26. Februar 1866: Ladegast erhält den Auftrag zum Bau der Orgel im Schweriner Dom Johann Friedrich Ladegast

(1818-1905)

Am 30. August 1818 in Hochhermsdorf geboren, wuchs Johann Friedrich Ladegast zwar nicht in einer traditionellen Musikerfamilie auf, doch die Liebe der Mutter zur Musik prägte den Sohn. Einen weiteren Impuls erhielt er von seinem Vater: Als Zimmermann brachte dieser Röhrenabfälle zum Verbrennen mit nach Hause. Ohne Vorkenntnisse erarbeitete sich Johann Friedrich spielerisch Kenntnisse über das Flötenspiel und über Röhrentöne. Musikbegeisterung und ein ungewöhnliches handwerkliches Geschick fügten sich bei ihm zusammen.

In einer eigenen Notenschrift notierte er sich als Kind Tonfolgen, die er besonders mochte und dachte über Klänge nach, die er in seinem Inneren wahrnahm. Als Heranwachsender baute er heimlich bei Kerzenlicht Orgeln, wie sie sein Bruder als Orgelbauer aufstellte und wie sie in seinen Träumen vorkamen.

Johann Friedrich war ein hochbegabter junger Mensch, der vom regulären Schulunterricht unterfordert war; daher erhielt er Klavierunterricht. Seine Persönlichkeit zeichnete sich aus durch starken Willen, Fleiß, Idealismus und Perfektionismus. Sein Ziel war es, Orgelbauer zu werden. Mit 14 Jahren trat er in Geringswalde bei seinem Bruder Christlieb in die Lehre. 1838, im Alter von 20 Jahren, schuf Ladegast sein erstes Werk: eine einmanualige Orgel mit neun Registern für die Dorfkirche in Tanneberg.

Während seiner Wanderjahre studierte Friedrich Ladegast bei führenden sächsischen Orgelbauern Intonation und Bauweise der großen sächsischen Silbermann-Orgeln: in Leipzig bei Johann Gottlieb Mende, bei Urban Kreutzbach in Borna und bei Zuberbier in Dessau. Anschließend ging Ladegast in ein weiteres Zentrum der Silbermann-Nachfolge, nach Straßburg. Einige Jahre arbeitete Ladegast vermutlich bei Aristide Cavaillé-Coll, dem bedeutendsten französischen Orgelbauer des 19. Jahrhunderts und eine berufliche Freundschaft verband beide auch noch später. In der französischen Hauptstadt erhielt Ladegast wichtige Anregungen für seinen Orgelbau: französische romantische Elemente machten sich bemerkbar in der Gravität der Zungenpfeifen, dem Farbenreichtum der Teiltöne sowie dem Charakter des Zungenklangs.

1846 kehrte der Orgelbauer um viele Erfahrungen reicher zurück. In Weißenfels ließ er sich im Alter von 28 Jahren nieder und gründete seine eigene Werkstatt. Allerdings machten ihm eine Hungersnot im Jahre 1847 und die 1848er Revolution den Anfang schwer. 1849 erhielt der Instrumentenbauer den ersten Auftrag in Geusa, einem Dorf bei Merseburg, wo er eine kleine Orgel errichten sollte. Die Arbeit wurde sein erster wichtiger Erfolg, denn mit ihrer Qualität warb er um die Gunst zukünftiger Auftraggeber.

Im Alter von 32 Jahren heiratete Ladegast die 24jährige Bertha Lange, Tochter des Weißenfelser Stadtorganisten. Das gemeinsame Orgelspiel spendete ihnen Trost in ihrer langen Ehe, denn sie mussten sechs ihrer Kinder begraben. Zwei Söhne, Friedrich Ernst und Friedrich Oscar, sowie die Tochter Elisabeth zogen sie gemeinsam groß.

Unter den frühen Werken Ladegasts ist die Orgel in Hohenmölsen von 1851 mit 24 Registern die größte; sie wurde bis in die heutige Zeit kaum verändert. Der Hohenmölsener Organist Braehmig beurteilte die Arbeit Ladegasts: „Bei unbefangener, gerechter Würdigung dessen, was dieser Mann hier gethan hat, wird und muß man gestehen: daß derselbe (der, beiläufig bemerkt, sich auch als Mensch durch Bescheidenheit und Liebenswürdigkeit in hohem Grade auszeichnet) jede Aussicht auf besonderen pecuniären Gewinn verschmäht, sondern gegenteils im Interesse seiner Kunst Opfer gebracht hat, die in der That bedeutend sind, und seine Uneigennützigkeit, sowie das Bestreben, nicht ausschließlich zu arbeiten, um zu leben, am sichersten documentieren." Diese Charakterisierung, die man immer wieder über Ladegast lesen kann, gab den Ausschlag für den Auftrag, die Merseburger Domorgel zu reparieren, woraus später der Neubau des Instruments entstand. Der Erbauer verstand es, die barocken Stimmen aus der alten Orgel mit den damals modernen weichen „romantischen" Registern zu verbinden; das macht die einmalige klangliche Variationsbreite der Domorgel aus, die zur Zeit Ladegasts die größte in Deutschland war. Beim Einweihungskonzert am 26. September 1855 spielte ein Schüler Franz Liszts, Alexander Winterberger, die Prophetenphantasie, die er gemeinsam mit Liszt zu diesem Anlass geschaffen hatte.

1857 baute Ladegast seine erste dreimanualige Orgel mit 34 Registern für die Kirche der Landesschule Schulpforte. Der zweite große Auftrag seines Lebens war der Bau der Orgel in der Leipziger Nikolaikirche, die am 16. November 1862 eingeweiht wurde. Zur Vorbereitung dieses Projekts unternahm er eine Studienreise nach Süddeutschland und Frankreich. In den nächsten beiden Jahren errichtete er eine dreimanualige Orgel in seiner Heimatstadt Weißenfels und eine 39registrige für die Stadtkirche in Wittenberg. Zahlreiche kleinere Instrumente baute er für die Dörfer seiner Umgebung sowie Görlitz und der Pfalz. Ladegast erhielt sogar Aufträge aus Lettland und Moskau. Eine weitere Ladegast-Orgel wurde mit der Leipziger Paulinerkirche auf Befehl Walter Ulbrichts am 30. Mai 1968 gesprengt.

Endgültig in die erste Reihe der europäischen Orgelbauer seiner Zeit rückte Ladegast mit dem Vertrag vom 26. Februar 1866 über die dritte viermanualige Orgel für den Schweriner Dom. Die technische Neuerung an dieser Orgel waren die pneumatischen Hebel für die Register sowie das Crescendo und Decrescendo - für Deutschland zu dieser Zeit eine Sensation.

1888 übernahm sein Sohn Friedrich Oscar das Unternehmen als „Friedrich Ladegast & Sohn". Johann Friedrich arbeitete nun gemeinsam mit seinem älteren Bruder und seinem Sohn.

Als Ladegasts Frau Bertha nach 42jähriger Ehe 1892 gestorben war, zog sich der Orgelbauer in ein Weinberghaus am Herrenberg zurück. Er nahm nur noch am kirchlichen Leben teil. Am 30. Juni 1905 starb Friedrich Ladegast im Alter von 87 Jahren in Weißenfels. Mit dem Tod des Meisters endete die große Ladegast-Ära; die Enkel des Meisters gingen andere Wege. Außerdem galten die Ladegast-Orgeln zwischen 1890 und 1920 als zu sehr den barocken Traditionen verhaftet; als neuer Trend setzte sich zur Jahrhundertwende die Röhrenpneumatik durch. Daher wurden sie umgebaut oder völlig beseitigt. Die Werkstatt und der Ruhm der Orgeln gerieten in Vergessenheit.

Zuletzt aktualisiert: 23. September 2010, 13:26 Uhr