1859: "Raub der Europa" Bonaventura Genelli

(1798-1868)

Am 28. September 1798 kam Bonaventura Genelli in Berlin als erster von vier Söhnen des Landschaftsmalers Janus Genelli zur Welt. Schon sein Großvater, Johann Franz Joseph Genelli, war als Kunststicker am Hofe Friedrichs II. tätig gewesen. Nachdem Genelli 1813 das Werdersche Gymnasium verlassen hatte, begann er 1814 an der Berliner Kunstakademie zu studieren. In dieser Zeit erhielt er auch Unterricht bei Gottfried Schadow und Johann Erdmann Hummel.

Nach dem Tod des lungenkranken Vaters übernahmen der Onkel Hans Christian Genelli, ein Architekt und Gelehrter, und der Maler Johann Erdmann Hummel die Vormundschaft für den Heranwachsenden. Vom Grafen von Ingenheim erhielt die Mutter finanzielle Zuwendungen. Unter dem starken Einfluss seines Onkels las Genelli die Werke zahlreicher klassischer Autoren, darunter auch Homer und Dante.

Zum geübten Zeichner antik-mythologischer Motive und zum vorzüglichen Porträtisten seiner Angehörigen entwickelte sich der Künstler auf dem Anwesen der kunstsinnigen Grafenfamilie von Finckenstein in Madlitz, wo sein Onkel seinen Lebensabend verbrachte. Eine Pension der Prinzessin Wilhelmine von Preußen, der späteren Königin der Niederlande, ermöglichte dem Maler, sich ab 1822 in Rom weiterzubilden. Die zehn Jahre, die er in der italienischen Hauptstadt verbrachte, nutzte der Maler zum Studium der antiken Dichter und der italienischen Renaissancekünstler, wie Michelangelo und Raffael. Er schuf Porträts von Freunden sowie zahlreiche Karikaturen und Erotika und machte Bekanntschaft mit den zeitgenössischen Künstlern Friedrich Müller, Joseph Anton Koch, Peter von Cornelius und Bertel Thorvaldsen.

1832 kehrte er dann, in ursprünglicher Absicht nur vorübergehend, nach Deutschland zurück. Von dem Musikverleger Herrmann Härtel erhielten er und Friedrich Preller der Ältere den Auftrag, das Gartenhaus des Römischen Hauses in Leipzig mit Fresken aus Homers "Odyssee" zu verzieren. Das Unternehmen scheiterte 1834 jedoch an Unstimmigkeiten zwischen den Künstlern und dem Auftraggeber.

1836 zog Genelli nach München, wo er gemeinsam mit seiner Frau, der Leipziger Lehrerstochter Karoline Kübler und seinen vier Kindern in ärmlichen Verhältnissen leben musste und sich vergeblich um Aufträge am bayrischen Hof bemühte. Dennoch entstanden in München die für das Gesamtwerk des Künstlers charakteristischen Arbeiten. Dazu zählen Umrisszeichnungen zu Homers "Ilias" und "Odyssee", der Aquarellzyklus "Aus dem Leben eines Wüstlings", die Kupferstichvorlagen zum Zyklus "Aus dem Leben einer Hexe", die größtenteils selbst gestochenen Umrisse zu Illustrationen von Dantes "Göttlicher Komödie" und bereits erste Zeichnungen zum Zyklus "Aus dem Leben eines Künstlers".

Im Revolutionsjahr 1848 bekannte sich Bonaventura Genelli als Republikaner. Die Gegnerschaft zu dem überaus einflussreichen Maler Wilhelm von Kaulbach brachte ihn immer wieder um lukrative Aufträge. Auch Bemühungen einiger Freunde konnten eine Berufung an die Kunsthochschulen in Berlin, München oder Dresden nicht erwirken.

1856 begegnete Genelli dem Grafen Adolf Friedrich von Schack, für den er bis Anfang 1859 das Ölbild "Raub der Europa", sein wohl eindrucksvollstes Gemälde, zeichnete. Wehende Gewänder, die durch intensive Farbgebung von Terrain, Meer und Himmel hervorgehoben werden, bewirken hier eine bewegte Stimmung. Weitere Auftragsarbeiten für seinen großzügigen Mäzen verbesserten fortan seine soziale Lage. Trotz des späten Erfolges sollte Genelli seine Zeit in München als "zwanzig Jahre in der Gefangenschaft" in Erinnerung behalten.

Ein Ortswechsel war dem Maler daher nicht unwillkommen. 1859 berief ihn Großherzog Carl Alexander an seinen Hof in Weimar, wo Genelli seine letzten Lebensjahre verbrachte. Diese Berufung, die er seinem Freund Friedrich Preller zu verdanken hatte, brachte ihm endlich die öffentliche Anerkennung ein, die er schon lange vermisste. Zwar hatte Genelli anfangs Vorbehalte gegenüber dem in Weimar herrschenden kleinstädtischen Geist, im Dichter Hoffmann von Fallersleben fand er jedoch bald einen Freund, mit dem er sich von den Kleinstädtern ironisch distanzieren konnte.

In Weimar entstanden für seinen Gönner Großherzog Carl Alexander großformatige Gemälde wie "Herakles und Omphale" oder "Abraham mit den drei Engeln". Auch für die Großherzogin Sophie von Sachsen-Weimar war er tätig, und auch von Schack erteilte ihm von München aus zahlreiche Aufträge. Die finanziellen Einnahmen aus diesen Auftragswerken ermöglichten ihm und seiner Familie einen angemessenen Lebensstandard. An der Wirkungsstätte Goethes und Schillers blieb er den klassischen Idealen treu, stand aber der 1860 begründeten Kunstschule zu Weimar und dem modernen Naturalismus ablehnend gegenüber. 1867 musste Bonaventura Genelli wegen Lähmungserscheinungen die Malerei aufgeben. Er starb am 13. November 1868 in Weimar.

Von seinen über 1650 Zeichnungen und 14 Ölgemälden befinden sich heute die umfangreichsten Sammlungen im Staatlichen Museum zu Berlin, im Dresdener Kupferstich-Kabinett, in den Graphischen Sammlungen zu Leipzig, Weimar und München, in der Bibliothek der Akademie der Künste in Wien und in der Schack-Galerie zu München.

Bis heute ist der Maler, Zeichner und Kupferstecher einer der bekanntesten Vertreter des Spätklassizismus.

Zuletzt aktualisiert: 22. August 2007, 09:55 Uhr