1730 veröffentlicht der Moralprediger und Dichter sein berühmtestes Werk Johann Christoph Gottsched

(1700-1766)

Am 2. Februar des Jahres 1700 kam Johann Christoph Gottsched in Juditten bei Königsberg zur Welt. Bereits mit 14 Jahren begann er in Königsberg ein Theologiestudium, wobei sich schon früh die Philosophie als Hauptinteressengebiet des jungen Johann Christoph herauskristallisierte. Besonders das Werk des Philosophen Christian Wolff, eines führenden Vertreters der deutschen Aufklärung, beeinflusste ihn zeitlebens. Seine akademische Karriere in Königsberg fand jedoch ein jähes Ende. Wegen seiner kräftigen Statur drohte dem 24-jährigen die Zwangsrekrutierung für die Leibgarde des preußischen Königs Friedrich Wilhelm I. Vor den Häschern des „Soldatenkönigs" floh er nach Leipzig.

Hier wurde er Mitglied der "Deutschübenden poetischen Gesellschaft". Als ihr Vorsitzender wandelte Gottsched sie drei Jahre später in die "Deutsche Gesellschaft in Leipzig" um und machte sie zum Instrument seines sprach- und dichtungsreformatorischen Wirkens. 1730 zum außerordentlichen Professor der Philosophie, vier Jahre später zum ordentlichen Professor für Logik und Metaphysik an die Universität Leipzig berufen, begann Gottscheds steiler Aufstieg zur kritischen Autorität auf dem deutschen Parnass.

Seine vordringlichste Aufgabe sah er in einer umfassenden Reform der deutschen Dichtung. Den Resten des spätbarocken Dichtungsstils sagte er den Kampf an. Wichtigster Angriffspunkt war für ihn hierbei der „Hanswurst" auf der Theaterbühne. Diese Lieblingsfigur des volkstümlichen Theaters vollführte improvisierend Scherze und derbe Späße, die meist mit der Bühnenhandlung keinen inneren Zusammenhang hatten und einzig und allein Gelächter auslösen sollten. Als Gegenbeispiel errichtete Gottsched gemeinsam mit Caroline Neuber und ihrer Theatergruppe eine Musterbühne in Leipzig, von der die "Neuberin" in einer symbolischen Handlung den Hanswurst 1737 persönlich hinunterstieß. Die fruchtbare Zusammenarbeit mit der Schauspielerin zerbrach allerdings schon vier Jahre später, weil sie sich nicht völlig nach Gottscheds Regeln richten wollte.

Seine theoretischen Grundsätze verbreitete Gottsched in zahlreichen Publikationen. In Nachahmung der englischen moralischen Wochenschriften gab er die Zeitschrift "Die vernünftigen Tadlerinnen" heraus, welche ihren Titel der falschen Übersetzung ihres englischen Vorbildes "The Tattler" - "Die Klatschbase" - verdankte. Die darin abgedruckten Artikel sollten ihre Leser im Sinne des aufgeklärten Vernunftideals erziehen.

Die Dichtungstheorie Gottscheds lehnte alles Wunderbare und Unwahrscheinliche in der Dichtung ab. Stattdessen plädierte er für Deutlichkeit und Moralität. Dichtung sollte den Menschen erziehen, ihn sittlich bessern, indem sie seinen "gesunden Menschenverstand" ansprach. Die "Moral von der Geschicht’ ", ein moralischer Lehrsatz, hatte deshalb das Herzstück jedes Dramas zu bilden. Gottscheds Poetik, die 1730 unter dem Titel "Versuch einer Critischen Dichtkunst vor die Deutschen" erschien, folgte damit dem Ideal des französischen Klassizismus, wie er von Molière, Racine und Corneille vertreten wurde. Seine strengen Regeln brachten ihm jedoch bald den Ruf eines moralisierenden Pedanten ein.

Die entschiedensten Gegner seiner Theorie waren die Schweizer Johann Jakob Bodmer und Johann Jakob Breitinger. Sie sahen den Reiz der Dichtung im Gegensatz zu Gottsched nicht in der moralischen Besserung der Menschen, sondern in ihrer Wirkung auf das Gemüt, auf die sinnlichen Empfindungen, die Phantasie und das Gefühl des Lesers und gaben dem Irrationalen in der Dichtung ein Recht. Damit begann ein Widerstreit der Theorien, aus dem die Schweizer letztlich als Sieger hervorgingen. Auch Zeitgenossen in Sachsen setzten sich sowohl mit Gottscheds Theorien als auch mit seinen Werken kritisch auseinander. So der Dichter Johann Wilhelm Ludwig Gleim, dessen Dichtungsauffassung im Gegensatz zur Regelpoetik Gottscheds stand. Das aufklärerische Trauerspiel „Der sterbende Cato", welches Gottscheds eigene Dichtungstheorie beispielhaft umsetzen sollte, kommentierte Gleim scharfzüngig: "Wie dieser Sachse Cato spricht, So sprach der Römer Cato nicht; Hört er die Reden des Poeten, Er würde sich noch einmal töten!"

Gotthold Ephraim Lessing verdrängte schließlich 1758 Gottsched mit seiner eigenen Literaturtheorie endgültig als Poetiker, indem er sich ausdrücklich gegen die französische Klassik wandte und Shakespeare zum neuen Ideal erhob.

Am 12. Dezember 1766 ist Johann Christoph Gottsched in Leipzig gestorben.

Zuletzt aktualisiert: 17. September 2010, 11:37 Uhr