Bärtiger Mann in weißem Hemd und weißem Hut
Eugen Diederichs Porträtaufnahme, um 1928. Bildrechte: dpa

15. September 1896: Der Urvater der Jugendliteratur und sein Verlag Diederichs, Eugen

(1867-1930)

Bärtiger Mann in weißem Hemd und weißem Hut
Eugen Diederichs Porträtaufnahme, um 1928. Bildrechte: dpa

Eugen Diederichs, Urvater des Kinder- und Jugendbuchhandels und einer der Förderer der modernen Buchkunst und des Kulturverlages, stammte aus einer Bauernfamilie. Am 22. Juni 1867 in Löbitz bei Naumburg geboren, wurde er zuerst Landwirt. Nach Ausbildung und Anlernzeit verwaltete er ein Landgut, mehr schlecht als recht, wie er später in seinen Erinnerungen anmerkte. Nachts frönte er seinem Hobby: lesen, oder besser studieren in Anbetracht seiner Lektüre. Romantische Literatur, Werke über Kunstgeschichte und griechisches Altertum faszinierten ihn mehr als Bäume und Kühe.

Mit zwanzig Jahren erlitt er einen Nervenzusammenbruch und beschloss im Zuge einer Selbsttherapie, das Milieu zu wechseln. Er wollte Buchhändler werden, um damit Neigung und Beruf ein wenig aneinander anzugleichen. 1888 begann sein Lehrlingsdasein bei einem kleinen Verlag in Halle an der Saale. Nebenbei hörte er an der Hallenser Universität Vorlesungen über Romantik und Darwinismus, setzte sich mit Nietzsche und Rousseau auseinander.

Um sich von seinen zeitweise schweren Depressionen zu kurieren, begab er sich auf Reisen; die Schweiz und Italien waren unter anderem seine Ziele. Von Florenz aus gab er 1896 die Gründung seines eigenen Verlages bekannt.

Es war die Zeit, in der die Anfänge der modernen Buchkunst zu suchen sind. Seit einem Jahr existierte der "Pan", die erste deutsche Zeitschrift, die sich mit der künstlerischen Wiedererweckung des Buches auseinander setzte. Aus deren Kreisen stammte der Karlsruher Maler E. R. Weiß. Zwei Gedichtbände, von ihm geschrieben und illustriert, bildeten den Einstieg des Eugen Diederich Verlages. Eine Tatsache, die den Idealismus des Verlegers widerspiegelt und das Glück herausforderte. Das Schicksal jedoch war dem Unternehmer Diederichs geneigt, zwar landete er nie einen Bestseller, aber er schaffte es, seinen Ansprüchen treu zu bleiben.

Preisgekrönter Verleger

Von Anfang an legte er viel Wert auf die künstlerische Ausgestaltung seiner Bücher: Hochwertiges Papier und Fadenheftung waren seine Qualitätsmerkmale. Einige Exemplare des Verlages wurden als Beispiele für gelungene Buchkunst auf Ausstellungen in Paris, Dresden und Brüssel preisgekrönt. Man behauptete von Diederichs, er denke in Serien, nicht in einzelnen Büchern. Er bestätigte dies, Buchserien zu einem Thema hätten eine dauerhaftere Wirkung als ein isoliertes Werk. Seine erste Reihe widmete er den Kulturkritikern, später konzentrierte er sich auf Kulturgeschichte und moderne Erziehung.

Verleger mit reformpädagogische Ader

Hier setzte seine pädagogische Verlagstätigkeit mit einer kritischen Betrachtung des Bestehenden ein. Er selbst hatte aus Unmut über den Schulbetrieb diesen vorzeitig verlassen. Und er stand mit dieser Einstellung nicht allein, in den so genannten Schülerromanen rechneten um die Jahrhundertwende Schriftsteller wie Hermann Hesse, Rainer Maria Rilke, Heinrich und Thomas Mann mit der Unterdrückung der Heranwachsenden ab. Sein Engagement erschöpfte sich allerdings nicht im alleinigen Verlegen der Reformpädagogen; in der seit 1912 von ihm herausgegebenen Zeitschrift "Die Tat" veröffentlichte er seine eigenen Standpunkte und bot ein Diskussionsforum. Die Ära der Serien und Reihen fällt in die Zeit nach dem Jahr 1904, in dem der Hauptsitz des Verlages ins "reformfreudigere" Jena verlegt worden war.

Diederichs wurde über das Verlegen von Büchern hinaus zum Organisator. Er beteiligte sich an der Gründung von Zusammenschlüssen der Reformbewegungen (Werkbund, Thüringer Volkshochschule), organisierte Aufführungen der Schulen der neuen Gymnastik- und Tanzbewegung und Ausstellungen der Reformbestrebungen im Kunstgewerbe. Nach dem ersten Weltkrieg sah er seinen Bemühungen den wirtschaftlichen Boden entzogen. Die soziale Schicht, der er sich zugehörig fühlte - das Bildungsbürgertum, befand sich in Auflösung, und somit auch sein Absatzmarkt. Der Verleger spürte seine Isolierung. Er begann sich mehr der Vergangenheit zuzuwenden und suchte mit seiner großen historischen Reihe "Deutsche Volkheit" Anschluss an die rechtsradikalen Gruppen des Bürgertums.

Rückbetrachtend erläutert Diederichs in seinen Lebenserinnerungen: "Mein ganzer Verlag beruht auf meiner Persönlichkeit und meinen persönlichen Anschauungen. Ich habe immer aus dem Verhältnis zum Irrationalen meines Wesens verlegt. Die Universalität des Verlages kam einfach ohne Programm aus der Absicht dem Leben zu dienen und Geburtshelfer am schöpferisch Neuen zu sein."

Am 10. September 1930 starb der Verleger in Jena.

Zuletzt aktualisiert: 21. August 2007, 15:59 Uhr