für den Mitteldeutschen Rundfunk hat er zahlreiche Dokumentationen zum Thema Raumfahrt realisiert.

Mehr zur exklusiven Recherche im MDR ZEITREISE Magazin: MDR FERNSEHEN | 10.10.2017 | 21:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 10. Oktober 2017, 09:13 Uhr