1784 Herders Hauptwerk "Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit" erscheint Johann Gottfried Herder

Hoch und weit fliegen die Pläne des jungen Johann Gottfried Herder. Fünfundzwanzigjährig entwirft er sie auf einer Schiffsreise, die ihn durch halb Europa führt. Im "Journal meiner Seereise im Jahr 1769" nimmt er fragmentarisch die Summe seines Lebenswerkes vorweg. Diese Reise könnte auch als Metapher für die Lebensreise Herders stehen, für seine Bemühungen, als Mensch und für Menschen zu schreiben. Politische Seeträume - auf den Boden geholt durch die Realität in den Ländern, die er besucht und sieht:

Europa liegt im Schlaf...

"Europa liegt im Schlaf. Wie es erwecken und dienstbar machen? Durch wen? Was für Samenkörner liegen in dem Geist der dortigen Völker um ihnen Mythologie, Poesie, lebendige Kultur zu geben? ... Wie ist uns zu helfen?"

Ein zuweilen launischer Zeitgenosse

Herder gehört neben Goethe, Schiller und Wieland zu den vier Geistesgrößen Weimars, die der Stadt den Ruf als Hochburg der deutschen Klassik bescherten.
Doch heute ist weitestgehend vergessen, dass Herder mit seinen Schriften die geistigen und philosophischen Grundlagen für deren humanistische Ideale legte. Ohne sie hätten Goethe und Schiller nicht ihr bedeutendes literarisches Werk schaffen können. Während dem fünf Jahre jüngeren Goethe - einst Herders Schüler - das Schicksal immer Hold war, brachte es Herder nicht zu durchschlagender Popularität. Was auch an ihm selbst gelegen haben mag. Er machte es sich und anderen nicht leicht, war launisch, neigte zu Depressionen und konnte eine einschneidende Ironie entwickeln, die seine Mitmenschen als beleidigend empfanden.

Seiner Zeit weit voraus

Dabei war Herder, wie wir heute wissen, seiner Zeit voraus: Er dachte als Humanist, als Weltbürger des Geistes, er hatte die Menschheit im Blick, ihr gemeinsames Kulturerbe. Daran erinnern Schriften wie "Ideen zur Philosophie zur Geschichte der Menschheit" oder auch seine Volksliedersammlung "Stimmen der Völker", die die
slawische Kultur als Teil europäischer und Weltkultur in den Blickpunkt rückt. Von den überkommenen Vorrechten des Adels und der (ein)gebildeten Stände hielt er wenig. Im Gegensatz zu Goethe und Schiller strebte er nicht nach dem klassischen Ideal, und so schrieb er aus Italien an Goethe:

An Kunstwelten nicht interessiert

"...Ich will dagegen kämpfen, dass ich nicht in Deine Fußstapfen trete und eine 'Gleichgültigkeit gegen die Menschen' nach Hause mitbringe, die mir übler bekommen würde, als Dir, weil ich keine Kunstwelt, wie Du, an die Stelle des Erloschenen zu setzen wüsste. "So geht er mehr und mehr auf Distanz zu den berühmten Zeitgenossen, und blieb bis auf den heutigen Tag aus dem Mittelpunkt der Weimarer Klassik ausgeschieden - obwohl er 27 Jahre, bis an sein Lebensende, in dem "thüringischen Marktflecken" wirkte.

Zuletzt aktualisiert: 19. Dezember 2003, 18:37 Uhr