1816: Neubegründung der Philosophie in Jena Jakob Friedrich Fries

(1773-1843)

Die Kindheit des am 23. August 1773 in Barby an der Elbe geborenen Jakob Friedrich Fries war vom Glauben bestimmt. Sein Vater war zunächst Pfarrer in Mömpelgard gewesen, bevor er in die Herrnhuter Brüdergemeine eintrat. Dort verbrachte Fries seine ersten Lebensjahre. Später kam er in die Obhut der Brüdergemeine zu Niesky, da sein Vater sich wegen vieler Reisen nicht um ihn kümmern konnte.

Nach Auskunft seiner Biographen waren diese Jahre prägend für Fries’ charakterliche Entwicklung. Wegen seiner labilen Gesundheit war der Knabe oft gezwungen, wochenlang allein im Krankenzimmer zu verbringen - reduziert auf die Betrachtung seines Seelenzustandes: der Anfang seiner später zur Methode entwickelten psychologischen Selbstbeobachtung.

Bereits zu dieser Zeit entstand in ihm allerdings eine Abneigung gegen die „passive herrnhutische Gefühlsreligiosität". An der Existenz eines Gottes zweifelte er jedoch nie: „(...) irgendeine Wahrheit des Übersinnlichen müsse es aber geben, denn die allem überlegenen Ideen von Gottheit und Freiheit könnten aus dem Sinnlichen nicht entsprungen sein."

Der Unwille gegen die Herrnhuter Religionsauslegung schlug sich in der Wahl seiner Studienfächer nieder: Statt Theologie begann er 1795 in Leipzig zunächst Jura und Philosophie zu studieren; zwei Jahre später nahm er in Jena ein naturwissenschaftliches Studium auf. In der Mathematik suchte er nach Gewissheiten, die ihm sein Glauben allein nicht geben konnte.

1801 wurde Fries Privatdozent in Jena. In dieser Position schrieb er seine ersten wichtigen philosophischen Schriften und ordnete sich in den zeitgenössischen Diskurs ein. Mit seiner Streitschrift „Reinhold, Fichte und Schelling" von 1803 grenzte er sich gegen die spekulative Philosophie des deutschen Idealismus ab. Was Philosophie leisten sollte, machte Fries mit dem Titel einer weiteren Streitschrift deutlich: „System der Philosophie als evidente Wissenschaft". Dabei ging es ihm nicht um Methodik allein. Die „unverrückbare Wahrheit" sollte die Philosophie bereitstellen; denn „wenn es nicht eine von aller Mythologie verschiedene Philosophie als Wissenschaft gibt (...) so müssen wir unsere Bemühungen ganz verloren geben".

Zur Erkenntnis der „unverrückbaren Wahrheit" wäre nach Fries nur durch intensive psychologische Selbstbeobachtung zu gelangen. Denn die Wahrheit existierte gleichsam als vorbewusste Einheit, die im Prozess reflektierender Selbstbeobachtung ins Bewusstsein zu heben wäre. Man könnte sie, nachdem sie durch ein Wahrheitsgefühl bekannt geworden wäre, im Begriff der „absoluten Wahrheit" erst nachträglich denken.

Begeisterungsstürme konnte Fries damit in Jena allerdings nicht ernten. Schelling, der bereits seit 1798 in Jena lehrte, hatte die Studenten mit seiner Naturphilosophie für sich gewonnen und ließ wenig Raum für die vergleichsweise spröden Denkangebote von Fries. 1805 ernannte man diesen zwar zusammen mit Hegel zum außerordentlichen Professor, aber erst sein Weggang an die Universität Heidelberg gab ihm die Möglichkeit, aus dem Schatten Schellings herauszutreten.

In Heidelberg verbrachte Fries elf Jahre. Zusätzlich zu seinem Lehrstuhl für Philosophie hatte er auch den Lehrstuhl für Physik inne. In dieser Zeit legte er die Grundlage für sein philosophisches Schaffen: 1807 erschien sein Hauptwerk „Neue oder anthropologische Kritik der Vernunft". In Heidelberg reifte in Fries aber auch die Überzeugung heran, dass Philosophie nicht allein der Wahrheitssuche verpflichtet sein könnte.

Die napoleonischen Eroberungen und die Befreiungskriege hatten Fries derart in Aufruhr versetzt, dass er sich verstärkt politischen Themen zuwandte. Nach der Leipziger Völkerschlacht trat er in Flugschriften und Reden für eine Neugestaltung des öffentlichen Lebens ein.

Sein politisches Engagement brachte ihm vorerst die Anerkennung ein, um die er mit seinem philosophischen Schaffen jahrelang gekämpft hatte. So nahm er 1816 den Ruf des thüringischen Herzogs Carl August an, an der Universität Jena die Philosophie neu zu begründen. Hatte er Jahre zuvor noch unter dem Desinteresse der Studenten gelitten, so fand er jetzt Zustimmung für seine patriotische Haltung.

Fries’ Überzeugung, nur über eine Reform des Geistes und der Gesinnung der Menschen eine gerechte Staatsverfassung für die deutschen Staaten zu erreichen, brachte ihn schließlich der Burschenschaft nahe und ließ ihn 1817 am Wartburgfest teilnehmen. Für seinen politischen Aktionismus musste er jedoch bezahlen: 1819 wurde er von seinem Amt suspendiert. 1824 als Professor für Mathematik und Physik rehabilitiert, erhielt er die volle Lehrfreiheit allerdings erst 1837 zurück.

Kurz vor seinem 70. Geburtstag ist Fries am 10. August 1843 in Jena gestorben.

Zuletzt aktualisiert: 23. September 2010, 10:36 Uhr