21. April 1892: Patent für das Ehrhardtsche Preß- und Ziehverfahren Heinrich Ehrhardt

(1840-1928)

Geboren wurde Heinrich Ehrhardt am 17. November 1840 im thüringischen Zella St. Blasii als Kind der ledigen Barbara Ehrhardt. Da sein Großvater väterlicherseits die Heirat seiner mittellosen Eltern verhinderte und seine Mutter mit der schriftlichen Zusicherung über eine einmalige Unterhaltszahlung wieder zu ihren Eltern zurückgeschickt hatte, wuchs Ehrhardt in der Familie seiner Mutter auf.

Nachdem ihm zuerst die Mutter und dann auch die Großmutter gestorben waren, nahm sich ein Onkel des Elfjährigen an. Bei ihm, der eine Schmiede und eine mechanische Werkstatt in Zella St. Blasii besaß, ging Ehrhardt nach dem Besuch der Volksschule für vier Jahre in die Lehre. Seinen Lehrbrief musste er sich jedoch auf juristischem Weg erstreiten. Wegen der Grobheiten seines Onkels war er zwei Monate vor Ende der Lehrzeit auf Wanderschaft gegangen. In den folgenden Jahren arbeitete er in mechanischen Werkstätten in Erfurt, Sömmerda und Gotha, bevor er in die bedeutendste Maschinenfabrik Sachsens, nämlich zu Richard Hartmann nach Chemnitz wechselte. Hier arbeitete er als "Vorreißer", der die Ausführung der technischen Zeichnungen überwachte.

Stets arbeitete Ehrhardt an seiner persönlichen Weiterbildung. Nach der Arbeit befasste er sich mit mathematischen und physikalischen Problemen und nahm Zeichenunterricht im Freihandzeichnen und im Bau- und Maschinenzeichnen.

Bei einem Gartenkonzert in Chemnitz lernte der Einzelgänger Ehrhardt Augustine Winckler, die Tochter eines Werkmeisters bei Richard Hartmann, kennen und heiratete sie am 29. September 1866.

Kurz vorher hatten Erhardt und sein Schwager sich selbständig gemacht. Mit einer geborgten und gebrauchten Drehbank, einer Bohrmaschine und einem Schmiedefeuer eröffneten sie in Ehrhardts Heimatort einen kleinen Maschinenbetrieb. Allein die Zahlungsmoral der Kunden, besonders der Thüringer Brauereien, ließ zu wünschen übrig und die kleine Fabrik musste bereits 1869 wieder geschlossen werden.

In diese Zeit fällt eine der ersten und bekanntesten Erfindungen Ehrhardts: der Glockenkorkenzieher mit Gewindespindel, der ein kraftsparendes Herausziehen des Korkens aus dem Flaschenhals ermöglicht und der noch heute mit gleichem Wirkprinzip gefertigt wird.

Nach dem Ende seiner Firma nahm Ehrhardt eine Stellung als Werkmeister in der Maschinenfabrik und Eisengießerei Hermann Kulke in Sommerfeld in der Niederlausitz an. In dieser wie in allen bisherigen Anstellungen zeichnete sich Ehrhardt durch Geschick und kluge Vorschläge aus. Wegen seiner Fähigkeiten nannte man ihn bald anerkennend den Maschinen-Doktor.

In wieder gestärktem Vertrauen auf seine Fähigkeiten ließ er sich 1870 in Chemnitz als Zivil-Ingenieur nieder. Hierbei verdiente Ehrhardt sein erstes Kapital. Er fertigte für die Firma Schäffer & Budenberg in Magdeburg eine Zeichnung einer doppelt wirkenden Pumpenkonstruktion und ließ ein Modell davon anfertigen. Zu seiner Überraschung gingen die Auftraggeber auf den von ihm geforderten Preis von 500 Talern anstandslos ein. Nach eigenen Worten hatte Ehrhardt bis dahin so viel Geld nicht gesehen, geschweige denn besessen.

Auf seinen sich anschließenden Reisen lernte er das Gussstahlwerk König & Reunert in Annen im Ruhrgebiet kennen und fing Ende 1871 als Betriebsingenieur mit hohem Gehalt dort an. Nach Differenzen siedelte er zwei Jahre später mit seiner Familie nach Düsseldorf über und ließ sich wieder als Zivil-Ingenieur nieder.

Hier verdiente er in den folgenden Jahren das nötige Startkapital für die späteren Firmengründungen. Finanziell weit besser gestellt als 1866, wiederholte Ehrhardt nun 1878 sein damaliges Vorhaben und gründete in Zella St. Blasii eine kleine Werkzeug-Maschinenfabrik. Zur Wahl des Firmenstandortes sagte er selbst: "Nur die Liebe zu meiner Heimat mit ihren Bergen und Hochwäldern hat mich bei diesem Vorgehen geleitet, denn es hätte viel näher gelegen, hier im Industriegebiet [gemeint ist das Ruhrgebiet] Fuß zu fassen." In der Tat war der Standort entgegen aller logistischen Vernunft gewählt, da kein Eisenbahnanschluss existierte und alles Material durch Fuhrwerke von Gotha oder Meiningen herangeschafft werden musste.

Der geschäftliche Durchbruch stellte sich mit der Erfindung der Handkaltsäge mit rotierendem Sägeblatt ein, die Eisenbahnschienen passend kürzen konnte. Abnehmer fanden sich nicht nur in ganz Deutschland und Europa, sondern auch in Übersee.

Eine weitere "Spezialität" des Werkes waren Hochleistungsmaschinen für die Bearbeitung von Eisenbahnwaggon- und Lokomotivrädern. Die dafür von Ehrhardt entwickelte Neukonstruktion einer Räderdrehbank ließ er sich patentieren. Damit begannen die in den folgenden Jahrzehnten immer mehr steigenden Einnahmen aus Ehrhardts Patentlizenzierungen.

Der Einstieg Ehrhardts in die Waffenproduktion führte ihn dann auf die Höhe seines Erfolges und zur Gründung der Rheinischen Metallwaren- und Maschinenfabrik AG. Eine weitere Firmengründung initiierte Ehrhardt 1896: die Fahrzeugfabrik in Eisenach. Hier entstanden Fahrräder und Kraftwagen.

Vor und während des Ersten Weltkrieges lief die Rüstungsproduktion in allen Werken Ehrhardts auf Hochtouren und der Monarchieanhänger sah darin seinen Beitrag zum Sieg seines Landes. Die von ihm selbst entwickelten Ehrhardtschen Geschütze gingen nach Großbritannien, Norwegen, Russland, Österreich-Ungarn, in die USA, Frankreich und in die Türkei. Schon vor Kriegsende, begann Ehrhardt allerdings weitsichtig die Produktion auf Lokomotiven umzustellen.

Überzeugt davon, dass Deutschland den Krieg aufgrund einer ausländischen Verschwörung und dem Wirken von Verrätern im Innern verlor, wodurch man die von ihm so verehrte Monarchie einbüßte, starb Ehrhardt am 20. November 1928 in seiner Heimatstadt.

Zuletzt aktualisiert: 06. Mai 2009, 13:01 Uhr