17. Dezember 1777: Fragmentstreit mit Lessing Johann Melchior Goeze

(1717-1786)

Als Sohn des Diakons Johann Heinrich Goeze kam Johann Melchior Goeze am 16. Oktober 1717 in Halberstadt zur Welt. In seiner Heimatstadt besuchte er die Schule und beendete sie nach der Versetzung seines Vaters in Aschersleben. Sein Theologiestudium führte ihn nach Jena. Ab 1736 promovierte er in Halle bei dem damals sehr bekannten A. G. Baumgarten. Nach Aschersleben zurückgekehrt, vertrat der junge Theologe die folgenden Jahre mehrmals seinen schon kränklichen Vater im Predigtdienst.

Vierundzwanzigjährig wurde Johann Melchior Goeze in seiner Heimatstadt zum Adjunctus ministerii gewählt, ein Jahr später ordiniert und 1744 zum Diakon an der St. Stephanskirche ernannt. Die folgenden neun Jahre arbeitete er nun als Kollege seines Vaters. Während dieser Zeit erschienen erste Predigten und Betrachtungen. Zwei Jahre nach der Wahl zum Diakon heiratete er Johanna Rosina Derling, die Tochter des Bürgermeisters von Aschersleben.

Nachdem Johann Melchior noch 1749 wegen der Krankheit seines Vaters den ersten Ruf nach Magdeburg abgelehnt hatte, folgte er nun ein Jahr später doch einem weiteren Ruf nach Magdeburg als Prediger an die Hl. Geist Kirche. Bereits zwei Jahre später ernannte man ihn hier zum Pastor.

Durch seine Predigten und Schriften, die sich meist mit dem Tod, der Auferstehung, dem Gericht und dem ewigen Leben befassten, wurde Pastor Goeze schnell weit über die Grenzen Magdeburgs hinaus bekannt. So wurde man auch in Hamburg auf den Prediger und Schriftsteller aufmerksam und als der dortige Hauptpastor der Gemeinde St. Katharina 1754 starb, wählten ihn die Hamburger zu seinem Nachfolger. Ein Ruf nach Hamburg war damals eine große Ehre, da nur die bedeutendsten Theologen der lutherischen Kirche Deutschlands dafür in Betracht kamen.

Am 13. November 1755 begann der energische Theologe und begabte Prediger, gerade 38 Jahre alt, sein Amt als Hauptpastor in Hamburg und versammelte von Beginn an eine große Hörerschar in der St. Katharinenkirche um sich. Die ersten Jahre seiner Amtszeit verliefen ruhig, so dass er sich der literarischen Tätigkeit widmen konnte. Seine Predigten bezogen sich meist auf aktuelle Themen, wobei er immer das orthodoxe Luthertum vertrat. Damit zog Goeze bald Gegner an und in Flug- und Streitschriften hatte er mehrere große Auseinandersetzungen zu bewältigen.

Schon bald war er einer der bekanntesten Theologen, die sich der immer weiter um sich greifenden Aufklärung und ihrer angeblichen Sittenlosigkeit im Volk widersetzten. Doch die Angriffe gingen nicht nur gegen die von ihm vertretene Lehre, sondern auch er selbst wurde zur Zielscheibe von Spott und Hohn.

Besonders seine Auseinandersetzung mit Gotthold Ephraim Lessing nahm ein Ausmaß an, dass man heute sagen kann, sie bildete ein eigenes Kapitel in der damaligen Geistesgeschichte. Lessing war damals und gilt auch noch heute als einer der herausragendsten Vertreter der deutschen Aufklärung, der sich für Vernunft, Toleranz, Freiheit und Menschlichkeit einsetzte und sich gegen kirchliche Bevormundung und Fürstenwillkür wandte.

Zwischen 1774 und 1777 veröffentlichte er die „Fragmente eines Unbekannten". Diese stammten aus der Schrift „Die Apologie oder Schutzschrift für die vernünftigen Verehrer Gottes“ eines Hamburger Gymnasialprofessor. Daraufhin entstand eine Diskussion zwischen Lessing und Gegnern, in die Goeze im Dezember 1777 eingriff.

In den folgenden Jahren führten Lessing und Goeze einen Streit miteinander, bei dem beide aus ihrer Geisteshaltung heraus ohne Kompromisse und Toleranz kämpften. Dabei war Lessing schon von Sprache, Form und Argumenten her Goeze überlegen. Stützte dieser sich doch auf die Argumente der Orthodoxie, um die Heilstatsachen des christlichen Glaubens zu verteidigen. Goeze sah sich gezwungen jeden Versuch der Aufklärung, aus dem Christentum eine Religion der Vernunft zu machen, zu verhindern.

Der Streit zog sich mehrere Jahre hin und sowohl Lessing als auch Goeze verließen nur allzu häufig die sachliche Ebene und griffen den Gegner persönlich an, was die Diskussion noch mehr verschärfte. Höhepunkt der Auseinandersetzung waren dabei sicherlich die von Lessing 1778 herausgegebenen Streitschriften „Anti-Goeze".

Je mehr sich der Pastor unter den Tonangebern seiner Zeit fremd fühlte und es in seinem Haus einsamer wurde - seine Frau und drei seiner vier Kinder waren schon vor Ausbruch des Streites mit Lessing gestorben - widmete er sich seinen biblischen Studien. Die Arbeiten zur Geschichte des gedruckten Bibeltextes und der Vergleich der verschiedenen Ausgaben der lutherischen Bibelübersetzung haben bis heute noch Geltung.

Im Alter von 68 Jahren starb Johann Melchior Goeze am 19. Mai 1786 in Hamburg.

Zuletzt aktualisiert: 17. September 2010, 13:08 Uhr