Vietnamesische Vertragsarbeiter mauern eine Wand
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1950-1970 Vertragsarbeiter aus Vietnam Vietnamesische "Vertragsarbeiter" in der DDR

Als die DDR Geschichte wurde, waren die Vietnamesen mit rund 60.000 Menschen die größte Gruppe von Ausländern im ehemaligen Arbeiter- und Bauernstaat. Bereits Mitte der 1950er-Jahre nahm die DDR im Rahmen von Solidaritätsprogrammen Vietnamesen auf. Der Höhepunkt wurde allerdings erst mit den so genannten Vertragsarbeitern Ende der 1970er-Jahre erreicht.

Vietnamesische Vertragsarbeiter mauern eine Wand
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Solidarität mit den Völkern der Welt gehörte in der DDR zur Staatsraison. Entlang der außenpolitischen Linie der Partei standen dem kleinen Land Solidaritätsaktionen und sozialistische Bruderhilfe auf dem internationalen Parkett gut zu Gesicht. Wo sich auch immer, nach sozialistischer Lesart, ein Volk von den Fesseln des "Postkolonialismus" und "Imperialismus" befreien konnte und sich politisch im sozialistischen Lager wiederfand, war auch die DDR nicht weit, um Hilfe zu leisten. Dies geschah nicht ohne Eigennutz, denn oft hatten diese Länder wertvolle Bodenschätze, Rohstoffe und auch Arbeitskräfte zu bieten, die in der DDR dringend gebraucht wurden.

Solidarität mit Vietnam

Die Beziehungen zwischen der DDR und Vietnam reichen zurück bis in die 1950er- Jahre, als man vietnamesischen Kindern im Rahmen einer Solidaritätsaktion eine schulische und berufliche Ausbildung ermöglichte. Fortan wurden in der DDR bis Mitte der 1970er Jahre Schüler, Lehrlinge, Studenten und Wissenschaftler ausgebildet, die nach ihrer Rückkehr in ihr Heimatland den Sozialismus aufbauen sollten. Ein Erfolgsmodell, das sich die DDR einiges kosten ließ und bis zum Ende der DDR viele tausende Menschen, auch aus anderen sozialitischen Bruderstaaten, nach Deutschland führte.

"Vertragsarbeiter" für die Wirtschaft

Ende der 1970er-Jahre wandelte sich allerdings die Politik der DDR. Die Wirtschaft war dringend auf Arbeitskräfte angewiesen. Fortan setzte man auf ein Modell, das man bereits seit Mitte der 1960er-Jahre erfolgreich mit Ungarn und Polen durchführte: Arbeitskräfte kamen für wenige Jahre in die DDR und konnten sich dafür zum Facharbeiter ausbilden lassen. Im Rahmen der sozialistischen "Bruderhilfe" wurden auch mit anderen Ländern bilaterale "Abkommen zur Ausbildung und Beschäftigung ausländischer Arbeitskräfte" abgeschlossen.

Arbeitskraft gegen Ausbildung

Drei Männer und eine Frau studieren technische Zeichnungen
Berufsausbildung junger Arbeiter aus Vietnam im VEB Messelektronik "Otto Schön" in Dresden, 1970. Bildrechte: dpa

Für die Arbeiter, auch aus Vietnam, war die Auswahl für das Programm eine besondere Ehre, denn die DDR galt in vielen Bruderländern als besonders fortschrittlich und das Ausbildungsniveau als entsprechend hoch. Die Regierungsabkommen und Staatsverträge wurden mit jedem Land individuell abgeschlossen. Im Kern beinhalteten sie jedoch alle den schlichten Tausch von Arbeitskraft gegen Qualifikation. So standen gerade zu Beginn des Programms die sprachliche und fachliche Ausbildung der ausländischen Arbeiter im Vordergrund. Ein wichtiger Punkt, der jedoch im Laufe der Jahre gegenüber der benötigten Arbeitskraft immer mehr in den Hintergrund rückte.

Angekommen im sozialistischen Vorzeigeland war es mit der Solidarität jedoch nicht weit her. Die Betriebe mussten zwar eigene Wohnheime und Betreuer für ihre ausländischen Kollegen zur Verfügung stellen, doch zu einer Integration kam es meist nicht. Strenge Regeln und Kontaktverbote schirmten die Arbeiter von ihren deutschen Kollegen ab. Wer dagegen verstieß, vielleicht sogar eine Liebesbeziehung einging, wurde in sein Heimatland zurück geschickt.

Vietnamesen blieben unter sich

Gerade die vietnamesischen Arbeitskräfte, die zumeist als zurückhaltend, freundlich und fleißig galten, blieben unter sich. Geschätzt wurden sie aber nicht nur für ihre Fertigkeiten in der Leicht- und Textilindustrie. Wer in der Mangelwirtschaft keine Jeans zu kaufen bekam, der fand Hilfe bei den geschickten Kolleginnen aus Vietnam. Ein regelrechter grauer Markt entstand so für die begehrte Baumwollware. Selbstverständlich blieb das rege Treiben nicht unbemerkt. Doch solange sie ihre reguläre Arbeit taten und dazu auch noch begehrte Mangelware unter das Volk brachten, wollte selbst die Staatssicherheit nicht eingreifen, wie Akten heute belegen.

Mit dem Ende der DDR liefen auch die Regierungsabkommen aus. Rund 60.000 vietnamesische Vertragsarbeiter arbeiteten zu dieser Zeit in rund 700 Betrieben in der ganzen DDR. Nur wenigen war es möglich, legal in Deutschland zu bleiben. Viele von ihnen gingen freiwillig oder unfreiwillig in ihre Heimat zurück. Erst 1997 konnte die Aufenthaltsfrage für die ehemaligen Vertragsarbeiter geklärt werden.

Mittlerweile bestehen in Deutschland und in Vietnam Netzwerke von ehemaligen Vertragsarbeitern, aber auch Studenten und Schülern, die über die unterschiedlichen Programme nach Deutschland gekommen waren.

Eine Vietnamesin protestiert gemeinsam mit Landsleuten im Erfurter Stadtzentrum für ein dauerhaftes Bleiberecht ehemaliger DDR-Vertragsarbeiter in Deutschland
Für ein dauerhaftes Bleiberecht ehemaliger DDR-Vertragsarbeiter in Deutschland demonstriert am 14.12.1995 diese Vietnamesin gemeinsam mit Landsleuten im Erfurter Stadtzentrum. Bildrechte: dpa

Ausländer in der DDR (1989) Gesamt: 192.000

Vietnam: 60.000 (55.000 Vertragsarbeiter)
Polen: 52.000 (38.000 Vertragsarbeiter)
Mosambik: 16.000
Sowjetunion: 15.000 (Zivilisten)
Ungarn: 15.000 (11.000 Vertragsarbeiter)
Kuba: N.N. (11.000 Vertragsarbeiter) Quelle: Bundeszentrale für politische Bildung

Abkommen zur Ausbildung und Beschäftigung ausländischer Arbeitskräfte 1967 Ungarn
1971 Polen
1974 Algerien
1978 Kuba
1979 Mosambik
1973 Vietnam
1980 Vietnam
1982 Mongolei
1985 Angola
1986 China Quelle: Bundeszentrale für politische Bildung

Vertragsarbeiter in der DDR 1966: 3.500
1974: 19.000
1981: 24.000
1989: 94.000 Quelle: Bundeszentrale für politische Bildung

Zuletzt aktualisiert: 16. März 2016, 09:18 Uhr